die Lyrik-Wiese

Blumenwiesen => Ach Natur Vergissmeinnicht => Thema gestartet von: gummibaum am September 15, 2013, 09:32:56

Titel: Szenenwechsel
Beitrag von: gummibaum am September 15, 2013, 09:32:56
Die Nacht verschließt den Sternen ihre Augen
und rollt den dunklen Vorhang langsam ein,
sie schwächt den Mond und lässt ihn kränklich sein,
beginnt den Rest der Träume aufzusaugen.

Und fern, dort an den Bergen, über Stufen
erklimmt die Bühne jetzt ein neues Sein,
ein scheues Licht blickt um sich, noch allein,
geht dann durchs Land, um helleres zu rufen.

Schon quillt Präsenz aus Dingen, die verborgen
im Dunkel wie gestorben niederlagen,
und sie erinnert sich, begrüßt den Morgen

und schminkt sich für die Rolle mit Behagen
zu neuen Spielen zwischen Glück und Sorgen,
von Sonne inszeniert an großen Tagen.
Titel: Re:Szenenwechsel
Beitrag von: galapapa am September 15, 2013, 10:19:44
Hallo Gummibaum,
ein schönes Morgensonett mit angenehmer, poetischer Sprache, die die Morgenstimmung in ansprechenden Bildern ausdrückt.
Eine Kleinigkeit ist mir aufgefallen: 2. Quartett, 4. Vers: Müsste "Weiteres" nicht groß geschrieben werden?
Sehr gern gelesen!
Herzlichen Gruß!
galapapa
Titel: Re:Szenenwechsel
Beitrag von: Erich Kykal am September 15, 2013, 10:20:14
Hi, Gum!

Ein sauberes Sonett, das eines meiner lyrischen Lieblingsthemen behandelt, den Übergang von Nacht zu Tag - oder umgekehrt.

S2Z4 - "ein helleres" anstatt "weiteres" erscheint mir hier schlüssiger.

Sonette sollten - nimmt man es ganz genau, was ich selbst nicht tue - ausschließlich weibliche Kadenzen tragen. An und für sich also kein Kritikpunkt für mich, hier allerdings stört mich in den Terzetten der Ausdruck "Behag", er klingt, mag er auch zwar alt, aber korrekt sein, doch recht gespreizt und altbacken für mich. Ich erlaube mir daher eine Variante der Terzette anzubieten, die nebenbei, als Bonus sozusagen, nur weibliche Kadenzen hat:

Schon quillt Präsenz aus Dingen, die verborgen
im Dunkel wie gestorben niederlagen,
und sie erinnert sich, begrüßt den Morgen

und schminkt sich für die Rolle mit Behagen
zu neuen Spielen zwischen Glück und Sorgen,
von Sonne inszeniert an großen Tagen.

Sehr gern gelesen und bearbeitet!

LG, eKy

PS @ Galapapa: Nein, da hier nur das Substantiv "Land" (desses Adjektiv "weiteres" ist) weggelassen wurde, da es im Satzteil zuvor bereits etabliert wurde. Auch im normalen Sprachgebrauch vermeidet man so Wortwiederholungen.
Titel: Re:Szenenwechsel
Beitrag von: gummibaum am September 15, 2013, 11:14:52
Hallo galapapa,

danke für dein Lob.


Hallo Erich,

mir geht es bei dir wie Faust beim Erscheinen des Erdgeistes. Der Subjektwechsel von "Ding" zur "Präsenz" ist sehr elegant, belüftet das Korsett. Diese Möglichkeit (große Rochade!!) hatte ich nicht einmal geahnt. Danke dir.



Euch beiden ein schönen Tag!! LG gummibaum  
Titel: Re:Szenenwechsel
Beitrag von: Erich Kykal am September 15, 2013, 12:09:24
Haha, Erdgeist... hoffentlich rufst du nicht irgendwann ebenfalls: "Weh, ich ertrag dich nicht!" ;D

Du bist jedenfalls bei weitem kein "furchtsam weggekrümmter Wurm" als Dichter! ;)

LG, eKy
Titel: Re:Szenenwechsel
Beitrag von: cyparis am Oktober 03, 2013, 11:07:29
Welch ein wundervolles Sonett!

Ich bin buchstäblich hingerissen, will heißen, ich fühle mich hineinversetzt.

Dafür Dank
von
Cyparis
Titel: Re:Szenenwechsel
Beitrag von: gummibaum am Oktober 03, 2013, 13:07:15
Danke, Cyparis,

ich bin froh über deinen Kommentar. LG gummibaum