die Lyrik-Wiese

Blumenwiesen => Verbrannte Erde => Thema gestartet von: cyparis am Juli 20, 2014, 20:47:11

Titel: Stalingrad
Beitrag von: cyparis am Juli 20, 2014, 20:47:11
Aus gegebenem Anlaß in loser Verbindung





    Für jeden galt: Im Gewehr, wieviel Schuß?
    Und: Da drüben! Ein Freund? Ein Russ?
    Überleben, leben ! Gott, ich nicht, nein!,
    laß die Andern, Herrgott!, die Toten sein!

    Für jeden galt: Wo ist mein Gewehr?
    Hab ich geschlafen? Hinterher!
    Die nächste Mauer kann Schutz mir sein.
    Gott, lieber Gott, laß mich jetzt nicht allein!

    Für jeden galt: Der Sprung ins Hinaus,
   blindlings ins Flammenwerfergebraus
    und rein! in den Tod gesprungen!
    Hurra hat keiner gesungen.

    Für jeden galt: Halte Dich wach,
    hol Dir Lumpen, gib den Füßen nicht nach!
    Friß die fünf Erbsen, dies Achtel Brot,
    Dein Oberst leidet heut gleiche Not.

    Für jeden galt: Ob es stimmt oder nicht,
    dies ist das vorletzte Weltgericht.
    Das Liebste, das wartet zuhaus ganz allein,
    und ich: Ich bin Ernte für Hein.
Titel: Re:Stalingrad
Beitrag von: Jana am Juli 21, 2014, 15:14:46
Hallo cyparis,

dieses Gedicht ist tatsächlich traurig. Generell schockiert mich die Grausamkeit der Kriege immer wieder aufs Neue. Dein Gedicht fängt solch eine Grausamkeit in verschiedenen Facetten ein.

Liebe Grüße,
Jana
Titel: Re:Stalingrad
Beitrag von: cyparis am Juli 21, 2014, 15:21:42
Liebe Jana,


hab herzlichen Dank für Deinen Kommentar.
Kriege ohne Grausamkeit gibt es nicht.

Ich selbst fühle mit all den "Kriegern", die in die Schlacht(en) und das Schlachten zogen mußten, ohne es zu wollen.
Besonders in dem o.g. Gedicht tun mir die russischen Soldaten (die es noch schwerer hatten als die deutschen) genauso leid.

Die Deutschen mußten Rückzüge wagen, die Russen durften nicht.


Ich staune darüber, daß dies für Dich nicht "zu schwere Kost" ist.
Aber als ich in Deinem Alter war, war ich auch über die Gräuel informiert.



Freundlichen Gruß
von
Cyparis
Titel: Re:Stalingrad
Beitrag von: Jana am Juli 21, 2014, 15:34:28
"Zu schwere Kost"? Nein. Es hilft ja nichts, die Augen vor der Geschichte des eigenen Landes zu verschließen, also setze ich mich lieber damit auseinander, zumal gerade unser Land damals viel zu den Kriegen beitrug.
Außerdem sind Kriege nach wie vor leider real.

Wahrscheinlich sind Menschen einfach nicht für den Frieden geschaffen.

Nachdenklich,
Jana
Titel: Re:Stalingrad
Beitrag von: Erich Kykal am Juli 22, 2014, 10:08:38
Hi, Jana!

Junge Menschen denken noch zu sehr in Kategorien (nicht dass das den Älteren nicht auch passieren könnte...): "DEN Frieden" an sich gibt es nicht, nur ständig wechselnde Bedingungen in ständig wechselnden Bezugsrahmen. Sähe man nur die Küche eines streitenden Ehepaars in einem Land, in dem "Friede" herrscht - man käme nie auf den Gedanken, dass es dort im Großen und Ganzen friedlich zugeht. Sieht man den ganzen Globus, würde man ihn als friedlich bezeichnen, weil kleine lokale Konflikte kaum oder gar nicht auffielen.
Manchmal leider gerät ein sehr großer Bezugsrahmen in Bewegung und beeinflusst dann sehr viele Schicksale. DAS nehmen wir dann als internationalen Konflikt wahr, auch wenn wir auf der anderen Seite der Welt wohnen. Ist man involviert, hat man keine Wahl, als das Beste draus zu machen. Man kann sich beteiligen - immer auf die Gefahr hin, manipuliert zu werden, weil man nicht das ganze Bild bekommt (oder bekommen will!), oder den Kopf einziehen und das Beste hoffen.
Letztlich sind wir immer nur cem Leben Ausgelieferte mit einer mehr oder weniger bewussten Illusion von Kontrolle. Dazu helfen manchen blinder oder berechnender Aktivismus, anderen Religionen oder andere Glaubenskonstrukte. Man hält sich an Wunschbilder von der Welt, vom Leben, wie man sie/es haben möchte und versucht, sie zu realisieren. Das funktioniert immer nur so weit, wie alle anderen Weltenbauer das zulassen. Kannst du viele von deiner "Wahrheit" überzeugen, kannst du umso mehr bewegen. Dennoch bleibt - soviel du auch erreichen magst - letztlich alles im Fluss und kann nie sicher sein. Kontrolle ist Illusion. Kategorien sind Illusionen, gebaut auf den Wertesystemen der jeweiligen Kultur und dem ethischen Zeitgeist derer, die sie erdenken, um ihre Welt zu ordnen.

Aber - und das bleibt immer genau dieses "aber": Was wären wir OHNE diese Illusionen? Hätten wir noch Ehrgeiz, Antrieb? Fänden wir Erfüllung in Erfolg, wenn es uns gelungen ist, unsere Träume ein stückweit zu erfüllen? Das klingt gut, aber bedenke: Für den gewaltbereiten religiösen Eiferer ist es ein ebensolcher Erfolg, alle Ungläubigen auszumerzen, und sei es mit Feuer und Schwert! Nicht alle Träumer nehmen Rücksicht auf die Träume anderer. Aber hier komme ich schon zu sehr ins Philosophische.

LG, eKy
Titel: Re:Stalingrad
Beitrag von: Jana am Juli 22, 2014, 17:22:55
Lieber eKy,

deine Ausführungen regen zum Nachdenken an. Du hast sicherlich recht, wenn du sagst, es gäbe "DEN Frieden" nicht. Darüber habe ich mir bislang keine Gedanken gemacht, gar nicht, aber was du sagst, klingt sehr logisch.
Danke für die liebe Erklärung, aber in diesem Thread sollten wir die Aufmerksamkeit lieber Cyparis wunderbarem Gedicht schenken, oder? :)

Liebe Grüße,
Jana
Titel: Re:Stalingrad
Beitrag von: cyparis am Juli 22, 2014, 18:54:34
Lieber Erich,

ich nehme an, daß Du das Gedicht schon kanntest.
Danke für Deinen überaus bedenkens- und bemerkenswerten Beitrag!


Liebe Jana,

dankeschön!

LG
Cyparis
Titel: Re:Stalingrad
Beitrag von: gummibaum am Juli 22, 2014, 23:03:42
Das Gedicht zeigt, dass in solchen Situationen tatsächlich nur die Angst und kein Heldentum regiert, sich mancher an Gott wendet, der sonst nichts mit ihm anzufangen wusste und die Menschen auf beiden Seiten zu Feinden werden ("laß die Andern, Herrgott!, die Toten sein!"). Man glaubt, so intensiv ist hier geschrieben, selbst gleich unter den Toten zu sein.

Sehr gut, Cyparis.
LG gummibaum  





    
Titel: Re:Stalingrad
Beitrag von: Erich Kykal am Juli 23, 2014, 09:24:31
Hi, Cypi!

Entschuldige - ja, ich kannte den Text schon, ob anderswo gelesen, kommentiert oder gehört, weiß ich nicht mehr.

LG, eKy
Titel: Re:Stalingrad
Beitrag von: cyparis am Juli 23, 2014, 09:41:21
Lieber gummibaum -

danke!

Und, Erich,

ich nehme an, du hast es in Poetry gelesen.


Euch ein schönen Tag!

Cyparis
Titel: Re:Stalingrad
Beitrag von: Makaveli am Juli 23, 2014, 20:26:07
Wow, diese Zeilen sind so bedrückend... Ich fühlte mich direkt an diese erinnert, auch, wenn sie von einem anderen Krieg handeln... Oder zumindest von einer anderen Schlacht...

https://www.youtube.com/watch?v=Kqba0IUdiBk

Titel: Re:Stalingrad
Beitrag von: cyparis am Juli 23, 2014, 20:52:39
Lieber Makaveli,


leider kann ich kein Englisch, aber die Bilder sprechen für sich!

Für den Kommentar und die Präsentation hab Dank


von
Cyparis
mit liebem Gruß
Titel: Re:Stalingrad
Beitrag von: Aspasia am August 06, 2014, 23:32:22
Ich habe, Cyparis, das Gedicht in Gedanken im Präsens statt in der Vergangenheit gelesen und den "Gottes"-Vers in Schicksal umgedeutet. Das klingt dann wie ein Appell und schafft meiner Meinung nach eine viel stärkere Brisanz und Dramatik: Der Leser ist plötzlich selbst mittendrin im Geschehen.
Titel: Re:Stalingrad
Beitrag von: Koollook am August 07, 2014, 13:48:14
Hallo cyparis,

Gott sei Dank stimmt die Zeile vor deinem Gedicht nicht. Es ist noch kein Anlass gegeben, den man mit der Schlacht um Stalingrad vergleichen kann. Trotz der verhärteten Fronten geht es gerade "nur" um Geld. Global betrachtet.

Was mir zum Gedicht einfällt: ich finde es zu locker. Dem Thema unenagemessen an der Oberfläche kratzend. Auf der anderen Seite wird wohl kein Gedicht jemals dem Thema und dem, was es wirklich heißt, gerecht. Worte bleiben Worte und Blut bleibt Blut.

Tut mir leid, ich wollte dein Gedicht nicht schlecht machen, es ist nur mein subjektiver Eindruck, der nichts über die Qualität deiner Zeilen aussagt, nur über deren Wirkung auf mich.
Titel: Re:Stalingrad
Beitrag von: cyparis am August 07, 2014, 14:34:47
Hi, Koollook -

wieso stimmt die Zeile vor dem Gedicht nicht?
Auch in diesem Frontgeschehen gab es obere Dienstgrade (man staune!), die bereit waren, Widerstand zu leisten. Unter Lebensgefahr.
Der "gegeben Anlaß" war das Attentat auf Hitler, das nicht in situ stattfand, sondern eine lange Vorgeschichte hatte.
Von daher finde ich den Zusammenhang nicht von sehr weit hergeholt.

Du schreibst, daß es nur um Geld ging.
Den armen und todgeweihten  Soldaten nicht!
Denen ging es nur ums Überleben.

Daß Dir das Gedicht zu locker erscheint, tja -
außer mit Lakonik konnte ich nicht drangehen.



Liebe Ilka -

Präsens! Ja, das ist es!
Dank sei Deinem analytischen Geist.
Ich stelle eine Neufassung drunter.




Euch herzliche Grüße
von
Cyparis
Titel: Re:Stalingrad
Beitrag von: Koollook am August 07, 2014, 21:50:44
Ich schreibe in meinem Kommentar von jetzt, nicht von damals. Deswegen kann ich gerade keinen gegebenen Anlass sehen. Vielleicht missverstehe ich aber auch deine Antwort. ???
Titel: Re:Stalingrad
Beitrag von: cyparis am August 09, 2014, 19:55:52
Den Bezug sah ich im Jahrestag des Attentates auf Hitler, in das auch die Generalität verwickelt war.
Seit Stalingrad war klar, daß der Krieg verloren war.