die Lyrik-Wiese

Blumenwiesen => Verbrannte Erde => Thema gestartet von: Erich Kykal am Juni 10, 2014, 09:52:20

Titel: Schöne Tage
Beitrag von: Erich Kykal am Juni 10, 2014, 09:52:20
Wie selten sind die unbeschwerten Tage,
gelöst von wirrer Sorge und Bedenken.
Die Freude, die sie vorbehaltlos schenken,
gerinnt nur allzu bald zu neuer Klage.

Allein ihr Freuen hilft, dass ich ertrage,
worin sich meine wunden Sinne senken
in Dunkelstunden, die mein Leben lenken,
als stünde ihre Herrschaft nie in Frage.

Als wollte diese Welt, dass ich sie wage,
berührt sie mich in schwankenden Minuten -
als hoffe sie, dass ich in mein Verbluten

bewusster trage, was die Blicke finden.
Doch viel zu selten sind die schönen Tage,
um mich an ihr Lebendiges zu binden.
Titel: Re:Schöne Tage
Beitrag von: cyparis am Juni 11, 2014, 16:54:27
Lieber Erich,


manchmal möchte ich mit der Faust auf den Tisch schlagen und rufen:

Warum nur ist er immer so deprimiert, traurig, resigniert, tief drunten, verzagt, mutlos und niedergeschlagen?
dieser von Kraft und Energie und (wenn ich ihn sehe) guter Laune schier berstende Mann?

Dann sage ich mir zweierlei:
Es ist seine tiefe Natur, die sich vielleicht verbergen, aber nicht verleugnen läßt.
Und:
Was schadet es, wenn daraus so gute Dichtung wird?

Hier drei Anregungen:

worein (statt worin)
wolle
hoffe

Damit habe ich mein Zündplättchen verschossen.

Kurz und gut:
Das Sonett ist ungewöhnlich (Reime) und großartig.
Schiere Schönheit.


Lieben Gruß
von
Cyparis
Titel: Re:Schöne Tage
Beitrag von: Erich Kykal am Juni 11, 2014, 19:24:44
HI, Cypi!

Vielen Dank für so einen - für deine Verhältnisse ;) - ausführlichen Kommi! ;D Und wie gerne sonne ich mich in deinem Lob!

Das Wort "Dunkelstunden" hab ich bei Rilke geklaut - Schande über mich!

Zu deinen Vorschlägen:

Über "worin-worein" hatte ich bereichts selbst nachgedacht. Da kam mir das "worein" zu altmodisch und vielleicht für manche sogar schon unverständlich vor. Ich werde es aber nochmals überdenken.
Bei der Konjunktivform gefällt mir die Variante mit dem "t" drin einfach besser und passt nach meinem Ohr auch besser zu Sprachmelodie und Takt. Richtig sind ja beide Formen!

LG, eKy
Titel: Re:Schöne Tage
Beitrag von: gummibaum am Juli 28, 2014, 18:05:26
Hallo Erich,

deine Gedichte erfrischen mich fast immer. Und seltsam, besonders die düsteren - wie dieses.

LG gummibaum
Titel: Re:Schöne Tage
Beitrag von: cyparis am Juli 28, 2014, 19:31:27
Das Wort "Dunkelstunden" hab ich bei Rilke geklaut - Schande über mich!

Aber nein, lieber Erich!
Wo blieben wir, nähmen wir nicht die eine oder andere Kostbare Wortschöpfung in uns auf und gäben sie in die Lyrikwelt weiter!?


Cyparis
Titel: Re:Schöne Tage
Beitrag von: Erich Kykal am Juli 28, 2014, 19:48:44
HI, Cypi!

Schön, dass du es so entspannt siehst. Etwas anderes als eine schlichte Ehrung von Rilkes lyrischem Vermächtnis schwebte mir dabei auch nicht vor Augen.

LG, eKy