die Lyrik-Wiese

Blumenwiesen => Verbrannte Erde => Thema gestartet von: gummibaum am August 17, 2014, 11:00:40

Titel: Die Stimme
Beitrag von: gummibaum am August 17, 2014, 11:00:40
Bevor wir uns einst nahe kamen,
zog ich mit meinen Eltern fort.
Ich reiste unlängst durch den Ort
und fand auf einem Grab den Namen.

Noch zögernd, was ich dazu schriebe
in einem ferneren Gedicht,
vernahm ich, wie es leise spricht:
Sie starb an nicht geweckter Liebe.



Begegnung am Grab

Bevor wir uns einst nahe kamen,
zog ich mit meinen Eltern fort.
Ich reiste unlängst durch den Ort
und fand auf einem Grab den Namen.

Noch zögernd, was ich dazu schriebe
in einem ferneren Gedicht,
vernahm ich, wie ein Nachbar spricht:
Sie starb an unerfüllter Liebe.



Titel: Re:Die Stimme
Beitrag von: Erich Kykal am August 17, 2014, 11:50:10
Hi, Gum!

Obwohl die Aussage der 2. Str. wohl eher auf einem schlechten Gewissen beruht denn auf nachvollziehbaren Tatsachen, berühren deine Zeilen.

Sie zeigen - so zumindest entsteht leicht der Eindruck - so aber irgendwie auch das scheinbar egozentrische Weltbild eines LyrIch, das glaubt, die Welt würde sich allein um es drehen und müsse allein an ihm genesen. ;D

Das LyrIch kann nicht wissen (man kam sich ja nie nahe), wie die angesprochene Person ihr Leben gelebt hat, ob sie ihm je zugetan war/gewesen wäre und woran sie letztlich starb. Zu behaupten, ja zu unterstellen, es hätte allein daran gelegen, dass sie keine Liebesbeziehung zu besagtem LyrIch gehabt hätte, klingt leicht nach Hybris... ;)

Man muss wirklich überlegen und diese letzte Zeile als Ausdruck des Bedauern über ein zu geringes Bemühen für eine Beziehung deuten, die an dem LyrIch nagt. Es sei denn, es wüsste etwas über das Leben der Verstorbenen. Da dies im Text allergings keinerlei Erwähnung findet, liegt diese Deutung fern.

Sehr schön gesdichtet auf alle Fälle!

LG, eKy
Titel: Re:Die Stimme
Beitrag von: gummibaum am August 17, 2014, 12:09:54
Hallo Erich,

das stimmt. Vielen Dank. Es gab für die letzten beiden Verse mehrere Varianten. Eine war z.B.

vernahm ich, wie ein Fremder spricht:
Sie starb an unerfüllter Liebe.

Dann hätte ich es "Begegnung am Grab" genannt.

Besser so? Ich bin recht flexibel.

LG gummibaum

Titel: Re:Die Stimme
Beitrag von: Erich Kykal am August 17, 2014, 12:27:42
Hi, Gum!

Frag nicht mich, es ist dein Gedicht. Das musst du entscheiden - ich gebe nur Bedenken und Anregungen weiter.
Titel: Re:Die Stimme
Beitrag von: gummibaum am August 17, 2014, 12:39:57
Entscheidungen zu treffen fällt mir oft schwer, besonders, wenn ich länger über etwas nachdenke. So gibt es nun zwei Versionen.
Titel: Re:Die Stimme
Beitrag von: cyparis am August 17, 2014, 14:32:57
Lieber Gummibaum,


beide Darstellungen sind tief ergreifend und anrührend,
formal für mich vollkommen.

Die zweite erinnert mich an ein eigenes "Erleben" und greift für mich deswegen tiefer.
Es war zwar kein wirklich Fremder (auf dem Dorf bleibt man sich nicht fremd, auch nach Jahrzehnten nicht),
aber gerade die zeitliche Distanz kann mich (im Gegensatz zu Dir) verstummen lassen.


Lieben Gruß
von
Cyparis
Titel: Re:Die Stimme
Beitrag von: gummibaum am August 17, 2014, 14:50:33
Hallo Cyparis,

du hast es zu meinem Glück so verstanden, dass das Mädchen am Ort blieb, und das ist besser.  Ich tausche die Rollen und den Fremden aus. Danke.

LG g
Titel: Re:Die Stimme
Beitrag von: Erich Kykal am August 17, 2014, 18:05:59
Ich hatte dieselben Schwierigkeiten der Zuordnung in S1, aber es war noch nachvollziehbar, also sagte ich nichts. So rum ist es auf jeden Fall eindeutig stringenter!