die Lyrik-Wiese
Blumenwiesen => Drum Ehrlichkeit und Edelweiß => Thema gestartet von: Erich Kykal am Januar 31, 2014, 20:27:08
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Gewiss, ich weiß, wovon die Menschen träumen,
begreife wohl ihr Wünschen und Erflehen,
kann tief in ihre Seufzerseelen sehen
und Bilder dort, die sie bei Tag versäumen.
Ich weiß die Nacht, in die sie alles räumen,
was sie nicht fassen oder kaum verstehen,
davor sie scheuen mit dem Blick von Rehen,
die sich vor Wolfsgebissen wehrlos bäumen.
Doch niemand fragte je, was ich empfände,
dem ewig sie ihr Sehnen anvertrauten,
das aus dem Käfig ihrer klammen Hände
ihr wahres Wesen, das sie niemals schauten,
mir blindlings hingab bis an jedes Ende
und alle Morgen, die dem Leben grauten.
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Hallo Erich,
schöne Perspektive. Der Sandmann ist hier eine Goldgrube der reflektierenden Instanz über die Lebensflucht.
Wirklich toll, wie du die versimpelte Gestalt wieder groß machst.
LG gummibaum
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Hallo Erich,
Ein Werk mit philosophischem und psychoanalytischem touch.
Schön lyrisch verpackt. Schön zu lesen.
Liebe Grüße wolfmozart
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Hi, Gum, WM!
Vielen Dank für eure Gedanken!
Es ist eines von jenen Gedichten, die ich einfach irgendwie beginne, bloß mit einer wohlklingenden Zeile, einer interessanten Einstiegsphrase. Da habe ich noch keine Ahnung, wo die Reise hingeht. Während des Weiterdichtens kristallisiert sich dann erst eine vage Idee, sodann ein immer ausgefeilterer roter Faden heraus, an dem ich mich durch die Zeilen hangele. Die Idee mit dem Sandmann kam mir hier erst am Ende des 2. Quartetts. Davor hatte ich vage daran gedacht, die Sache autobiografisch zu gestalten, oder jemanden sprechen zu lassen, der mit den Träumen und Wünschen der Menschen Geschäfte macht und/oder sie übel ausbeutet. Keine Ahnung also, was mein Hirn da beim Dichten so macht, aber so funktioniert das bei mir.
Ich dachte mir, so ein Sandmann - wenn es ihn denn gäbe - wäre ja dann nicht nur für unschuldige Kinderträume zuständig, sondern auch für die wesentlich "saftigeren" Traumfantasien der Erwachsenen. Dabei kann man sich allerdings rasch mal wie ein Abfalleimer für seltsame bis abartige menschliche Seelenbedürfnisse fühlen - wie ein Polizeipsychologe oder Profiler, der im Zuge der Ermittlungen einmal zu oft versucht, sich in die Gedankenwelt eines Kindermörders oder eines sadistischen Vergewaltigers zu versetzen!
Und dann fragt man sich eben: Und wer betreut den Betreuer?
LG, eKy
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Hallo, Erich!
Klänge es nicht so entsetzlich geschwollen, schriebe ich
"Ein heiliger Schauder erfaßte mich".
Aber so war mir zumut.
Abgründe tun sich auf!
Ich habe lange über dieses fast vollendete sonett nachgesonnen, hineingelauscht.
Und war wider einmal betroffen - nicht überrascht! - von Deinem Scharfblick in die menschlichen Tiefen.
Einzig die Wolfsgebisse haben mich gestört.
Bei Gebiß denke ich unwillkürlcih an das Behältnis mit Reinigerflüssigkeit im Badezimmer meiner Mutter.
Wie wäre es mit "Raubtierbissen"?
Immer noch tief beeindruckt:
Cyparis
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Hi eKy,
schön, dass du den Entstehungsprozess aufzeigst. Kann ich gut nachvollziehen. Kenne ich auch so.
LG gummibaum
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Hi, Cypi!
Ich kann leider nix für, dass du bei "Gebiss" immer gleich an die Dritten denkst. Gemeint sind hier natürlich die gefletschten Zähne der Wölfe, die die Rehe eingekreist und gestellt haben. Man weiß, was folgt.
Hi, Gum!
Wenn man nicht grade hochgradig inspriert ist, dichtet man gerne so - sich einfach im Meer der Worte treiben lassen und abwarten, an welche fernen Ufer unerwarteten Sinnzusammenhangs uns dies wohl führet! ;D
LG, eKy
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Hallo Erich,
"sich einfach im Meer der Worte treiben lassen und abwarten, ...",
diese Formulierung von dir ist ebenso wohlgestaltet wie das obige Sonett, das wieder die ganze Bandbreite deines Talents offenbart!
Hier verbindet sich einmal mehr der wohlklingende Wortlaut mit dem in die Tiefe gehenden Inhalt.
Große Klasse!
LG Daisy
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Hi, Daisy!
Vielen Dank für die lyrischen Blumen! :D Dies ist nach eigener Auffassung eins meiner gelungeneren Sonette, wo sich Form und Inhalt schön ergänzen. Alle Sonettregeln befolgt und dennoch die Thematik sauber durchgezogen, ohne dass es stellenweise bemüht klingt - da darf man ein klein wenig zufrieden mit sich sein, oder? ;D
LG, eKy
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Einer meiner gelungeneren Würfe, für jene, die damals noch nicht hier waren. ;)
LG, eKy
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Ein wirklich sehr schönes Sonett, lieber eKy und eine wunderbare Idee, einmal aus der Truhe einige alte Schätze ans Licht zu holen - dankesehr dafür! :)
Bei den Terzette bist Du sogar mit einer Reimendung weniger ausgekommen, als es die Regel fordert, so dass sich an Stelle der üblicheren Schweifreime (aab - ccb) oder verschränkten Reime (abc - abc) ein Wechselreim (ababab) ergibt, wie er in vierzeiligen Gedichten als Kreuzreim (abab) so beliebt ist. Du hast hier also die strengen Bedingungen nochmal etwas verschärft. Typisch eky.... ;)
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Hi Suf!
Eigentlich sind ja keine Doppelposts erlaubt in den Foren. Aber da ich ja im Moment nicht aktiv schreibe, sei mir diese lässliche kleine Sünde erlaubt (hoffe ich ...), um hin und wieder alte Perlen hervorzukramen.
Die "Verschärfung" ergab sich hier von selbst, will sagen, war nicht willentlich geplant. Natürlich versuche ich immer, mit so wenig Reimen wie möglich im Sonett auszukommen (es gibt sogar eins mit nur 2 Reimen von mir, wenn ich mich recht erinnere ...), aber oft gelingen - weil mir der Inhalt wichtiger erscheint - mir nicht mal Quartette mit nur 2 Reimen! Gut, dass das modernere Sonett eine Aufweichung gewisser Regeln erlaubt.
Vielen Dank für deine freundlichen Gedanken zu diesem Stückchen aus der Mottenkiste! :)
LG, eKy
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Hallo lieber Erich,
ich finde, wenn ich ehrlich sein soll, dass du bessere geschrieben hast.
Großstadtdunkel, Die namenlose Hure, Herbstgedanken -
das Gedicht hier wirkt auf mich sprachlich inkonsistent was die Wortwahl betrifft.
"Seufzerseelen", "Wolfsgebissen" usw... Sind Wörter, die das poetische Sprachbild abschwächen!
Alles in allem, vor allem die Reimstruktur, befindet sich das Gedicht trotzdem auf hohem Niveau. Wie nicht anders zu erwarten.
Hier sei erwähnt, dass es auch eine Geschmacksfrage ist.
Gern gelesen!
vlg
EV
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Sehr schön, lieber Erich, wie der Sandmann hier überfordert scheint von all den Sehnsüchten und Ängsten, die die Menschen ihm anvertrauen. Die Figur gewinnt ganz neue Züge.
Mit Freude nochmals gelesen.
gummibaum
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Hi EV!
Natürlich, gerade in der Lyrik dreht es sich so gut wie ausschließlich um Geschmacksache! Deine Meinung sei dir unbenommen.
Hi Gum!
Danke für's Wiederlesen. Märchenfiguren sind Archetypen - warum ihnen nicht mehr Perspektive verleihen? Wer sagt, dass sie eine Wahl hatten? Wer sagt, dass ihr Job ihnen Spass machen muss? Und als Lehrer wissen wir: Mit der Psyche der Menschen hantieren zu müssen ist eine enorme Belastung für die eigene ... ;) ::)
LG, eKy