die Lyrik-Wiese
Blumenwiesen => Zwischen Rosen und Romantik => Thema gestartet von: gummibaum am Juli 27, 2014, 18:34:56
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Noch halb im Stein, am Rand des Schlafes säumend,
doch sich des eignen Reizes schon bewusst,
berühren deine Hände Kopf und Brust,
liegt Männlichkeit, an deinen Schenkeln träumend.
Man spricht von deinem Tod. Die Brust verbunden,
mit schwindenden Gedanken sänkst du hin,
ein Grabmal so zu zieren sei dein Sinn,
vom Tode zeugend, der dich überwunden.
Ein solcher Tod könnt leichthin mich beflügeln,
mit dir, wie du zu sterben, ganz verzückt.
Und mein Verlangen wäre nicht zu zügeln,
vereint mit dir in Schönheit und entrückt
zu Stein zu werden, der in weichen Hügeln
den einen Körper formt, der uns beglückt.
Nach Michelangelo: Sterbender Sklave
https://www.flickriver.com/photos/hen-magonza/4199807217/
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Ebenso schön wie Michelangelos Skulptur -
kongenial!
Bewundernd:
Cyparis
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Hallo gummibaum,
ein Sonett ganz nach meinem Geschmack! Wohlgestaltet und sinnlich, genau wie die schöne Sklavenskulptur des Michelangelo.
Weil jedoch der Berliner bekanntlich das Meckern nicht lassen kann, hier noch ein paar Änderungsvorschläge:
Noch halb im Stein, am Rand des Schlafes säumend,
doch sich des eignen Reizes schon bewusst, (reflexiv)
berühren deine Hände Kopf und Brust,
liegt Männlichkeit in deinen Schenkeln träumend. (Ich würde das Possessivpronomen nehmen, weil es persönlicher klingt, wenn du den Körper des Knaben beschreibst, und würde lieber auf das alltägliche Wort "schön" verzichten.)
Man sagt, du stirbst, dir sei die Brust verbunden, (Es müsste eigentlich "stürbest" heißen. :o Würde woanders vielleicht gar nicht stören, doch hier folgt die indirekte Rede.)
mit schwindenden Gedanken sänkst du hin,
ein Grabmal so zu zieren sei dein Sinn,
vom Tode zeugend, der dich überwunden. (Hier würde ich ausnahmsweise die Verlaufsform nehmen.)
Ein solcher Tod könnt leichthin mich beflügeln,
mit dir, wie du zu sterben, ganz verzückt.
Und mein Verlangen wäre nicht zu zügeln,
Vereint mit dir im Tode und entrückt
zu Stein zu werden, der in weichen Hügeln
den einen Körper formt, der uns beglückt.
Dein Sonett ist wirklich schön und innig. Es hat das Herz der ollen Piratenbraut berührt, und das will schon was heißen. Danke, lieber gummibaum! :-*
Lieben Gruß
Jenny
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Hallo Cyparis,
danke für dein Lob. Ein bisschen hochgegriffen vielleicht.
Hallo Jenny,
deine Vorschläge sind gut. Ich werde sie wohl übernehmen, brauche aber noch etwas Zeit. Auch um zu überlegen, was aus dem stirbst/stürbest" werden soll. Danke erst einmal.
LG gummibaum
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moin moin gummibaum,
überlege dir bitte die Vorschläge von Jenny, sie bekommen deinem Gedicht.
Es ist ein bemerkenswerter Gedanke, den du hier in einem Sonett verdichtet hast. Die Art gefällt mir sehr gut. Danke.
Mir fällt dabei die ältere Dame ein, die in Wien vollkommen verzückt dastand und stammelte ::)
Die Gedanken sind gefangen,
Seit mein Auge dich geseh'n,
Kann nur noch an eines denken:
Oh mein Gott, wie bist du schön.
LG
CB
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Lieber gummibaum,
ein paar Überlegungen zur 2. Strophe. Zunächst ein Alternativvorschlag:
Man spricht von deinem Tod. Die Brust verbunden,
mit schwindenden Gedanken sänkst du hin.
Ein Grabmal so zu zieren sei dein Sinn,
vom Tode zeugend, der dich überwunden.
"stirbst"/"stürbest" würde durch "Tod" ersetzt. Dann würde jedoch in der 2. Strophe zweimal das Wort "Tod" auftauchen.
Um das zu vermeiden, hatte ich über "Macht" als Alternative zum "Tod" in der 4. Zeile nachgedacht, denn es handelt sich um einen Sklaven, der zeitlebens höheren Mächten unterworfen ist, als Lebender seinem Herrn, am Ende seines Lebens der Allmacht des Todes.
Aber eigentlich geht das nicht, weil dadurch der Bezug zur 3. Strophe verloren ginge:
vom Tode zeugend, der dich überwunden.
Ein solcher Tod...
In dem Sonett würde halt viermal das Wort "Tod" auftauchen. Andererseits: Warum auch nicht? Auf diese Weise drängt sich der übermächtige Tod förmlich ins Leben hinein...
In der 4. Strophe könnte der Tod evtl. noch ersetzt werden:
Vereint für alle Zeiten und entrückt/
Vereint mit dir in Schönheit und entrückt
zu Stein zu werden, der in weichen Hügeln
den einen Körper formt, der uns beglückt.
Ich überlege noch weiter.
Dein schönes Sonett hat sich als Kopfnuss entpuppt. ;D
Lieben Gruß
Jenny
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Liebe Jenny,
ich habe aus ehrlicher Überzeugung alle deine Vorschläge übernommen und danke dir dafür.
Auch dir, Curd, danke ich für die Beschäftigung mit dem Gedicht und die richtige Parteiname für Jennys Verbesserungen.
LG gummibaum
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Lieber gummibaum,
das freut mich! Und ich danke dir für dein Vertrauen!
Ich denke, jetzt ist das Sonett vollkommen.
"Vereint mit dir in Schönheit" - ja, das ist die richtige Wahl!
Habe mich gern mit deinem Sonett beschäftigt und mich auch am Anblick des "Sklaven" erfreut.
Du hattest ein Komma vergessen. Ich war so frech und habe es selbst in deinen Text eingefügt. Ich hoffe, das ist in Ordnung.
mit dir, wie du zu sterben...
Beides wäre möglich, aber mit Komma finde ich es besser, weil es ein "und" ersetzt.
Lieben Gruß
Jenny
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HI, Gum!
Dieses schöne Meisterwerk ist mir wohl entgangen!
Die Skulptur (Der olle Michi ist mein Lieblingsplastiker!) ist meisterlich und superb, und deine großen Worte werden ihr gerecht. Auch wenn ich die Vorstellung, mit dieser Figur gemeinsam verzückt in den eignen Tod zu sinken, für mich nicht so extrem nachempfinden kann, erahne ich doch die Entrückung, die einen angesichts der Werke solch eines Genies befallen kann.
Peanuts:
S1Z4 - Nach "Männlichkeit" würde ich ein Komma setzen und das "in" durch ein "an" ersetzen.
2.Terzett, Z1 - Das Komma am Zeilenende gehört weg.
Und den Link würde ich ÜBER das Gedicht stellen. Es liest sich um einiges verständlicher und nachvollziehbarer, wenn man das Bild der Skulptur VORHER gesehen hat! Als ich zB das erste Mal las, standen mir so einige Fragezeichen über der gehobenen Braue:
"berühren Kopf und Brust" - wessen?
Bei "Männlichkeit IN deinen Schenkeln" denke ich eher daran, dass sie männlich wirken, weil sie so muskulös sind oder so, weniger ans Gemächt dazwischen.
Usw...
Kennt man die Figur, werden deine Zeilen zu einer innigen Hommage an Kunst und Künstler.
Sehr gern gelesen!
LG, eKy
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Sprachlos. Deeeply impressed.
Beeindruckt. Richtig gut. Sprachlos.
Wusste gar nicht, dass du auch sowas kannst.
Kann selber nicht genug, um mich in die qualitativen Kommentarreihen einzugliedern.
Steinige Grüße
Pö
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Hallo Erich,
das "an" habe ich sofort übernommen (so kommt das Gemeinte klarer zum Ausdruck) und ich danke dir ganz herzlich für deine gute Bewertung des Textes.
Hallo Pö,
ich danke dir sehr für die positive Reaktion und hoffe, du hast die Sprache wiedergefunden.
LG gummibaum
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Wusstest du übrigens, warum die Renaissancebildhauer das Gemächt im Vergleich zum restlichen Körper meist verkleinert darstellten? Bei Michelangelo kommt das besonders deutlich zum Vorschein, auch bei seinen Fresken in der Sixtina. Manche mutmaßen keusche Gründe, aber die Wahrheit ist viel prosaischer: Pure Berechnung!
Damals waren Künstler sehr von ihren Geldgebern, Auftaggebern, Mäzenen abhängig und wollten sie um keinen Preis vor den Kopf stoßen, zumindest nicht offensichtlich. Bei verkleinertem Gemächt brauchte sich keiner der möglicherweise unterbestückten edlen Herren Betrachter minderwertig fühlen! - Wenn selbst die Helden der Antike offenbar so kleine, zierliche Schniedel hatten, dann brauchte sich kein Renaissancepotentat oder Kirchenfürst potenzmäßig auf den Schlips getreten fühlen! ;D
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Man lernt nie aus! ;D
Aber mal ehrlich:
Zierlich ist doch i.d.R. schmücklicher. Oder? ;)
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Nicht das Wort, mit dem ein Mann sein Gemächt bezeichnet wissen möchte! ;) ;D
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Danke, Erich, da habe ich wirklich dazu gelernt. LG Gummibaum
Dazu gelernt
Ein Künstler, der für Päpste, reiche Männer
aus Marmor wunderschöne Helden schält,
empfindet sich genarrt vom Lob der Kenner,
als er die schlankgekürzte Summe zählt.
Da bringt ihm denn ein Kammerdiener schlechte
Gewissheit, was der Potentat erlebt:
Es habe die Mätresse am Gemächte
des Marmornen, das größer war, geklebt.
Der Künstler packt den Meißel auf die Schnelle,
umschleicht voll Wehmut dann den nächsten Held.
Verkürzt ihn schonungslos an einer Stelle -
und siehe da: der bringt das große Geld!
;D
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Ein Gedicht, durchaus eines eigenen Fadens würdig! Mit einer kleinen Erläuterung vorneweg... ;) ;D
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Ein Gedicht, durchaus eines eigenen Fadens würdig!
(Zitat Erich Kykal)
Unbedingt!
Zwei sehr eigenständige Gedichte!