die Lyrik-Wiese

Blumenwiesen => Drum Ehrlichkeit und Edelweiß => Thema gestartet von: Erich Kykal am Januar 26, 2011, 10:09:04

Titel: Der verrostende Panzer (In einem Reisfeld in Vietnam)
Beitrag von: Erich Kykal am Januar 26, 2011, 10:09:04
Es wird einmal ein Tag, da endlich aufgelöst
dies kalte Ding von Menschenhand sich glättet
und, wie der heilen Erde wieder eingeflößt,
darein sich fügt, als wär es nie geschaffen worden;
als ob ihr Stolzen nie es aufgerichtet hättet
für grenzenloses Wehtun und ein sich Ermorden.

Der Schrei des Krieges, den die harten Eisenlippen
einst brüllend formten zum entwurzelten Gebet,
entblößte seine Form bis auf die Räderrippen,
um die sich wilde Ranken weben, und ein Wind
wie ein Erinnern an die Sterbestunde weht,
da ihm die Schreie alle ausgegangen sind.
Titel: Re:Der verrostende Panzer (In einem Reisfeld in Vietnam)
Beitrag von: a.c.larin am Januar 26, 2011, 17:56:13
Lieber Erich,

es ist wirklich beeindruckend, dass du selbst einem so tristen Ding, wie es nun mal ein Panzer ist, noch solche Poesie entlocken kannst!
Ich staune.

Noch viel mehr allerdings darüber, wie du wohl in ein vietnamiesisches Reisfeld geraten sein magst....
Da hattest du aber enorm Glück, dass der Panzer schon rostig war.  ;)

Liebe grüße, larin
Titel: Re:Der verrostende Panzer (In einem Reisfeld in Vietnam)
Beitrag von: Erich Kykal am Januar 27, 2011, 08:27:50
Hi, larin!

Als Couchpotato ersten Ranges sehe ich natürlich viel (zuviel) fern! Es gab eine Doku zur Vorgeschichte des Vietnamkrieges, als die Kolonialmacht Frankreich versuchte, sich gegen den Vietkong zu behaupten, unter anderem mit mehreren mittelschweren amerikanischen M24 "Jaffee" Panzern aus der Spätphase des zweiten Weltkrieges.
Das ging in die Hose, und die Panzer wurden zerstört und stehengelassen, wo sie waren. Nach der Niederlage Frankreichs griffen die USA dort ein - mit den allgemein bekannten Folgen: Sie gingen letztlich auch baden! Das gezeigte Bild eines heute noch dort stehenden "Jaffees", im schwülfeuchten Klima völlig verrostet und halb überwuchert, hat mich zu diesen Zeilen inspiriert.

Nebenbei natürlich und vor allem vielen Dank für dein "staunendes" Lob! Ach, ich lebe für diese Momente, wo ich fühlen darf, dass ich andere tatsächlich bewege - in welcher Hoinsicht auch immer! Wie bei einem Eremiten, der spürt, dass es doch noch eine Welt gibt! Hab Dank für diesen Augenblick.

LG, eKy
Titel: Re:Der verrostende Panzer (In einem Reisfeld in Vietnam)
Beitrag von: a.c.larin am Januar 27, 2011, 16:08:07
Hi Erich ,

jezt bin ich aber froh, dass es dich nicht wirklich in den Dschungel verschlagen hat!  :)

Vor einiger Zeit gabs mal ein Buch ("Die Welt nach uns" oder so ähnlich hieß es), da versuchte sich einer an der Vision einer nachmenschlichen Welt.
Es würde nämlich keine fünfzig Jahre dauern und die Natur hätte alles zurückerobert!

Wie das vor sich geht, konnte ich letztes Frühjahr auf meiner Terrasse beobachten:
Erst fiel Unmengen Pappelsamen nieder, dann regnte es in Strömen und der Pappelsamen verklumpte, dann trockneten die Klumpen auf, verpappten sich mit den Terassensteinen, dann regnete es wieder, und schließlich begannen die Pappelsamen in sich einen Überzug aus organischer Materie zugelegt...(staun!)

Ich kann mir vorstellen, dass der blattumrankte Panzer tatsächlich ein lieblicher Anblick war, auf jeden Fall lieblicher als der Zweck, den sich Menschen dafür ausdachten.
Da kann man nur sagen: Diktatoren sofort in den Dschungel! Zuwachsen lassen!


Beim Anblick jäh gefallner Götter,
die lächerlich ein Ende fanden,
wird selbst der Frömmste noch zum Spötter,
kommt alle Ehrfurcht doch abhanden!

Wie habt ihr uns bedroht! Versprochen
nur Lügenwerk, aus Gier nach Macht!
Doch euer Zauber ist zerbrochen:
Ihr sinkt, wie alle, in die Nacht

und seid so sterblich wie die Fliegen!
Das Säbelrasseln ist vorbei.
In Hochmut habt ihr euch verstiegen!
Nun sagt das Volk sich von euch frei!


Na, da hast du mich jetzt wieder mal zu was Anständigem " inspiriert.....

Liebe grüße, larin

Titel: Re:Der verrostende Panzer (In einem Reisfeld in Vietnam)
Beitrag von: Guenter Mehlhorn am Januar 27, 2011, 16:42:28
Weshalb verreckt ein Mensch, ein ganzer,
in einem Krieg, in einem Panzer?
Das sollte man sich täglich fragen.
Wer kann die Antwort darauf sagen?

Ein Ismuss wirds wohl meistens sein.
Fällt einem eine Lösung ein.
Titel: Re:Der verrostende Panzer (In einem Reisfeld in Vietnam)
Beitrag von: Erich Kykal am Januar 27, 2011, 17:04:12
Hi, larinchen!

Da ist sie ja (fast) wieder, die "klassische" larin! Ein wenig verschmitzt klingt dein Antidiktatorengedicht ja doch noch, so als hätte es noch etwas Angst vor der eigenen Ernsthaftigkeit. :-* ;)
Hat aber schon viel Schönes! Was könntest du mich vom Sockel stossen, wenn du mein "ernstes" Metier "ernstlich" betriebest...


Hi, Günni!

Die Antwort ist doch so einfach:

Im Panzer saß er, weil er dachte,
er wäre dort rundum geschützter!
Den Strich durch seine Rechnung machte
im ein Erfinder, der gewitzter

als der des alten Panzers war.
Es zeigt sich also klipp und klar:
Was wirklich ist, was Menschen glauben,
ist zweierlei - und saure Trauben!

Doch für den Fall, dass deine Frage
doch eher philosophisch war:
Es sterben Menschen alle Tage,
minutenweise, immerdar!

Ob Recht, ob Unrecht, es liegt immer
im Auge dessen, der beschreibt,
und das ist leider (ging's noch schlimmer?)
der Sieger, der dann übrig bleibt!

Es dauert ganze Menschenleben,
bis man es objektiv beschaut.
Und so wird's immer Kriege geben,
weil man sich allzu gerne haut,

anstatt vernünftig zu bedenken,
dass Kinder auf dem Pausenhof
ihr Wollen auch nicht weiser lenken
als unsre Lenker:" Mike is doof!"

Zu dumm, dass sie stets Dumme finden,
die ihnen gern die Waffen weihn,
wenn sie mit Lügen, Tricks und Finten
nur "Mike is doof" im Großen schrein!


LG, eKy
Titel: Re:Der verrostende Panzer (In einem Reisfeld in Vietnam)
Beitrag von: Guenter Mehlhorn am Januar 27, 2011, 17:28:28
Es wird wohl immer Dumme geben.
Doch, ließen alle sie ihr Leben.
Dann wären doch, in diesem Falle,
die Dummen endlich einmal alle.

Ob das wohl klappt, ich weiß es nicht.
Bestimmt nicht hier, in dem Gedicht.
Titel: Re:Der verrostende Panzer (In einem Reisfeld in Vietnam)
Beitrag von: Erich Kykal am Januar 28, 2011, 10:31:00
Gäb's keine Dummen mehr auf Erden,
es könnte nichts "gescheiter" werden!
Die Dummen würden sehr vermisst:
Man wüßte nicht, wer "klüger" ist!

Damit der "Geist" sich definiere,
braucht es den Mangel auch daran!
Nach beiden Seiten schwingt die Türe,
da so nur etwas "werden" kann!

Drum hadert nicht! Die Dummen geben
uns eine Richtung, einen Plan:
Wir weihen unser ganzes Leben
dem Vorbild, das sie lehren kann!
Titel: Re:Der verrostende Panzer (In einem Reisfeld in Vietnam)
Beitrag von: Guenter Mehlhorn am Januar 28, 2011, 16:54:13
Na ja, so ist Elitedenken.
Da kann man sich die Reime schenken.
Titel: Re:Der verrostende Panzer (In einem Reisfeld in Vietnam)
Beitrag von: cyparis am Januar 28, 2011, 18:41:09
Lieber eKy!


Ein grausiges Thema.
Es versagt sich nicht der Dichtung, aber hier werde ich an zu grausige Dinge erinnert, als daß ich außer der -wie immer vollkommenen  Form - zuneige.
Ich habe selbst ähnliche Themen bedichtet - aber in sehr kargen Versen.
Weil mir die Schönheit der Dichtung dieGefolgschaft verweigerte.

Du hast mir schlaflose Stunden bereitet.


cyparis
Titel: Re:Der verrostende Panzer (In einem Reisfeld in Vietnam)
Beitrag von: Erich Kykal am Februar 02, 2011, 15:50:11
Liebe Anne!

Das wollte ich natürlich nicht - ich bin bei derlei ziemlich dickhäutig. Beim durchschnittlichen Mass menschlicher Dummheit rechne ich mit derlei sinnlosen Grausamkeiten alle Nase lang. Ich habe mich schon lange dagegen abgeschottet, schließlich ändert sich DORT nichts, wenn ich HIER daran zerbreche!
Die Welt wird immer voll Elend sein, aber wer kann sagen, wozu es gut ist. Mag sein, der Mensch braucht ständig solche Herausforderungen, um sich zu stählen, zu wachsen, ein Ziel vor Augen zu haben. Ungerechtigkeit ist nun mal Teil der Gleichung, und das wird sich mit noch so viel Kümmernis und Lamentieren nicht ändern!
An höhere Wesen und deren "Lenkung" oder "Eingreifen" glaube ich nicht - gemessen daran, wie's auf der Welt zugeht, machten diese ohnehin einen extrem "beschissenen" Job!!! Und wenn sie ohnehin nicht intervenieren, können sie mir gleich ganz egal sein!
Ich tue, was ich kann - ich schreibe ab und an ein sozialkritisches Gedicht. Dass ich dir damit Schlaflosigkeit verursache, war natürlich keinesfalls beabsichtigt!

LG, eKy
Titel: Re:Der verrostende Panzer (In einem Reisfeld in Vietnam)
Beitrag von: cyparis am Februar 02, 2011, 22:47:24
Lieber eKy -

dafür kannst Du wirklich nichts.
Das liegt an meiner eigenen Dünnhäutigkeit, die mich auch in tierischen Belangen so schmerzempfindlich macht.

Mein Kommentar sollte ein Lob sein.
An die sogenannten höheren und waltenden Mächte glaube ich schon sehr lange nicht mehr.
Paradiese können wir uns nur selbst öffnen - durch lyrische Kunst.


cyparis