die Lyrik-Wiese

Blumenwiesen => Drum Ehrlichkeit und Edelweiß => Thema gestartet von: galapapa am Mai 02, 2014, 12:55:43

Titel: Der Mutter Segen
Beitrag von: galapapa am Mai 02, 2014, 12:55:43
Ich gehe auf Gedankenreise
in die Vergangenheit hinein.
Die alten Tage flüstern leise:
So Vieles hätte können sein.
Mein Denken dreht sich still im Kreise,
ich steh vergessen und allein.

Ich frag, was hab ich falsch gemacht,
erforsche sorgsam mein Gewissen.
Hab ich zu viel geweint, gelacht?
Jedoch mit den Gewissensbissen
ist die Erkenntnis nun erwacht:
Ich möchte nichts von alldem missen.

Die Mutter hat mir einst gesagt:
So schlimm ist nichts, um nicht in Tagen
für etwas gut zu sein. Wer zagt,
sich gar verliert in Weh und Klagen
und keinen neuen Anfang wagt,
wird Tiefen niemals überragen.

Das Sein ist Schicksals Untertan,
kennt nicht Barmherzigkeit noch Namen,
es folgt dem Los auf seiner Bahn.
Frag nicht wohin, woher wir kamen,
nimm den Moment als Gabe an,
den guten wie den unliebsamen.

Aus dunklen Wolken tropft der Regen
auf Mutters Grab, vor dem ich geh.
Im Innern spür ich ihren Segen,
Alleinsein tut nun nicht mehr weh.
Die Trauerweiden, sie bewegen
sich sacht im Wind und ich versteh.
Titel: Re:Der Mutter Segen
Beitrag von: Curd Belesos am Mai 02, 2014, 14:25:46
moin moin galapapa,

auf den Muttertag eingestimmt, doch ragt für mich ein Vers heraus :

Zitat
und nicht im Unheil neuen Anfang wagt,
wird nie des Lebens Tiefen überragen.

das ist es, was den Erfogreichen auszeichnet. Ein für mich sehr bewegender Gedanke, in jeder Zeit. Im verlorenen Nachkriegsdeutschland, wie auch im Schmerz um den Tod eines geliebten Menschen.

Es hat mich bewegt, deine Gedicht.

Mit nachdenklichem Gruß

Curd
Titel: Re:Der Mutter Segen
Beitrag von: cyparis am Mai 03, 2014, 08:19:28
Lieber Galapapa,


da ließe sich viel zitieren, für mich v.a.:

Nimm den Moment wie dir beschieden an,
den glücklichen wie auch den unliebsamen.


Ein sehr bewegendes, anrührendes und sehr tröstliches Gedicht, aus dem Weisheit und Gelassenheit sprechen.
Veilleicht findet Erich etwas, was anders sein könnte - ich nicht.
Ein Geschenk für die Wiese!


Vielen Dank
sagt
Cyparis
Titel: Re:Der Mutter Segen
Beitrag von: galapapa am Mai 03, 2014, 11:11:35
Hallo Curd,
danke für Deine lobenden und anerkennenden Worte!
Es ist schön zu erfahren, mit einem Text andere berührt zu haben. Dafür schreiben wir doch auch, oder!
Ich habe den Text aufgrund einer Kritik in einem anderen Forum überarbeitet, jedoch ohne den Inhalt zu verändern.
Liebe Grüße!
Charly

Liebe Cyparis,
auch Dir herzlichen Dank für Deine lobenden Worte!
In einem anderen Forum ist jemand Erich zuvorgekommen. Darauf hin habe ich den Text überarbeitet, jedoch ohne den Inhalt zu verändern.
Ich denke, die Kritik war gerechtfertigt.
Liebe Grüße!
Charly
Titel: Re:Der Mutter Segen
Beitrag von: Erich Kykal am Mai 03, 2014, 11:30:25
Hi, Charly!

Schön das!

Tipps:

S1Z1 - "-reise" reimst du 2mal in dieser Strophe, das klingt nicht so fein im Ohr. Alternative dafür (Z1): "Ich reise oft auf meine Weise" oder "Ich blicke oft in milder Weise" usw...

S2Z3 - hast du als Frage formuliert, bist das Fragezeichen aber schuldig geblieben. Also entweder zu einer Aussage umformen: "Ich hab zu viel..." oder Fragezeichen setzen und neuen Satz beginnen: "Hab ich zuviel geweint, gelacht? // Jedoch..."


Tja, sonst wär mir nix aufgefallen - abgesehen davon, dass du in der ersten und letzten Strophe das Kadenzenschema gewechselt hast (S1 und 5: wmwmwm, S2-4: mwmwmw), so als bildeten diese Strophen eine Klammer. Eine Frage dazu: War das ein Mitgrund für die Verkürzungen der Reimwörter der Zeilen 2 und 6 der letzten Strophe, oder ergab sich das nur wegen des Reimes auf "weh"?

Stilistisch bist du auf hohem Niveau (edle Sprache von eleganter Schlicht- und Schönheit, nicht zu pathetisch, emotional überfrachtet oder geschraubt - ein Lesegenuss!), und inhaltlich ist das Gedicht ein wunderbarer Gedankenbogen von Reminiszenz bis zur leisen Wehmut bewältigter Trauer. Dramatisch sehr gut, dass der Ort der Erinnerung erst in der letzten Strophe offenbart wird, es sich um Gedanken an einem Grab handelt. Das verleiht den ohnehin schon exzellent gedichteten Strophen davor noch eine zusätzliche Bedeutungsebene und empathische Tiefe!

Sehr gern gelesen - und aus persönlicher Erfahrung nachempfunden!

LG, eKy
Titel: Re:Der Mutter Segen
Beitrag von: galapapa am Mai 03, 2014, 17:15:19
Hallo Erich,
herzlichen Dank für Dein Lob und Deine Gedanken und Vorschläge!
Ich wundere mich sehr, dass ich den doppelten Reim nicht bemerkt habe; ist mir eigentlich unbegreiflich.
Dein Vorschlag ist gut; mir ist noch was Anderes eingefallen, das wahrscheinlich auch Deine Zustimmung findet.
Das Fragezeichen gehört da natürlich hin, ganz klar. Also, danke nochmal. Ich hab daraufhin noch eine Doppelung der Reime entdeckt und gleich mitbeseitigt (S5/V2 und 6)
Der Wechsel der Kadenzen war beabsichtigt und sollte so eine Art umschließenden Effekt haben. Mit den Reimen in der letzten Strophe hat das nichts zu tun, die hab ich irgendwann geändert, weil ich keinen Reim zur ursprünglichen Version mehr gefunden habe.
Noch etwas ist interessant: Auf eine Kritik in einem anderen Forum hin habe ich das Gedicht umgeschrieben von Fünf- auf Vierhebigkeit. Es hat dadurch sehr gewonnen.
Wenn Dich die alte Version interessiert, schick ich sie Dir gerne zum Vergleich.
Liebe Grüße!  :)
Charly
Titel: Re:Der Mutter Segen
Beitrag von: Daisy am Mai 18, 2014, 16:01:11
Lieber Charly,

was für ein wunderbares Gedicht! Gefühlvoll und bewegend, die letzte Strophe ist lyrisch besonders fein und mein Favorit.
Insgesamt ein bemerkenswertes, meisterliches Werk!

Chapeau und herzlichen Gruß!
Daisy
Titel: Re:Der Mutter Segen
Beitrag von: galapapa am Mai 19, 2014, 16:02:00
Liebe Daisy,
in Dankbarkeit verneige ich mich vor Deinem Lob und nehme den Hut ab, den Du mir geschenkt hast! :)
Es ist mein ich weiß nicht wievielter Versuch, ein Gedicht für meine geliebte Mutter zu schreiben. Diesmal bin ich wenigstens ein wenig zufrieden mit dem Resultat und Deine Bestätigung tut gut.
Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass meine Wertschätzung der Mutter so groß ist, dass nichts dem gerecht werden kann...
Liebe Grüße!
Charly