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Themen - Sufnus

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Eulenspiegeleien / Versuch über große Fische
« am: August 17, 2020, 15:54:19 »
Versuch über große Fische

Ist einmal ein dicker Wal
sandgestrandet und litt Qual -
gut zehn Elefanten groß,
trotzdem hilf- und ahnungslos.
Um parabelhaft zu sprechen:
Wachstum mehrt die Trefferflächen.
Magst auch, Kleiner, größer werden,
wird dich doch das Sein gefährden.
Selbst die schwersten Pötte lecken,
wenn sie an den Eisberg ecken.
Ergo nicht auf Größe zähl:
Niemand ist too big to fail.




2
Versuch über die Grundgesamtheit

Wir bunten Tiere sind Lose
in einer Lotterie,
die Ziehung ins Numinose:
ohne Gewinngarantie.

So tragen wir Nummern statt Seelen
und beten stochastisch ins Glück
und wenn wir die Ziehung verfehlen:
Flugs in den Lostopf zurück!


3
Hallo Ihr Lieben! :)
------ Vorrede ------
Leider war ich am Wochenende weitgehend in erzwungenem Offline und konnte mich an den neuesten Entwicklungen hier nicht beteiligen. :)
In den Threads Nekrophiler Friedhofshain und Maiskolbenversteher sah unsere Forenchefin Jenny sich gezwungen moderierend bzw. editierend einzugreifen, was zu gewissen Diskussionen pro und contra geführt hat, sowie bei unserem eKy zu ernstlicher Verstimmtheit und Martin zu Abwanderungsanwandlungen.
Mir scheint, das rechtfertigt einen eigenen Faden hierzu. Den langen Titel bitte ich zu entschuldigen - mir ist nix Prägnanteres eingefallen, auch in dieser relativen Titellänge sind noch etliche Missverständnisse vorprogrammiert, die wir dann aber hoffentlich hier ausräumen können. :)
------ Foren-Moderatoren und Foren-Nutznießer ------
Bevor ich irgendwas zum Inhaltlichen schreibe (soviel vorab: ich habe möglicherweise (?) hier eine von Jenny etwas abweichende Meinung - bin mir aber nicht ganz sicher), wäre m. E. noch eine Art "Präambel nach der Vorrede" angebracht.
Wir normalen "User" des Forums machen hier ja aus einem gewissen inneren Antrieb mit und der gründest sich wahrscheinlich darauf, dass es uns gefällt, hier auf der Wiese unsere Gedichte zu teilen und die Gedichte anderer User zu lesen und ggf. auch zu kommentieren.
Auch wenn die Wiese ohne unsere Beiträge nicht als sinnvolles Forum existieren würde, so sind wir m. E. doch in erster Linie Nutznießer der Wiesen-Existenz. Natürlich kann ein User sich auch entscheiden, sich einem anderen Forum zu zuwenden oder ganz auf ein Forum zu verzichten, aber so lange wir hier beitragen, tun wir dies offenkundig zur Befriedigung unserer Bedürfnisse (Bedürfnis nach Austausch mit Gleichgesinnten; Bedürfnis, schöne Texte zu lesen; Bedürfnis, sich weiterzubilden usw.).
Insofern besteht m. E. hinreichender Grund, Jenny und Panda, die sich um die Weiterführung des Forums bemühen, dankbar zu sein, dass sie uns diese Plattform bieten. :) Danke also nochmal an dieser Stelle!!! (und nebenbei bemerkt: als Panda sich aktuell um das Forenlayout intensiv bemüht hat, gab es nicht sehr viele Dankesbekundungen von Seiten der User... das kann sehr verschiedene Gründe gehabt haben (Schüchternheit z. B.) und lässt keineswegs zwingend auf Undank schließen - man sollte die Frage von Anspruch versus Verpflichtung aber immer wieder neu diskutieren).
Aus der meines Erachtens gegebenen Situation, dass die User den Adminstratoren des Forums in gewisser Weise Dank schulden, ergibt sich nun weiterhin, dass die "Endverbraucher" (= User) beim Bewerten der moderierenden und editierenden Tätigkeit seitens der Administratoren eine gewisse Großzügigkeit walten lassen sollten.
Da andererseits ein Forum ohne aktive Teilnehmer auch sinnnlos ist, sind User allerdings auch nicht völlig rechtlos (nicht im juristischen Sinn sondern im Sinne der "Gerechtigkeit"). Eine sozusagen "alleinherrschaftliche" Situation, in der es Usern grundsätzlich verwehrt wäre, Entscheidungen von Adminstratoren (im Rahmen höflicher Umgangsforen und unter Berücksichtigung einer gewissen Letztverbindlickeit administrativer Entscheidungen) zu diskutieren, würde sehr schnell zu einem unlebendigen Forum führen, dass damit seinen Sinn nicht mehr erfüllt.
------ Konklusion der Vorrede ------
Aus dieser Überlegung heraus nehme ich mir als User das Recht in die Diskussion um den Gebrauch vulgärer Ausdrücke in einem Gedicht und über die Frage von Sprache und Geisteshaltung einzusteigen. Diese meine Haltung relativiert nicht meine grundsätzliche Anerkennung der Berechtigung von administrativen Entscheidungen und ist sicher auch keine Beschneidung meiner Dankbarkeit gegenüber Jenny und Panda. :)
------ Vulgäre Sprache in der Lyrik ------
Die eigentlichen Punkte der Diskussion möchte ich nur kurz anreißen, denn es gibt genug bereits zu meiner Vorrede und Präambel zu sagen und je nach dem, in welche Richtung der Diskurs läuft, macht eine Diskussion der eigentlichen Themen dann mehr oder weniger Sinn - also investiere ich zunächst einmal noch in platz- und ressourcensparender Weise in diese Themen. ;)
Meine Meinung zu Vulgarismen in einem künstlerischen Text ist, dass diese im Großen und Ganzen erlaubt sein sollten, weil es nach meiner Meinung eine grundsätzliche Voraussetzung von Sprachkunst ist, dass sie sich des gesamten Sprachmaterials bedienen darf. Wenn man hier von vorneherein Einschränkungen vollzieht, schlägt sich dies automatisch in einem geringeren ästhetischen (!) Anspruch nieder. Dies ist eine kühne und grob vereinfachende These, die es sehr stark auszudifferenzieren gilt, damit sie zu etwas Sinnvollem führt.
------ Sprache und Geisteshaltung ------
Die Kunst war immer schon ein Feld, in dem Geisteshaltungen auf einander geprallt sind und auf eine unkriegerische Weise Haltungen und Positionen gegeneinander abgewogen und weiter entwickelt werden können. Gut also, dass es die Kunst gibt und wir nicht jeden inhaltlichen Dissens im Duell entscheiden müssen - klingt etwas überspitzt, aber man schaue sich Zeiten an, in denen die Kunst in der Hand von fürstlichen Mäzenen war und daher zur Entwicklung sozialer Debatten nichts beitragen konnte, das waren vergleichsweise (noch viel) unfriedlichere Zeiten, als wir sie heute erleben. Im Nebenschluss: die relative Zunahme von verletzendem Streit (physisch oder psychisch) im sozialen Kontext ist womöglich auch darauf zurückzuführen, dass die Reichweite der Kunst wieder abgenommen hat - dieses mal nicht durch aristokratische Vereinnahmung wie in der frühen Neuzeit, sondern durch einen Rückgang an künstlerischer Bildung beim Publikum.
Wieder eine steile und diskutable These... evtl. später mehr davon?
------ Ende des Impulses ------
An dem Punkt bin ich jetzt mal ruhig und wart ab, ob es ein Echo gibt... ;)

LG!!! :)

S.







4
Wiesenschule / Kleine Versfußlehre... :)
« am: Juni 11, 2020, 18:04:30 »
... gefunden!!! ....  ;D

Wusst ichs doch, dass es hier einen Bereich für die Verbreitung von Klugexkrementen gibt. Also wie weiter oben Ylva angekündigt, -boten oder -droht hier ein Einstieg in die Versfußlehre mit besonderem Fokus auf akzentuierende, gebundene Sprache (was das ist, kommt später). :)

Also es geht hier um die mehr oder reglmäßige Abfolge von Silben-"Betonungen" im Gedicht, insbesondere wenn es sich einer sogenannten gebundenen Sprache bedient. In dem Zusammenhang geistern dann die Bezeichnungen Jambus, Trochäus, Daktylus, Anapäst, Kretikus, Spondeus und wie sie nicht alle heißen durch die Runde, wobei vor allem die ersten vier genannten von besonderer Bedeutung sind.

Aber bevor wir uns hier hineinstürzen erstmal ein Blick auf die Silben-Betonung in normaler Alltagsrede. :)

In unserer Alltagssprache betonen wir auch einzelne Wörter oder Silben durch eine Vielzahl von "Hilfsmitteln", zum Beispiel, indem wir die Wörter, auf die es uns gerade ankommt, etwas lauter oder gedehnter sprechen oder durch untermalende Gesten und Gesichtsausdrücke der Aufmerksamkeit des Gegenübers anheimstellen. Und je nachdem auf welches Wörtchen in einem Satz es uns gerade ankommt, betonen wir recht flexibel und Kontext-abhängig mal das eine, mal das andere.

Nehmen wir den Satz: "Soso... das sagst Du mir jetzt?!".

Vielleicht wollen wir das "Du" besonders hervorheben, weil der Gegenüber womöglich nicht gerade in der Position ist, uns ungefragt seine Weisheit überzuhelfen (hoffentlich geht es dem Schreiber dieser Zeilen nicht gerade so!  :-[) Und vielleicht wollen wir auch noch das "das" unterstreichen, weil die Mitteilung besonders daneben ist:

Soso... DAAAAS sagst DUUUU mir jetzt?!"

Vielleicht wollen wir aber auch das "jetzt" betonen, weil die Mitteilung zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt erfolgt:

Soso... das sagst Du mir JETZT?!"

Die nicht hervorgehobenen Silben werden in diesem Beispiel in normaler Rede wahrscheinlich alle ziemlich ähnlich "stark" betont, zumindest fallen sie gegenüber den exponierten Wörtern nicht besonders ins Gewicht. Und offensichtlich folgt die Abfolge der Betonungen hier auch keiner sonderlichen Regelhaftigkeit, sondern ist ausschließlich dem kommunizierten Inhalt geschuldet. Wir sind also sehr frei, wie wir hier Silben oder Wörter betonen oder nicht betonen wollen und deshalb redet man hier von "ungebundener Sprache". :)

In "gebundener Sprache" muss man hingegen gewisse feste Regeln in der Abfolge von Betonten oder Unbetonten Silben einhalten und Verstöße gegen diese Regeln sind dann entweder Kunstfehler oder gerade künstlerisch besonders Wertvoll, je nachdem, ob der Autor bei dem Verstoß etwas Kluges im Sinn hatte oder nicht. ;)

Jetzt kommen wir also langsam in den Bereich der Metrik. Der Lehre von der "Komposition" betonter und unbetonter Silben in einem Vers. :)
Bevor wir da auf die einzelnen metrischen Grundelemente eingehen noch eine kleine Vorbemerkung: Oben habe ich ja schon erwähnt, dass wir in unserer normalen Sprache ganz unterschiedliche Mittel einsetzen, um Wörter oder Silben hervorzuheben und so dem Sprechen ggf. einen "Rhythmus" zu verleihen und Wichtiges von weniger Wichtigem zu trennen. In der Metrik engt sich das je nach betrachteter Sprache deutlich ein. Dabei haben wir Sprachen wie das Lateinische, die eher über die unterschiedliche Silbenlänge eine Struktur in der gebundenen Rede erzeugen (quantitierende Sprachen) und solche Sprachen, die her über den "Akzent", also die "Verve", mit der eine Silbe gesprochen wird, eine Struktur erzeugen. Letzteres sind die akzentuierenden Sprachen, zu denen auch das Deutsche gehört.

... hier muss ich eine kleine Verschnaufpause einlegen, weil die Pflicht ruft... aber ich setze gerne fort... ;)



5
Drum Ehrlichkeit und Edelweiß / Versuch über die Seele
« am: Mai 30, 2020, 13:46:09 »
Versuch über die Seele

Ei Menschenkuckuck Seele,
Du baust kein festes Nest:
Hier Balg, dort Körperbrüten,
vertanes Mütterhüten
vorm fremden Überrest.

6
Wo Enzian und Freiheit ist / Pfingstwunder
« am: Mai 29, 2020, 15:50:59 »
Pfingstwunder

Sprichst, Herz, Du heut in Zungen?
Auf, auf, paarweises Lungen-
geflügel, zu den Zielen
der höheren Natur!
Schlecht lebt sich's nur vom Fühlen,
schlecht auch vom Brote nur.

Heut will ich Dich umgarnen,
Du letztes Wörtchen mein!
Da hilft kein taubes Warnen
und auch kein "bin allein".

Wir lassen Zungen züngeln
beim Ineinanderklüngeln,
beim Beieinanderspielen:
Das Herz auf weiter Flur
folgt im Gewühl der Vielen
nur Deiner, Deiner Spur!








7
Kirschen essen auf einer Sommerwiese

Wurm und Kirsche: Süße Verbindung,
rot wie der Mund und wie Liebe so klein,
Bußereserve und glückliche Schindung,
kussreif und windhaft entsommert zu sein!

Dass wir wie Wolken den Himmel durchspähen!
Macht das Azur sich dem Auge gemein?
Tändelbefreit durch die Fernen und Nähen,
süßeste Zeiten, vermenschlicht und Dein.







8
Wo Enzian und Freiheit ist / Hölderlin
« am: Mai 26, 2020, 16:32:24 »
Na sowas... hab bei Aufräumarbeiten in meinem PC ein ziemlich altes Gedicht von mir ausgegraben... so habe ich vor > 15 Jahren geschrieben... :)

Hölderlin

Ihm gab kein Abschied einen Trauerort,
das Glück trieb wortlos seine Schulden ein.
Was trägt die Seele ins Alleinesein
und Weiterleben tröstlich mit sich fort?

Er hatte die Geliebteste verloren,
vergaß davon, was wir Vertrautes nennen
und lernte, fremd zu sein, als Heimat kennen,
ein Kind, aus reiner Traurigkeit geboren.

Doch wuchs ein Trost ihm in der weißen Weite
der Einsamkeit und seine scheuen Stunden
verwanderte er fern vom Hier und Heute,

hat wohl auch Stille für das Herz gefunden,
als wir noch standen dumm und himmelweit
von seinem Ufer der Geborgenheit.

9
Wiesenspiele / Goethe goes Glückskeks
« am: Mai 25, 2020, 20:41:48 »
Huhu!
Ich hab um der Kurzweil willen, mal einen Goethevers durch verschiedene Sprachen des Google-Translators gejagt, u. a. französisch, slowakisch und arabisch und wieder zurück ins Deutsche. Ich finde, das Produkt ist lyrisch gar nicht so uninteressant:

"Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt;
glücklich allein ist die Seele, die liebt!"

=> viele Übersetzungsschritte später =>

"Der Himmel ist so aufgeregt über den Tod,
nur das Glück ist die Seele, die du liebst."

------

2. Versuch mit anderem Ausgangsmaterial und u.a. englisch, französisch, vietnamesisch, lateinisch....

"Es war ein König in Thule
gar treu bis an das Grab,
dem sterbend seine Buhle
einen goldenen Becher gab."

=> => => =>

"Er war dem König von Thule
im Grab nicht treu,
mit und für einen Perversen,
und trank eine Tasse Gold."


10
Zwischen Rosen und Romantik / Reflexion über das Verbundensein
« am: Mai 20, 2020, 18:09:30 »
Reflexion über das Verbundensein

Ich wäre alt? Oh nein, die Spiegel lügen,
so lange Du und Jungsein eines gilt!
Erst wenn die Zeit sich zeigt in Deinen Zügen,
schuld ich dem Tod, was meine Tage füllt.

Denn sieh, Dein Wesen birgt der Schönheit Zier
und wird mein Herz in süßen Anschein kleiden:
Was an Dir lebt, bleibt lebenslang bei mir,
wie sollt ich da zur Unzeit von Dir scheiden?

Drum hüte Dich, mein Trost, vor jeder Not,
wie ich mein Heil will Deinetwegen schützen!
Von Herz zu Herz: Die Vorsicht ist Gebot,
wie Mütter sorgend nachts am Kindbett sitzen.

Dein Herz umschließt doch meines Herzens Glück:
Geht meins entzwei, gewinnst Du keins zurück.



-----

... und errät jemand das Original? ;)


-----

EDIT: Wegen Metrumfehler (merci @eKy!) S2Z3 geändert! :)

11
Das Blöken der Lämmer / Zwei Knaben...
« am: Mai 20, 2020, 12:32:03 »
Zwei Knaben rauchten eine Tüte,
doch die schien nicht von erster Güte:
Der Rauch war dicht, der Rausch wars nicht,
von da an übten sie Verzicht.

***

Zwei Knaben standen neben sich,
das schien dem Lektor fürchterlich,
drum nahm er einen einfach raus,
der andre ging allein nach Haus.

***

Zwei Knaben irrten durchs Gedicht:
sie fanden schlicht den Ausgang nicht
Drei Zeilen lang auf Lyriktour
und dann verlor sich ihre Spur.

12
Wo Enzian und Freiheit ist / Die Kunst der Beobachtung
« am: Mai 17, 2020, 17:08:42 »
Die Kunst der Beobachtung

Wenn Du ganz aufmerksam bist,
mein Männlein im Spiegel,
kocht die Milch
in Zeitlupe über,
läuft der Spielfilm
nicht ruckelfrei,
lässt das Stelldichein
auf sich warten,
zerdehnt der Geburtschrei sich
zu einer kleinen Ewigkeit,
genannt das Leben.



13
Wo Enzian und Freiheit ist / Complainte vom Versiegen
« am: Mai 15, 2020, 13:53:51 »
Complainte vom Versiegen

Du glaubst an Siege?
Schon zappelst Du im Leim.
Den Feind im Staub, das ist der Keim
für die Revanche und für neue Kriege.

Wir steuern nicht, wir treiben
und von uns allen bleiben
nur Souvenirs für Erben,
von jedem Sieg die Scherben.

Ach, wenn ich still und nächtlich bei ihr liege,
bin ich mir selbst mein eigner Reim,
bin außer mir, daheim,
glaub nicht an Siege.



14
Hans hat anderswo auf den Text von Xavier Naidoos Song "Ihr seid verloren" hingewiesen, der ein Beipsiel für die Sprengkraft der Sprache darstellt:

Lyrik in der Musik spaltet die Gesellschaft, weil sie die Positionen manifestiert und kann sogar zu Kündigungen bei RTL führen. Moderne Lyrik kann das nie, bestenfalls hat Günter Grass es mit seinem "Was zu sagen wäre" einmal geschafft. Aktuelles Beispiel ist Xavier Naidoo, der eine Lawine losgetreten hat mit einem simplen Song. Ohne Wertung möchte ich anhand dieses Textes aufzeigen, wie brisant so eine "Kiste" werden kann, fast so wie "Winds of Change" von den Skorps. Gruß vom Hans

Aus Urheberrechtsgründen verlinke ich mal nur den Text, auf den Hans sich bezieht

Link zum Text "Ihr seid verloren" von Xavier Naidoo (der Wortlaut des Songs von Naidoo ist in dem Bericht ganz unten zu finden):

https://www.rnd.de/promis/xavier-naidoo-entsetzen-uber-mutmasslich-fremdenfeindliches-video-DJD6HOID3JCZLCXOJL6ST2MSN4.html

Hier bietet sich eine inhaltliche Diskussion an, da Hans offenbar ein Bedürfnis hat, auszudiskutieren, wie "man" (wer ist das?) mit "Fremden" (was verstehen wir darunter?) umgehen soll, die sich den "westlichen Werten" (was ist hiermit gemeint?) nicht anpassen wollen. Andernorts hat Hans in dem Zusammenhang auf den Geist der Revolution von 1789 verwiesen - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - aber ohne näher auszuführen, was er damit meint.

Für mich ist Naidoos Songtext ein Beispiel für die Verlogenheit und Feigheit vieler Wortführer, die angeblich für das systemkritische "enttäuschte Bürgertum" sprechen.

Diese Verlogenheit besteht darin, mittels höchst oberflächlichen und ungenauen Slogans Empörung zu entfalten, dabei aber immer einen Notausgang einzubauen, wenn man dann Gegenwind bekommt.
In Naidoos Text wird das exemplarisch vorgeführt in der Zeile: "Und nochmal: Ich hab fast alle Menschen lieb, aber was, wenn fast jeden Tag ein Mord geschieht, bei dem der Gast dem Gastgeber ein Leben stiehlt.".
Für jeden ist klar, dass Naidoo hier auf Schwerstkriminalität von Ausländern abzielt, aber es wird verklausuliert mit "Gast" und "Gastgeber" und dadurch gleichzeitig nochmal weiter mit Erbitterung aufgeladen (Bruch der Gastpflicht).
Um aber im Fall von Kritik ganz auf Nummer sicher zu gehen, versteckt sich Naidoo dann noch hinter einem "ich habe alle lieb".

Das ist verlogen und feige und hinterhältig. Wer so argumentiert, dem vertraue ich nicht und bei dem vermute ich keine redlichen (guten) Absichten.



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Wiesengeflüster / Probleme (mit) der (modernen) Lyrik
« am: Mai 12, 2020, 13:02:50 »
Ihr Lieben!

Ich wollte jetzt doch einmal ausprobieren, ob wir nicht zum zuletzt in einem Gedichtefaden von mir angeschnittenen Thema der "modernen Lyrik" zu einem gewinnbringenden Austausch gelangen. :)

Der Anknüpfungspunkt hierfür ist, eKys Verdruss ob der Form-losigkeit, die in der Lyrik seit ca. 1860 vermehrt um sich gegriffen hat (Arno Holz wäre hier vielleicht als ein früher Protagonist zu nennen), gepaart mit zunehmender Sinn-Verweigerung in der Tradition von Expressionisten, Dadaisten, Surrealisten und der konkreten Poesie (bei Letzterer natürlich mit einem ganz anderem poetologischen Konzept). Am Ende dieser Entwicklung steht eine Vorstellung, die eKy (und viele andere Leser oder eben gerade auch Nicht-Leser) für sich unter dem Stichwort "moderne Lyrik" ablegen:
Ein "sinnloser", reimfreier, metrisch ungebundener Text, der sich Grammatik und Orthographie hartnäckig verweigert.

Um das, was eKy sich (denke ich mal) unter "moderner Lyrik" vorstellt, im Anschluss mal ein paar Textbeispiele (Urheberrechtsfrei, weil schon Alt, mithin also noch am Anfang der Entwicklung "moderner Lyrik" stehend).

Zu diskutieren wäre m. E.:

A.
Sind
1. Formfreiheit
2. Durchbrechen von Sprachregeln
3. Sinn-Verweigerung
definierende Kennzeichen "moderner Lyrik". Kann also ein (einigermaßen) regelhaft gebautes Sonett per definitionem keine moderne Lyrik sein?

B.
Hat der Reim noch einen Platz in moderner Lyrik oder (um das Argument umzudrehen): Ist Lyrik ohne Reim per defintionem "gar keine richtige" Lyrik?

C.
Würde heutzutags mehr Lyrik gelesen, wenn die Lyriker wieder anfingen, "traditionell" zu dichten? Und was heißt das?
Ist also die Lyrikszene selber schuld, wenn sie ein Nischendasein führt, weil sie für das "normale Publikum" (wer ist das?) einfach zu verkopft, zu verquast, zu schräg geworden ist?


Und hier erstmal ein paar Textbeispiele, die den "Beginn der Moderne" in der deutschen Lyrik etwas illustrieren sollen:


Arno Holz (1863 - 1929)

In rote Fixsternwälder, die verbluten

In rote Fixsternwälder, die verbluten,
peitsch ich mein Flügelross.
Durch!
Hinter zerfetzten Planetensystemen, hinter vergletscherten Ursonnen,
hinter Wüsten aus Nacht und Nichts
wachsen schimmernd Neue Welten – Trillionen Crocusblüten!

***

August Stramm (1874 - 1915)

Traumig

Frauen schreiten ab zersehnte Augen
Kinderlachen händelt schmerzes Blut
Fernen nicken
Blüten winken
Kommen sammeln winden
Würgen sticket klamm die tränen Schlund.

***

Hugo Ball (1886 - 1927)

Katzen und Pfauen

baubo sbugi ninga gloffa
siwi faffa
sbugi faffa
olofa fafamo
faufo halja finj

sirgi ninga banja sbugi
halja hanja golja biddim
mâ mâ
piaûpa
mjâma

pawapa baungo sbugi
ninga
gloffalor

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