die Lyrik-Wiese
Blumenwiesen => Im Gras wispert Hoffnung => Thema gestartet von: Erich Kykal am April 03, 2013, 18:54:48
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Wenn du erkennen willst, wozu wir treiben
auf dieses Lebens zügellosem Strome,
so schau ins Land vom allerhöchsten Dome,
steig in die Keller mit dem Saft der Reben,
und dein Ermessen wird das gleiche bleiben:
Der Ort erlebt sich erst durch dein Erleben.
Was suchst du tiefern Sinn in allen Dingen,
anstatt sie zu genießen für dein Sein!
Der Sinn verliert sich und lässt dich allein,
und du wirst alt und kanntest nie das Leben.
So kann dir kaum ein guter Tag gelingen,
so wird es kein versöhntes Ende geben.
Nur wer sich fühlt in allem, was er achtet,
wird endlich mit dem Wesentlichen eins,
ist ledig allen Schattenfalls und Scheins,
der sich der Wollenden so leicht bemächtigt.
Nur wer ins Bild steigt und sich mit betrachtet,
erkennt darin, was seinen Glanz berechtigt.
So gib dich hin an dieses Frohverlangen,
das dir die lichtern Wege freundlich weist,
und wenn dein Sinnen wieder freudlos kreist,
umarme in Gedanken deine Schmerzen -
und alle Lieder, die dir tonlos klangen,
sie rauschen auf wie ein Gesang im Herzen!
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Lieber Erich -
was wäre meine Welt ohne Deine Gedichte!
Jeder Vers, jedes wohlgelungene Wort spricht mir aus dem Herzen.
Ich will mich nicht immer wiederholen, aber
Du verleihst dem Leben Glanz.
Herzlichen Gruß
von
Cyparis
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zwischen mit und betrachtet hätte ich keine Lücke gelassen.
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Hallo Erich,
schon die erste Strophe ist ein unglaubliches Erlebnis!
Wenn man anfängt zu lesen, will man immer mehr davon
und wird bis zum Schluss nicht enttäuscht.
Deine schöpferische Ader ist wie eine nie versiegende Quelle,
die immer wieder neue Kostbarkeiten zu Tage fördert.
Diese Vielfalt ist berauschend!
LG Daisy
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Hi, ihr beiden!
Danke für euren treuen Zuspruch!
Hier habe ich im Grunde lauter Sonettterzette zusammengefasst: Jede Strophe besteht aus 2 Terzetten wie am Ende eines Sonetts, bloß ohne Leerzeile. Reimschema ABBCAC.
LG, eKy
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Hallo Erich,
kann mich nicht zurückhalten dieses etwas ältere Werk zu kommentieren.
Ein Meisterwerk für die Gegenwart und für die Nachwelt. Höchste Schreibkunst.
Mehr will ich nicht schreiben. Das musste ich los werden.
LG. Copper.
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Gut, dass Copper dieses ältere Gedicht an die Oberfläche zurückgeholt hat, sonst wäre es mir entgangen.
Großartig in jeder Beziehung, bestechend in der Wortwahl!
Liebe Grüße
Aspasia
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Hi, Copper, Aspasia!
Seltsam, wie Texte oft empfunden werden. Ich übernahm diesen hier nicht mal in mein letztes Buch ("Tiefgänger"), weil er mir zu pathetisch und belehrend erschien. Aus meiner Sicht ist er bestenfalls lyrischer Durchschnitt.
Aber schön, wenn das jemand anders sieht! Ich freue mich immer, wenn ich jemanden wirklich erreichen und berühren kann mit meinen Zeilen. Vielleicht schaffen diese es nun sogar ins übernächste Buch, sollte ich bis dahin nicht genug beisammen haben. (Nicht ins nächste Buch, denn dort wird es wieder ausschließlich Bildersonette geben, so wie im Buch "Seltsame Sonette", das auch hier unter gleichem Namen zu lesen steht. Ich arbeite gerade daran: "Lautere Lyrik")
LG, eKy
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Hallo Erich,
du misst mit einem strengeren Maßstab. Dieses Werk sollte veröffentlicht werden. Ich bestehe darauf !!! :) smile.
vielleicht bei Deinem übernächsten Buch, nach Tiefgänger vielleicht als Titel: Draufgänger.
" Der Ort erlebt sich erst durch dein Erleben" Wunderschöner Satz ( passt zum Draufgänger)
Ist nur scherzhaft gemeint. Aber in jedem Scherz steckt auch ein bisserl Ernst.
LG. Copper
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Seltsam, wie Texte oft empfunden werden. Ich übernahm diesen hier nicht mal in mein letztes Buch ("Tiefgänger"), weil er mir zu pathetisch und belehrend erschien. Aus meiner Sicht ist er bestenfalls lyrischer Durchschnitt.
Lieber Erich,
belehrend ist Dein Gedicht in keiner Weise, denn es fehlen der erhobene Zeigefinger und der mahnende Ton. Zu mir kommt es eher als die Reflexion eines weisen, erfahrenen Menschen rüber, der seine Lebenserkenntnisse teilen will. Auch kann von lyrischem Durchschnitt nicht die Rede sein. Deine Sprachgewandtheit reicht weit über das Mittelmaß hinaus.
LG
Aspasia
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Aus meiner Sicht ist er bestenfalls lyrischer Durchschnitt.
moin moin Erich,
deine Bescheidenheit mag dich vielleicht ehren, aber dein Können macht es mit Gewissheit.
Was suchst du tiefern Sinn in allen Dingen,
anstatt sie zu genießen für dein Sein!
Der Sinn verliert sich und lässt dich allein,
und du wirst alt und kanntest nie das Leben.
So kann dir kaum ein guter Tag gelingen,
so wird es kein versöhntes Ende geben.
Das ist es, warum ich dich bewundere, nicht beneide, denn deine Gabe ist eine Gnade.
LG
CB
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Copper, Aspasia, Curd!
Vielen Dank für den Zuspruch und die Überzeugungsarbeit. Es sei - Das Gedicht kommt ins übernächste Buch (2020).
LG, eKy
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Eine gute, weise Empfehlung, den Sinn des Lebens im Erleben des Wesentlichen zu finden. Nicht das Schöne nur, auch das vordergründig Schlechte ("umarme in Gedanken deine Schmerzen-") gehört dazu. Ich kann dem voll und ganz zustimmen, lieber Erich.
Sehr, sehr gern gelesen.
LG gummibaum
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Hi, Gum!
Die im Gedicht beschriebene Sicht ist in Grundzügen buddhistisch, wenn ich nicht irre. Ich allerdings erlangte diese Einsicht, bevor ich mit jenem Gedankengut in Kontakt kam. Ich lernte (bitter), dass man sich nur entzweit, wenn man seine ungeliebte "Seite" unterdrückt und leugnet. Sie gehört auch zu einem wie jedes lebenswichtige Organ. Nur wenn man sie "ins Boot holt", sie anerkennt und respektiert, kann man sie "erziehen", zügeln, kanalisieren und letztlich positiv nutzen.
Die "Leugner" ihrer "bösen" Seite zerreißen sich, und ihr Negatives oder Triebhaftes schwärt in ihnen wie ein Geschwür - irgendwann platzt es auf und vergiftet alles! Dann laufen sie Amok, morden oder vergewaltigen, werden Terroristen oder religiöse Irre. Hinterher (falls sie überleben) sind sie innerlich voller Reue, denn das waren ja eigentlich "nicht sie selbst"! ::) Ach, verstünden die Menschen doch mehr von sich - es bliebe der Welt viel Weh erspart!
Anders Psychopathen: Sie haben einfach kein Mitgefühl, empfinden nichts für andere, benutzen Menschen, wie es ihnen passt, wenn man sie lässt (in der Wirtschaft oder der Politik). Sie unterscheiden nicht zwischen "Gut" und "Böse", sie haben nur Ziele und eine Idee, wie sie diese am effektivsten erreichen.
LG, eKy
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Ja, das stimmt alles. Mein Gedichtchen "Gib" ist der Auffrischung dieses Gedankens spontan entsprungen.
LG g
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Lieber Erich,
ich finde dein Gedicht geradezu philosophisch genial (überhaupt nach meiner jüngsten "Extratour")
Kann gar nicht verstehn, was du daran auszusetzen hättest.
Es fängt schon hier an:
Der Ort erlebt sich erst durch dein Erleben.
Wie wahr, wie wahr! Das Universum hat nur unsere Augen, um sich selbst zu betrachten!
Wenn man die Evolution als Ganzes betrachtet, könnte man doch glatt auf die Idee kommen, dass dieses Sich-Selbst-Betrachten der "Sinn" der ganze Sache sein könnte. Jedenfalls geht die Entwicklung hin zu immer größerer Differenzierung / Bewusstheit. Vielleicht auch nur, weil es , evolutionstechnisch gesehen, Vorteile brachte - aber welcher Vorteil könnte das dann sein?
Den gibst du in Strophe 3 an:
Nur wer sich fühlt in allem, was er achtet,
wird endlich mit dem Wesentlichen eins,
Oh wie wahr, ich kanns wieder nur bestätigen!
Wie hieß das noch bei Rilke? : "Ich finde dich in allen jenen Dingen, denen ich gut und wie ein Bruder bin."
Er hätte auch "mich" einsetzen können: Ich finde mich in allen diesen Dingen, denen ich gut und wie ein Bruder bin.
Was jemand in einer Situation zu finden meint, hat sehr viel mit ihm selber zu tun.
Das eigene Gehirn ist der Projekor, der den inneren Film nach außen projiziert.
In der wissenschaftlichen Forschung weiß man das bereits: "Das Beobachtete sagt mehr aus über den Beobachter als über das Beobachtete!
Und deine Conclusio erstaunt mich zutiefst, ( weil das so von dir kommt, hätte ich gar nicht gedacht),
aber ich unterschreibe es sofort:
So gib dich hin an dieses Frohverlangen,
das dir die lichtern Wege freundlich weist,
und wenn dein Sinnen wieder freudlos kreist,
umarme in Gedanken deine Schmerzen -
und alle Lieder, die dir tonlos klangen,
sie rauschen auf wie ein Gesang im Herzen!
Besonders diese Zeile hat es mir angetan:
Umarme in Gedanken deine Schmerzen.
So, denke ich, kommt man durch den Schatten - zumindest kapituliert man nicht vor ihm.
Ein starkes Stück Lyrik, lieber Erich,
du solltest es hochhalten, nicht verwerfen!
Liebe Grüße, larin
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Hi, larin!
Jaja, schon gut - ich hab's kapiert! ;D ;)
Als ich es eine Weile liegen hatte damals, erschien es mir etwas zu pathetisch und lehrmeisterlich - vielleicht war ich da besonders nüchterner Stimmung. Ins nächste Buch kommt's rein - versprochen! :)
Scherz beiseite - es freut mich natürlich zu lesen, dass auch du, deren lyrisches Urteil ich hoch schätze, dich für diese Zeilen aussprichst.
LG, eKy
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Aufrauschen wie eine Art Aufbäumen gegen das Alltägliche, lieber Erich.
Sich mit ins Bild setzen, den Augenblick genießen. das mag manchem oberflächlich vorkommen- doch deine tiefen Gedanken dazu vermitteln:
mit sich und der Welt eins sein.
Ein schönes Werk in deinem typischen Stil, den ich so mag.
LG von Agneta
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Hi, Agneta!
Vielen Dank für die Blumen! :)
Bei "Aufrauschen" dachte ich an das belebende Geräusch, wenn eine Windböe ins stille Laub fährt - plötzlich werden die Bäume lebendig, es raschelt und rauscht, als würden sich die alten Eichen und Buchen Geschichten zuraunen! Ein wunderbarer Moment ...
LG, eKy
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Ich muß das immer und immer wieder lesen.
Dankbar:
Cyparis