die Lyrik-Wiese
Blumenwiesen => Verbrannte Erde => Thema gestartet von: Koollook am September 06, 2014, 12:14:09
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In den Wind verliebt
Oh nein, ich bin nicht depressiv.
Ich bin nur in den Wind verliebt,
der dunkle Regenwolken schiebt.
Wohin er flieht? – Ich weiß es nicht.
Und Regentropfen auf der Wange
bitten die Tränen dann zum Tanz.
So steh ich da im grauen Glanz
und schau dem bitter-süßen Duo
bei ihrem Trauertango zu.
Wenn Hirne zwischen Herzen hetzen
und sie dabei so leicht verletzen,
such ich den Wind, doch find ihn nicht.
Oh nein, ich bin nicht depressiv.
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Hi, Koollook!
Ein besinnliches Gedicht zwischen heiterer Gelassenheit und nachdenklicher Traurigkeit, bei dem man nie so recht weiß, ob gemeint wird, was geságt wird, oder ob das LyrIch die Gelöstheit nur vorschiebt, um sich die Traurigkeit nicht anmerken zu lassen. Aus diesem Spannungsfeld schöpfen die Verse ihre tiefere Wirkung - daher gut gelungen!
Zweierlei hat mich, den sehr rhythmisch veranlagten Sprachverliebten, etwas gestört:
Zum einen der Mangel an Reimen durch die vielen "offenen Enden", zum anderen das indifferente Schema der wenigen Reime und der Strophenlängen.
Oh nein, ich bin nicht depressiv.
Ich bin nur in den Wind verliebt,
der dunkle Regenwolken schiebt.
Wohin er flieht? – Ich weiß es nicht. Wunderbare erste Strophe - wohlgesetzte Sprache, schöner Reim. Da er harmonisch mittig sitzt, fallen die umarmenden losen Enden kaum auf oder haben sogar verstärkende Wirkung auf Inhalt und Duktus.
Und Regentropfen auf der Wange
bitten die Tränen dann zum Tanz. Betonter Auftakt im ansonsten unbetont auftaktenden Gedicht. Eine Lösung: (Komma am Ende der Vorzeile) "sie bitten Tränen dann zum Tanz."
So steh ich da im grauen Glanz
und schau dem bitter-süßen Duo
bei ihrem Trauertango zu. Die fünfte Zeile schafft ein rhythmisches Ungleichgewicht, das die fehlenden Reime auffälliger macht.
Wenn Hirne zwischen Herzen hetzen
und sie dabei so leicht verletzen,
such ich den Wind, doch find ihn nicht.
Oh nein, ich bin nicht depressiv. Da auch hier ungereimte Zeilen direkt aneinander stehen, kommt der positive Effekt von S1 ebenfalls nicht zustande.
Reimgeförderte, harmonisierte Version:
Oh nein, ich bin nicht depressiv.
Ich bin nur in den Wind verliebt,
der dunkle Regenwolken schiebt.
Wohin er flieht? – Ich weiß es nicht.
Kurz hier und fort im Nu.
Und Regentropfen auf der Wange,
sie bitten Tränen dann zum Tanz.
So steh ich da im grauen Glanz
und schau der bittren Süße lange
bei ihrem Trauertango zu.
Oh nein, ich bin nicht depressiv.
Wenn Hirne zwischen Herzen hetzen
und sie dabei so leicht verletzen,
such ich den Wind, doch find ihn nicht.
Es lässt mir keine Ruh.
Hier haben wir nun sogar alles gereimt in der Mittelstrophe, die von den Strophen, die nicht durchgehend gereimt sind, gleichmäßig umarmt wird, und die ungereimten Enden in S1 und 3 sind obendrein exakt dieselben (depressiv/nicht), was durch symmetrisches Gleichmaß ebenfalls harmonisierend wirkt.
Zusätzlich verbindend nun die strophenübergreifenden Endreime der jew. 5. Zeilen.
Das kann man natürlich als Spielerei betrachten, soll aber dazu dienen, das lyrische Ohr zu schulen oder Alternativen anzubieten. Wie weit man mit Änderungen gehen will und wie weit diese noch mit den ursprünglichen dichterischen Intentionen einhergehen, muss und darf jeder Autor natürlich selbst entscheiden.
Ich behaupte keineswegs, dass mein sprachmelodisch harmonisierter Angang der lyrischen Weisheit letzter Schluss sei - ich biete nur meine individuelle Sicht- und Herangehensweise an und überlasse es dir, was du draus machst, oder ob es überhaupt für deine literarischen Erwägungen eine Rolle spielt. :)
Gern gelesen und bearbeitet. Nimm, was dir brauchbar erscheint.
LG, eKy
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Hallo, Koollook -
leider hab ich nicht viel Zeit heute:
"Wenn Hirne zwischen Herzen hetzen"
ist zwar schön alliterat (ist das der Ausdruck?),
aber wenn ich mir das so auf dem CT vorstelle.
Hetzen nicht eher die Gedanken?
Ansonsten vorerst:
Gefällt mir.
Ist eigentlich untypisch für Dich. Oder Deine überwiegend freie Lyrik.
Herzlichen Gruß
von
Cyparis
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Vielen Dank für eure Kommentare.
Erstmal zu cyparis: Ich glaube du verwechselst da etwas. Eigentlich schreibe ich mehr metrikgebunden als frei. Vielleicht meinst du aber auch eine Veränderung in meinem Stil, weil das Gedicht von 2012 ist und ich es nur herausgekrammt habe, weil ich es zu einem Bild für mein Projekt "Ich schreibe über DICH!" brauchte.
Hier ist übrigens das Bild zum Gedicht: http://ichschreibueberdich.tumblr.com/ (Edit: Die Abgebildete hat gebete, das Gedicht zu entfernen)
Zu Hirnen zwischen Herzen hetzen: Das ist ein rhetorischen Mittel: wenn man etwas stellvertretend für eine Eigenschaft oder Funktion desselben schreibt. Mir fällt der Name gerade nicht ein. Ich glaube es hieß Metonymie.
zu Erich: wieder mal ein wunderbarer Kommentar mit viel Hintergrund, den du durch Bescheidenheit aus dem Vorgergrund drängen möchtest.^^
Ich werd mal chronologisch antworten:
Die offenen Enden erschienen mir damals (2012) als passend, um den Zweifel am Gesagten zu unterstreichen. Kennst du das, wenn man etwas sagt und dann kurz schweigt, weil man sich nicht sicher ist, ob man sich selbst glauben kann und darf?
Ich habe vergleichsweise lange an diesem Gedicht geschrieben. Normalerweise "passieren" Gedichte; sie fangen sich selbst an und enden dann, wie es die Worte einem erlauben. So schreibe ich meistens. Bei diesem war es aber ein Hadern und Suchen, nach den Worten, die es sein mussten. Hier ist wenig von allein passiert. Es war eher ein Ringen mit Wort und Sinn. Vielleicht merkt man es dem Gedicht auch an.
Jetzt zu den Zeilen: Deine Vorschläge ebnen das Gedicht aus, machen es regelmäßig und rund. Aber sie bremsen meiner Meinung nach auch den Lesesfluss. Z.b. in der zweiten Strophe der unbetonte Auftakt, oder die Ergänzungszeilen in Strophe 1 und 3.
Der Vorschlag in der letzten Strophe bremst auch. Für mich liest sie sich in meiner Fassung sehr dynamisch. Wie ein Endspurt, wenn man alles ganz schnell hinter sich bringen will. Und am Ende kommt noch mal die Rechtfertigung, dass man nicht depressiv sei.
Durch deine Vorschläge konnte ich mich aber noch einmal kritisch mit meinem Gedicht auseinandersetzen und etwas besser verstehen, was ich damals intuitiv gemeint habe.