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Themen - Agneta

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1
Drum Ehrlichkeit und Edelweiß / Lebensreise (Haibun)
« am: Februar 16, 2019, 09:54:58 »
Lebensreise

Im Alter noch war sie umgezogen. Nach einem wilden, prallen Leben voller Eindrücke. Voller Fragen. Auf der Suche nach dem Sinn, auf der Suche nach sich selbst. Eine Nomadenseele schrieb man ihr zu. Eine, die auf dem Weg ist.

Nomadenseele
sucht nur Futterplatz, nicht Heimat.
Schaut doch nie zurück.

Und doch tat sie es. Da waren die Jahre einer behüteten Kindheit. Tannen rauschten, Wälder wiegten Baumeswipfel über steinigem Fels. Schon als Kind kannte sie das: Unten zu stehen, hinauf zu wollen ebenso wie von oben herunter zu schauen. Niemals jedoch herablassend, Immer nur glücklich, die Chance und Gnade des Weitblickes genossen zu haben.

Schaust die Weite an,
die dich sicher trägt ins Fern
für den Augenblick.

Mehr wollte sie von diesen Augenblicken. Als einziges Arbeiterkind in der Siedlung studierte sie, lernte fremde Sprachen, um die verstehen zu können, die anders waren als sie selbst. Geheimnisvoll war das, fast mystisch. Die reich verzierten Kuppeln der Moscheen Nordafrikas, die tosenden Meere unbekannter Küsten, die Lieder afrikanischer Stämme, die zitternden Blüten der Orchideen Sri Lankas, das Lächeln der Menschen, das so viele Bedeutungen haben konnte.

Auf dem Weg allein,
auf der Suche nach sich selbst.
Wurzelvergessen.

Und doch kehrte sie immer wieder heim. Zu ihrer Familie. Sie genoss den Duft, den die alte Kaffeedose verströmte, immer wenn Mutter die Schublade aufzog. Sie roch es sofort, wenn sie nach langem Auslandseinsatz  aus der Ferne erschöpft durch die Türe kam. Die Herzlichkeit der benachbarten Arbeiterfamilien, die Bewunderung dafür, dass eine von ihnen es geschafft hatte, so eine Karriere zu machen, die Wärme, die guten Wünsche, wenn sie wieder ging, das alles gab ihr Bestätigung.

Stärke, Kraft und Halt
geben uns die Wurzeln nur,
die immer binden.

Irgendwann gründete sie eine eigene Familie, doch immer wieder rief die sie Nomadenseele zur Herausforderung. Zur anderen Mentalität, zum fremden Ort
Sie bauten ein Haus weit weg von ihren Eltern. Heimeligkeit und Nestwärme schufen sie für ihr kleines Mädchen. Alles sollte so sein wie sie es von Zuhause kannte. Unzählige Menschen lernte sie kennen, mögen. Studierte Leute, die das gehaltvolle Gespräch mit ihr schätzten und deren oftmals doch kalte, marnorgeflieste Villen ihr ein Schaudern einflößten. Sie passte nicht zum kleinen Schwarzen. Sie mochte kein Surimi und keine Poolparties. Trotz des opulenten Einfamilienhauses aß sie gerne Erbsensuppe und liebte es, mit den Hunden durch Matschfelder zu tollen, auch, wenn sie eine feine Perlenkette trug.
Die Menschen aus den einfacheren Wohnvierteln hielten freundliche Distanz. Man kannte sie nicht, doch offensichtlich war sie  keine von ihnen. Sie war eine von denen. So stand sie immer dazwischen. Irgendwie.


Nomadenseele,
wo gehörst du hin, wohin
im Dickicht dieser Welt?

Als Jahrzehnte später die erwachsene Tochter fort zog und ein Kind bekam, da hielt sie nichts mehr. Sie schaute auf den wuchtigen Walnussbaum, den sie selbst gepflanzt hatte und er wiegte die Krone bedächtig im Wind. Kurzentschlossen verkaufte sie das Haus und zog in eine kleine Wohnung nahe der Tochter und Enkelchen.
Ihre Bekannten rümpften die Nase. Von sozialem Abstieg war die Rede. Ob sie wohl nicht mehr genug Geld habe, wurde gemunkelt. Doch, hatte sie. Und dennoch wählte sie eine Wohnung aus den Siebziger Jahren. Dort wohnten noch viele Arbeiterfamilien, die die Wohnungen ursprünglich gemietet und sie dann gekauft hatten, als sie zu Eigentumswohnungen umgewandelt worden waren.
Von Anfang an fühlte sie sich von dieser Wohnanlage angezogen, denn sie erinnerte sie an den Ort, an dem sie aufgewachsen war. Ein Mischmasch von Menschen aus ganz Deutschland lebte nun hier:  Aus dem Ruhrgebiet, Rheinland, Bayern, aus dem hohen Norden und auch einige ehemalige Gastarbeiter. Menschen, die ihre Heimat verlassen hatte, weil ihnen das große Chemiewerk bessere Verdienstmöglichkeiten versprach. Alle waren zu bescheidenem Wohlstand gelangt und alle hatten sich irgendwie zusammengerauft.

Nun wohnte sie schon ein halbes Jahr hier. Gerne hielt sie ein Pläuschchen mit den direkten Nachbarn, einer warmherzigen ehemaligen  Bergmannsfamilie aus dem Kohlenpott. Wieder einmal saß sie heute bei ihnen in der Küche, um ihnen kurz den Wohnungsschlüssel zu geben, falls etwas mit dem Hund wäre. Ihr Mann und sie wollten einen Ausflug machen.
Die alten Leutchen lächelten verständnisvoll. Sie liebten Hunde. Als der Mann die Schublade aufzog, um den Schlüssel hineinzulegen, roch es nach Kaffee und einer alten Blechdose.

Nomadenseele
Schaust zwar nie zurück und doch
fandest du den Platz,

wo du ruhen kannst,
in dir selbst die Wurzeln spürst
nach langer Reise.












2
Im Gras wispert Hoffnung / Die Wohnung
« am: Februar 07, 2019, 11:16:42 »
Die Wohnung

1

Und wieder saß ich stille wartend da,
obwohl ich Warten überhaupt nicht mochte.
Derweil ich meine Bankauszüge lochte
und die Entscheidung klar umrissen sah.

Doch dieses Mal entschied ich nicht allein.
Ein Makler würde die Signale stellen.
Ich hörte meinen Hund im Hausflur bellen,
er wollte wie sein Frauchen zornig sein.

Ich wollte Töchterchen die Wohnung schenken,
doch viele wollten diese Wohnung haben.
Ach, niemals würde ich mich je verrenken
und wie ein Esel stumm im Kreise traben.

Für Töchterchen mit ihrem Küsschenmund?
Ich fluchte laut und streichelte den Hund.

2

Da klingelte das schwarze Telefon
und Töchterchen rief in den Apparat.
„Ich mache doch für den jetzt nicht Spagat,“
Recht laut. So trug Erziehung reichen Lohn.

Ich grinste, fragte spöttisch: “Nicht, mein Kind?
Sag, magst du denn die Wohnung nun nicht mehr?“
„Wir laufen denen doch nicht hinterher,
Mamuschka, wenn die zu uns dämlich sind.“

Da schwieg ich still und Stolz erfüllte mich.
Auf meinen Vater, der uns dieses lehrte,
uns trug, dass niemals jemand uns versehrte,
und auf mein Kind, die ihm und mir so glich.

Mein Töchterchen mit ihrem Küsschenmund.
Ich lächelte und streichelte den Hund.


3
Wo Enzian und Freiheit ist / Tide
« am: Februar 03, 2019, 11:10:30 »
Tide

Hat sich gedrängt im vagen Überfluss
Als kleiner Teil des großen Überhanges,
als Trittbrettfahrer eines Neuanfanges,
sich eingeleibt im wohlig warmen Regenguss.

Was sich verspülte zwischen Nacht und Tag,
sie niemals drängte an des Felsens Wände,
und fein gecremte Hände sprechen Bände
von dem, was nie in ihren eignen Händen lag.

Hat sich gedrängt und über, über fließt,
was ihr trotz Überhang doch nie gelang:
Das echte Neu im ewig alten Zwang,
das ihr die Flut nun vor die müden Füße gießt.

Für B.


4
Wo Enzian und Freiheit ist / Zeit nah
« am: Januar 27, 2019, 11:30:57 »
Zeit nah

Und als ich saß und träumte,
bewachte mich die Zeit.
Und als ich still erwachte,
trug ich ein Büßerkleid.

Und als ich lief und schaffte,
verlachte mich die Stunde
und drehte wie zum Hohn mir
noch schneller ihre Runde.

Und als ich Resümmee zog,
da machte ich die Fenster zu,
als sich ein Baum im Herbstwind bog
und dachte, dass die Zeit betrog.

Da nahm ich Hund und Wanderschuh
und scherte mich um gar  nichts mehr.
Und plötzlich lief die Zeit verquer
im Irgendwo ins Leer.

5
Eulenspiegeleien / Ich hab's meist nicht...
« am: Januar 24, 2019, 11:12:50 »
Ich hab’s meist nicht

Ich hab’s meist nicht mit Frauen.
Ich kann nicht wie sie schauen,
ich hab nicht ihre Ticks
und kenn nicht ihre Tricks.

Ich hab nicht ihre Themen,
da müsste ich mich schämen.
Sie klagen über Mann und Kind.
Verdammt, ich weiß nicht, was sie sind.

Ich brauchte nie Schmierage
und auch nicht Apanage.
Steck meinen Diamant
mir selber an die Hand.

Ich lieb mein Kind, den Hund,
Diätquatsch find ich Schund.
Ich liebe meinen Bauch
und den von Männe auch.

Jaja, ich bin ’ne Frau,
das weiß ich ganz genau!
Doch meine beste Freundin- cool-
ist männlich und seit ewig schwul.

6
Im Gras wispert Hoffnung / Das Geschenk des Lebens(Ghasele)
« am: Januar 19, 2019, 13:51:56 »
Geschenk des Lebens

Da war er, dieser Wimpernschlag.
Er schenkte mir den lichten Tag,
an dem die Schwere dieser Frage
nach dem Warum nicht auf mir lag.

Da war er, dieser kühne Blick.
Er führte Jahre mich zurück.
Zum Waldspaziergang, dir ganz nah
in Harmonie und Tochterglück.

Da war sie, diese sanfte Hand,
die mich so eng an Vater band,
die ich nach langer Zeit des Trauerns
in meinem Enkel wiederfand.


7
Eulenspiegeleien / Patrioten
« am: Januar 18, 2019, 14:15:50 »
Patrioten

Als sie von denen sich erfuhren,
da waren sie doch sehr erschrocken,
Die wandelten auf Nazispuren,
und das war schon ein harter Brocken.

Nein, nein wir sind nur Patrioten,
schrien die, drum spart euch diese Schoten.

Nun will der Staat die Bürger schützen,
lässt prüfen, ob die Nazis seien.
Herrjeh, was soll denn das noch nützen,
die Weste ist kariert, nicht rein.

Nein, nein, wir sind nur Patrioten,
schrein die, nicht schlimmer als die Roten.

Genau das hat die stark gemacht,
die Opferrolle, Außenseiter.
Der Höcke hat doch nur gelacht,
speit heiter seine Zoten weiter.

Die schrein, wir sind nur Patrioten
und haben Angst vor vollen Booten.

Und Merkel bleibt und was sie treibt,
ist hierzulande nicht verboten.
Längst haben die sich einverleibt
die Bürgerteile, die sich boten.

Die schrein, wir sind nur Patrioten
und Merz verpasste seine Quoten.

Wenn bei der Wahl die Blöcke kippen,
dann blässen sich auch Muddis Lippen
dann jubeln nur noch Patrioten,
ein ganzes Heer von Vollidioten
uns auferstanden von den Toten.




8
Drum Ehrlichkeit und Edelweiß / Und als sie ging
« am: Januar 10, 2019, 11:53:19 »
Und als sie ging

I

Und als sie ging, hing etwas wie ein Ahnen
um dieses Haus, das seelenleer und stumm
im Winde stand, als wolle es sie mahnen,
als frage es sie vorwurfsvoll, warum.

Und als sie ging, da schmerzten ihre Glieder,
ein jeder Blick tat ihrer Seele weh.
Sie wusste doch, sie käme niemals wieder,
denn eine Stimme in ihr drängte: Geh!

Denn immer wieder war sie so gegangen,
ganz ohne sich noch ein Mal umzudrehen,
die Tränen wie im Eiskokon gefangen.
Nein, niemals sollte diese jemand sehen.

Sie ging - der Wind war immer ihr Gefährte -
und ignorierte, was er sie einst lehrte.

II


Der Wind war ihr stets wie ein Freund gewesen,
so oft trieb er sie an, voranzugehen.
Sie konnte in ihn horchen, in ihm lesen,
doch diesmal konnte sie ihn nicht verstehen.

Nun bläst er immer stärker um den Wagen
und heult, grad so, als wolle er ihr drohen.
Das Lenkrad rollt um ungelöste Fragen,
als wäre sie vor irgendwas geflohen.

Und neben ihr ergießt sich tiefes Tal.
Der große Wagen wirbelt wie ein Blatt,
er schleudert quer. Sie riecht verschmortes Leder.

Ein Bild schwebt ihr, so sanft wie eine Feder:
Wie sie ihr kleines Kind zum ersten Mal
in jenes alte Haus getragen hat.









9
Eulenspiegeleien / Von Nuss- und andren Kackern
« am: Dezember 28, 2018, 10:00:54 »
Von Nuss- und anderen Kackern


Willst deiner Weihnacht du nicht schaden,
dann musst du nur die Leute laden,
die du sehr gern hast, die dich lieben.
Zur Weihnacht musst du einfach sieben.

Die andren, die Korinthen kacken,
die lass allein die Nüsse knacken
und sieh, die Weihnacht wird ein Fest,
wenn du all die nicht kommen lässt.


Inspiriert von meinem 3 j.-jährigen Enkel, der meine edle Weihnachtsdeko „Nusskacker“ nannte.

10
Erzählungen von Tausend und einem Halm / Herr Kunert
« am: Dezember 22, 2018, 13:00:26 »






Herr Kunert

Herr Kunert beugte sich aus seinem Fenster in der  zweiten Etage der vierstöckigen Mietwohnungsanlage. Er beugte sich weit aus dem Fenster, denn unten stand ein Umzugswagen. Mit gekräuselter Stirn beobachtete er die Kopftuch tragenden Frauen, die sich plappernd und lachend vor dem Wagen versammelten, bereit, in seine heile Welt einzufallen wie ein Heuschreckenschwarm.
Herr Kunert hatte immer alles gern im Blick, er wusste gern Bescheid. Und nun wusste er Bescheid. Mit einem Schlage wurde ihm klar, dass diese türkische Familie seine neuen Nachbarn sein würden. Und die Frau war schon wieder schwanger.
Geringschätzig verzog er sein Gesicht. Er mochte keine Kinder, auch keine Hunde. Harz-Vier-Empfänger, wie den Möller von ganz unten, der sommers für die Kinder ein Plastikschwimmbecken aufbaute und die Blagen mit Süßigkeiten abfüllte – den mochte er schon gar nicht. Alle Kinder hatte er aus dem Haus geekelt, sich bei der Verwaltung über zu viel Lärm beschwert, Schmutz und was Kinder sonst noch so machen.
Ein Mal hatte er sogar die Polizei geholt, weil ein Fahrrad tagelang im Kellerflur stand. Sowas geht eben nicht- dafür gibt es doch schließlich Fahrradkeller!
Von Alleinerziehenden hielt er auch nicht viel. Doch die Alleinerziehende, die ganz oben wohnte, die war anders. Anständig eben. Ging jeden Tag arbeiten, studierte noch und die Eltern kamen mit einem fetten Mercedes. Ihr hatte er sogar sein teures Laminat gezeigt und sie hatte wohl erzogen gelobt, wie schön seine Wohnung doch wäre. Ein Mal am Kindergeburtstag aber musste er doch oben klingeln, um zu fragen, ob es nicht etwas leiser ginge. Obwohl die Wohnung zwei Stockwerke über ihm lag. Aber irgendwie konnte er das Lachen im Hausflur nicht ertragen. Seine erwachsenen Kinder besuchten ihn nie, seine Enkel kannte er nicht. Seine Frau litt darunter, er nicht. Undankbare Blagen eben, man tut alles für sie und dann lassen sie sich nie wieder blicken..
Die fein gekleidete Mutter der Alleinerziehenden war an die Tür gekommen, als er geschellt hatte, um sich zu beschweren. Sie trug einen Brilliantring, der teuer war.. So was sah Herr Kunert sofort. Ja, bitte? hatte sie gesagt und es hatte sich angefühlt, als spreche sie zu einem Dienstboten. Ja bitte, Herr Kunert! Sie möchten doch meinem Enkel nicht den Geburtstag verderben? Dabei hatte sie auf der einen Seite einen afrikanischen Mischling im Arm und auf der anderen das kleine Geburtstagskind. Herr Kunert möchte dir zum Geburtstag gratulieren, denke ich, Mäxchen.  Und ihr Blick war vernichtend gewesen.
Herr Kunert hatte keinen Ton mehr herausgebracht und daran gedacht, dass ihr Mercedes größer war als seiner. Er stand vorm Haus. Mit Kölner Nummer, blau metallic, ein Schiff quasi.
Und doch hatte jedes Jahr zu Weihnachten ein Christstern vor seiner Wohnungstür gestanden mit einer netten Weihnachtskarte. Von der Alleinerziehenden. Ja, sie war anders. Aber vor der Tür von dem Möller stand auch einer. Und das ärgerte Herrn Kunert
Aber jetzt zogen hier neben ihm Türken ein. Und über ihm wohnten Serben. Immer freundlich, aber das Kind fuhr nachts mit dem Bobbycar durch die Wohnung und die Eltern lachten nur. Andauernd hatten sie Besuch und es war laut, sehr laut bis nach Mitternacht.
Doch als er die Verwaltung anschrieb, antworteten die ihm ganz frech, dass er sich nun so oft beschwert habe, dass es langsam genug sei.
Er hatte es der Alleinerziehenden erzählt, verzweifelt, denn die konnte es gut mit den Serben. Ob sie die nicht mal fragen könnte… Mitleidig hatte sie gesagt:“ Ja, Herr Kunert, jetzt ist es wirklich laut. Das tut mir leid für sie, aber die haben eben eine andere Mentalität. Versuchen Sie es doch einfach mit Freundlichkeit.“ Sie hatte wohl mit der Frau darüber gesprochen, als sie zusammen Tee getrunken hatten und serbischen Kuchen gegessen. Aber geändert hatte sich nichts.
Und nun zogen neben ihm auch noch Türken ein.
Daran musste Herr Kunert nun denken, während er am Fenster wahrnahm, dass immer mehr Verwandtschaft aus beladenen PKW stieg und lärmend und plappernd zum Hausflur strebte. Zwanzig Leute waren das bestimmt schon. Wie im Hühnerstall, dachte er und seine Schulter rechts verkrampfte sich. Und doch waren da auch die Worte der Alleinerziehenden, die ihn nicht losließen -  irgendwie.
Nach einer Weile und einem inneren Kampf öffnete er seine Wohnungstür. Gegenüber stand die Türe offen und er schaute neugierig auf die bunten Teppiche, die jeweils zu einer Rolle gewickelt, an der Flurwand lehnten. Ein dunkelhaariger Mittzwanziger sah ihn misstrauisch an. Guten Tag, willkommen… irgendsowas wollte Herr Kunert sagen. Etwas Freundliches eben. Bevor er jedoch dazu kam, hatte der Mann die Wohnungstür schon zugeschlagen.



11
Wiesengeflüster / Frohe Weihnachten
« am: Dezember 22, 2018, 12:59:51 »
wünsche ich allen Mitautoren. Macht es euch schön.
 LG von Agneta

12
Eulenspiegeleien / Pöttekieker
« am: Dezember 15, 2018, 19:36:21 »
Pöttekieker

AKK – das hört sich so an wie eine Luxusserie von Kochtöpfen mit Druckausgleich und Dämpfsieb. Töpfe. mit denen selbst der Dümmste kochen kann, in denen nie die Sauce anbrennt und von deren Rand sich jeder Fleck abwischen lässt, um spurenlosen Glanz spiegeln zu können.
Die ganze Familie wird mitgenommen. Der junge Bengel, der auf Figur und äußerliche Wirkung achtet. Da passt kein Span zwischen Gürtel und Hose.
Der eher empathielos wirkende, leicht patriarchalische Papa, der jeden Sonntag seinen Gulasch haben will und ansonsten hauptsächlich die Börsenkurse liest.
Bilderbuchkarriere, ein Topf mit vielen Deckeln, der immer eine Nasenlänge voraus ist.
Blank geputzt von allen Muddis oberer Schichten, die selbst mit drei Kindern Beruf und Karriere problemlos miteinander verbinden können. Bieder, verlässlich und echte deutsche Wertarbeit. Ein super ehrliches Weihnachtsgeschenk für jeden in diesem Land. Ein Muss sozusagen. Wie sagen die in den Verkaufsfernsehsendern immer? Ein echtes IT-piece.
Was fürs Leben, mindestens für die nächsten achtzehn Jahre.
Auf den Herd mit Induktion gehievt, ohne sich dabei die Finger zu verbrennen, von Schwiegermuddi, tritt dieser Topf nun an, die Suppe herunterzukochen, die diese angerührt hat.
AKK- alles andere als Gretchen, eher Angie, äh, Anni Karriere, Kirche , Kinder.

Die Homo-Verheirateten dürfen am Tisch leider nicht mitessen. Auch die Ärztinnen, die abtreiben, nicht. Das würde dem christlichen Nächstenbild von AKK nicht entsprechen. Was oder wer  aber ist denn ein christliches Vorbild? Die erzkatholische Kirche, die es bis heute nicht schafft, zu ihren Mißbrauchsverfehlungen zu stehen? Wie viele sind denn in Deutschland praktizierende Katholiken? Die Mehrheit sind doch Atheisten, Andersgläubige oder Protestanten. Back to the roots? Erzkatholisch und hinterm Mond?

In diesem  Suppentopf schwimmen bestimmt noch Markklößchen, selbst gemacht natürlich.
Solch einen Klops musste auch Merz schlucken. Er hatte außer Topfschlagen auf Aluguss nicht viel zu bieten. War wohl zu lange raus aus der Suppenküche, ihm fehlte das Fingerspitzengefühl für die richtige Würze.
Pikant jedoch der zweite Wahlgang und das Angebot, weiter mitkochen zu dürfen. Zum Zwiebelschneiden in Muddis Kochkabinett war er sich aber zu schade, machte auf Black Rock , lächelte und dachte:„Dann erstickt doch an eurer (Ucker)Marksuppe. Ich hasse Markklößchen. Schon immer!“
Wer nun  nicht verstehen will, dass ein Klassebraten besser im Gusstopf schmort als im Luxus-Alu-Topf, der braucht sich hinterher auch nicht über die Haare in der Sauce beschweren. Für alle Delegierten und die, die es werden wollen: Bon Appetit.
Und Muddi macht die Raute, lächelt, schlemmert ein Markklößchen und weiß:
Niemals geht man so ganz!  Wenn man den Deckel schön drauf hält.



13
Drum Ehrlichkeit und Edelweiß / Überfordert (Ghasele)
« am: Dezember 12, 2018, 10:30:43 »
Überfordert


Es schlürfte, gurgelte das braune Watt,
das Land umzu war überschaubar, platt.

Kein Baum besäumte jenen stillen Grund.
Die Frau an seiner Seite schlurfte matt.
Die Nacht fiel still bis auf den Meeresgrund,
der vieles schon in sich verborgen hat.

Er schleifte sie, er schleppte sie zum Meer
und zog das kleine Kind stumm hinterher.

Sie sollt die Flut sehn in des Mondes Rund.
Ihr Schritt war müde, ihre Augen leer.
Die Flut war mit dem Teufel heut im Bund,
sie bog sich auf. Es roch nach Tang und Teer.







14
Eulenspiegeleien / Weihnachtsmann
« am: Dezember 07, 2018, 11:27:15 »
Weihnachtsmann

Es hatte mich gewarnt
ein Etwas, tief in mir.
Man hatte mich gewarnt.
Ich öffnete die Tür.

Es hatte sich getarnt
ein Etwas, draußen vor.
Als Weihnachtsmann getarnt.
Ach, machet hoch das Tor!

Sein weißer Bart, konkav,
erzitterte im Licht.
Na, warst du denn auch brav?
Tja, Jung, ich weiß es nicht.

Er spitzt' den Mund zum Kuss,
das war so seine Art.
Es zitterte sein Bart.
Da gab’s schon auf die Nuss.



15
Zwischen Rosen und Romantik / Weihnachtstränen
« am: November 26, 2018, 18:48:45 »
Weihnachts-Tränen

Tage, die so voller Licht,
waren – sind nicht
mehr.

Platz am Tisch bleibt leer,
seiner, ihrer,
die die Kindheit trugen
mit der Weihnacht in die Stuben.

Nie war es der Gabentisch,
der die Weihnacht leuchten machte.
Wärme, die aus Augen lachte,
war es, die uns wir sein ließ.

Tage, die so voller Licht,
waren,
denn ihr seid nicht
mehr.
 

Für meine Eltern

Anbm. Aus meinem Lyrinband "Lyrische Kristalle", 2014

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