die Lyrik-Wiese

Blumenwiesen => Verbrannte Erde => Thema gestartet von: Seeräuber-Jenny am Juli 29, 2014, 12:39:05

Titel: Im Morgengrauen
Beitrag von: Seeräuber-Jenny am Juli 29, 2014, 12:39:05
Im blassen Morgenlicht, in den dunklen Raum
verwoben, die Silhouette einer einsamen Frau
am Fenster, den Kopf schlaftrunken im Traum
gefangen, dessen Gespenst, müde und grau,
bettschwer in sein finsteres Versteck schlurft.

Am frühen wolkenverhangenen Himmel kreist
ein schwarzer Vogel, Bote aus einem fernen
Land jenseits der Wolken. Der Weg verwaist,
der sie wegführt, hin zu den silbernen Sternen.
Ach, hätte es wirklich all des Schmerzes bedurft?

Nichts mehr zu fühlen, ohne Furcht, Verlangen
oder Begierde zu sein. Kein Wunsch oder Wille
hält die Frau noch in Raum und Zeit gefangen.
In Gedanken flieht sie weit weg in die ferne Stille,
befreit von dem Dasein, das sie einst bedrückt.

Sie öffnet das Fenster, atmet ein letztes Mal
die frische Morgenluft. Sie breitet die Arme aus,
und während sie fortfliegt aus dem Jammertal,
weht ihr letzter Atem leise in den Tag hinaus.
Und schon ist ihre Seele Zeit und Raum entrückt.

***

Ebenfalls ein Uralt-Gedicht, ein Experiment. Cypi kennt es schon.
Titel: Re:Im Morgengrauen
Beitrag von: cyparis am Juli 29, 2014, 15:01:37
Ein gelungenes Experiment,
ganz untypisch für Dich.

Bei aller Bedrückung doch sehr friedlich stimmend.
Und ein von mir geliebtes Reimschema.


LG
Cyparis
Titel: Re:Im Morgengrauen
Beitrag von: Seeräuber-Jenny am Juli 29, 2014, 15:06:19
Liebe Cyparis,

freut mich, dass es dir gefällt!

Habe die Enjambements mal auf die Spitze getrieben, so dass ein Zwitterwesen aus Erzählung und Dichtung draus wurde.

Lieben Gruß
Jenny
Titel: Re:Im Morgengrauen
Beitrag von: cyparis am Juli 29, 2014, 19:19:29
So etwas mag ich besonders gern, wenn es gelungen ist.



LG
Cyparis