die Lyrik-Wiese

Blumenwiesen => Im Gras wispert Hoffnung => Thema gestartet von: Erich Kykal am Oktober 10, 2014, 20:56:41

Titel: Morgengeläute
Beitrag von: Erich Kykal am Oktober 10, 2014, 20:56:41
Gewaltige Glocke,
ganz Resonanz
aus metallener Schwere.
Ertöne mit Macht,
bis alles erwacht,
singe und locke
die Seelen zum Tanz.
Klinge!
Erkläre
der Welt
deiner Stimme
geheiligtes Lied:
Das Gute, das Schlimme,
die Schwäche, die Stärke;
die täglichen Werke -
dass jeder sie sieht.
Titel: Re:Morgengeläute
Beitrag von: Thomas am Oktober 11, 2014, 12:36:57
Lieber Erich,

interessant und gut. Es hat "Swing"!

Warum mach "erwacht" kein Ausrufezeichen?

Was denkst zu zu
"Singe, verlocke"
"Klinge,  erkläre"
statt
"Sing und verlocke"
"Kling und erkläre"???

Liebe Grüße
Thomas
Titel: Re:Morgengeläute
Beitrag von: Erich Kykal am Oktober 11, 2014, 12:54:13
Hi, Thomas!

Das dritte Werk im "atavistischen" Stil, wie ich es nenne. Alles (oder fast alles) findet einen Reim, aber ohne festes strukturelles Gefüge, ganz dem Verlauf der Sprache folgend.

Mit Ausrufezeichen bin ich gern sehr sparsam, verwende sie nur bei wirklich extremen emotionalen Lastwechseln.

Zu deinem Vorschlag: Rein sprachlich schöner, aber jedes Komma ist auch eine Obstruktion im Sprachfluss, die eine Pause erzwingt. Auch hier spare ich gern, wo es geht, um die Sprachmelodie so flüssig wie nur möglich zu gestalten. Die Verkürzung nehme ich dafür in Kauf. Dein Vorschlag gab mir aber zu denken...

Vielen Dank für dein Feedback! :)

LG, eKy
Titel: Re:Morgengeläute
Beitrag von: Daisy am Oktober 12, 2014, 14:36:33
Hallo Erich,

dieses Morgengeläute ist ein sehr wohlklingendes und gefällt mir ganz ausgezeichnet!

Da ich, wie dir sicher nicht entgangen sein dürfte, für die lyrische Vielfalt sehr empfänglich bin, kann ich mich für Gedichte mit den unterschiedlichsten Reimschemen geradezu begeistern.
Die Vorschläge von Thomas finde ich persönlich gut, da für mich dadurch die durchgehenden weiblichen Kadenzen bei "singe, verlocke" und "klinge, erkläre" sehr weich und fließend klingen.

Solche Gedichte sind eine wunderbare Alternative zu deinen Sonetten!

LG Daisy
Titel: Re:Morgengeläute
Beitrag von: gummibaum am Oktober 13, 2014, 02:47:52
Wenn ich doch auch so Glocke um den Hals hätte, die mir den Weg in den Tag ebnete.  ;D

Sehr gern den Klang von fern gehört.

LG gummibaum
Titel: Re:Morgengeläute
Beitrag von: Erich Kykal am Oktober 13, 2014, 09:45:06
Hi, Daisy, Gum!

Habe auf Thomas' Vorschlag reagiert und das Ganze - nun auch optisch - angeglichen. Jetzt haben wir wirklich eine Glockenform im Text.

LG, eKy
Titel: Re:Morgengeläute
Beitrag von: Curd Belesos am Oktober 13, 2014, 14:15:53
moin moin Erich,

warum: -das jeder sie sieht?

Klinge!
Erkläre
der Welt
deiner Stimme
...................
dass jeder sie hört.

wäre mir nach meiner Lesart näher.

LG
CB
Titel: Re:Morgengeläute
Beitrag von: Erich Kykal am Oktober 13, 2014, 18:26:22
Hi, Curd!

Kleiner Bezugslapsus deinerseits: ;)

Die Glocke soll klingen, dass jeder erwache, um die täglichen Werke der Menschen zu sehen. Die Glocke soll quasi auf sie aufmerksam machen.

LG, eKy
Titel: Re:Morgengeläute
Beitrag von: Curd Belesos am Oktober 13, 2014, 18:43:49
moin,

dann muss ich es noch einmal lesen  :)

LG
CB
Titel: Re:Morgengeläute
Beitrag von: cyparis am Oktober 13, 2014, 19:09:28
Lieber Erich,

das zweite (?) "Atavistische" von Dir hier und - man glaubt es kaum! - schon nicht mehr gewöhnungsbedürftig.
Sehr gelungen in Präsentation und Reimschema.

Trotzdem werde ich nicht zu Leidenschaftsbewunderungsstürmen so hingerissen wie bei Deinen Sonetten.
Aber das macht ja nichts - Qualität "lieferst" du immer.


Lieben Gruß
von
Cyparis
Titel: Re:Morgengeläute
Beitrag von: Erich Kykal am Oktober 13, 2014, 19:46:21
Hi, Cypi!

Es ist das vierte in dieser "Phase", und es ist eben Geschmacksache. Mir sagen die Sonette auch eher zu, aber ich wollte mich mal wieder in dieser freieren Form versuchen.

LG, eKy
Titel: Re:Morgengeläute
Beitrag von: cyparis am Oktober 13, 2014, 19:49:40
Was von Deiner großen Gabe zeugt!
Titel: Re:Morgengeläute
Beitrag von: charis am Oktober 13, 2014, 23:04:22
eKy und die Kunst des Bogenschießens! ;)
Lieben Gruß
charis
Titel: Re:Morgengeläute
Beitrag von: Erich Kykal am Oktober 15, 2014, 14:09:59
Hi, Charis!

Bogenschießen? Diese Andeutung versehe ich nicht. Was ist gemeint?

LG, eKy
Titel: Re:Morgengeläute
Beitrag von: Curd Belesos am Oktober 15, 2014, 15:06:30
Klinge!

Erkläre der Welt

die täglichen Werke -

dass jeder sie sieht.

Wenn ich über das Klingen nachdenke, bin ich noch nicht so weit, dass ich "die täglichen Werke" sehe.

Curd, ratlos.

Nachtrag:

Ich habe es gefunden. Ja, ich habe deine Lesart verstanden.

Matthaeus 28/18

gehet!
und lehret alle Völker
taufet sie im Namen des Vaters
des Sohnes und
des heiligen Geistes
damit sie halten-
was ich euch befohlen habe.




Titel: Re:Morgengeläute
Beitrag von: Erich Kykal am Oktober 15, 2014, 17:15:37
Hi, Curd!

Erstens müsste es nach deiner Lesart "deine Stimme" heißen, und zweitens steht bei mir "deiner Stimme geheiligtes Lied": Das geheiligte Lied der Stimme.

Sodann folgt die Aufzählung nach dem Doppelpunkt: Das Gute, das Schlimme, die Schwäche, die Stärke. Diese Aufzählung wird in der nächsten Zeile zusammengefasst zu: die täglichen Werke (der Menschen). Sie sollen gesehen werden, dazu ruft die Glocke auf, das ist ihr Zweck.

Tut mir leid, wenn du da die Brücke nicht findest. Zu meiner Verteidigung kann ich nur anführen, dass du bislang der einzige bist...

LG, eKy
Titel: Re:Morgengeläute
Beitrag von: Curd Belesos am Oktober 15, 2014, 18:03:24
moin moin Erich,

bitte, du hast es nicht nötig, etwas zur Verteidigung vorzubringen. Ich sollte etwas zur Entschuldigung vortragen. Ich werde es erneut mit dem Versuch lesen, deine Erklärungen anzuwenden.

Ich übe und berichte.

LG
CB
Titel: Re:Morgengeläute
Beitrag von: charis am Oktober 15, 2014, 20:11:59
Lieber Eky,
Die Andeutung: "Zen und die Kunst des Bogenschießens" von Eugen Herrigel, der diese Kunst in Japan erlernt hat.
Ich könnte mir vorstellen, dass dir dieses Buch vielleicht gefällt.
Für diese Kunst gibt es ganz strenge Regeln. Das Ziel ist nicht wichtig, sondern wie man den Bogen spannt. Die Meister sind da gnadenlos, erkennen sofort, wenn der Schüler schummelt, weil er wieder einmal statt der Kunst, die er eigentlich erlernen sollte, nur daran denkt, wie er ins Schwarze trifft.

Man könnte also sagen, um ein wirklicher Meister zu werden muss man alles lernen und wissen, um es im entscheidenden Moment wieder zu vergessen. Dein, wie du ihn bezeichnest,  "atavistischer" Stil, scheint mir irgendwie in diese Richtung zu gehen.

Also letzlich führte ihm der Meister beeindruckend vor,  worum es wirklich geht: Aber vielleicht magst du das selbst lesen, deshalb verrate ich das jetzt nicht.

Aber vielleicht ein kleiner Ausschnitt aus dem Unterricht im Bogenschießen, weil ich da auch Poesie drin steckt. Es ist eine der wenigen "Erklärungen" des Meisters:

"Die Spinne tanzt ihr Netz, ohne zu wissen, dass es Fliegen gibt, die sich darin fangen. Die Fliege, unbekümmert im Sonnenstrahl tanzend, verfängt sich im Netz, ohne zu wissen, was ihr bevorsteht. Durch beide hindurch aber tanzt "Es", und Inneres und Äußeres sind eins in diesem Tanz. So trifft der Schütze die Zielscheine, ohne äußerlich gezielt zu haben."

Lieben Gruß
charis
Titel: Re:Morgengeläute
Beitrag von: Erich Kykal am Oktober 16, 2014, 09:47:43
Hi, Charis!

Danke für den Tipp - ich hatte gedacht, dein Kommi sollte sich irgendwie auf den Text selbst beziehen.

So sehr ich die japanische Kultur für ihr Design und ihre Kunst schätze, so sehr verachte ich die feudale und gnadenlose Vergangenheit dieses Landes. All die raffinierte Kultur war nur die dünne Decke einer Oberschicht über einer brutalen und menschenverachtenden Weltordnung, geprägt von Arroganz der Mächtigen und barbarisch grausamen Strafen für schon die kleinsten Verfehlungen!

Zudem halte ich nicht viel von meditativer Ritualisierung. Die Teezeremonie oder das Zen-Bogenschießen sind gute Beispiele. Wer seinen Geist nicht ohne solche überlernte Rituale sammeln kann, sollte sich ohnehin auf seine Zurechnungsfähigkeit untersuchen lassen! (scherzhafte Überzeichnung!)

LG, eKy
Titel: Re:Morgengeläute
Beitrag von: charis am Oktober 16, 2014, 19:01:48
Lieber Eky,
Ja, eigentlich sollte sich mein Kommi schon auf deinen Text beziehen, aber das ist mir offensichtlich nicht gelungen, vielleicht
ist das verständlicher:

Die Spinne hat ihr
Netz getanzt und morgen spinnt
die Fliege Fäden.

Kurz:
Mir gefallen deine "atavistischen Versuche" sehr und auch das, was du über Rilkes Gedicht geschrieben hast, das ua ursächlich für deine "Versuche" war:

"Es ist kaum ein Schema zu erkennen, und doch rastet jedes Wort dort ein, wo es soll, bewegt dynamisch eine größeres Ganzes in einer ganz der Sprache selbst zugewandten Harmonie, die sich an den Inhalt schmiegt, im folgt, in hegt und befördert, ganz eins in allem, mit sich und dem frei fließenden nur dem eigenen Rhythmus folgenden Strom der Worte."
 
Im entscheidenden Augenblick zählt das Ritual (auf die Lyrik üertragen: Metrik und Gedichtformen) beim Bogenschießen nicht mehr, es ist nur der Weg dorthin, wo der Bogenschütze (und Lyriker) wohl ankommen soll, nämlich dort, wo das "Unsagbare" spricht (=Rilke meint: die meisten Ereignisse sind unsagbar und vollziehen sich in einem Raume, den nie ein Wort betreten hat).

Lieben Gruß
charis
Titel: Re:Morgengeläute
Beitrag von: cyparis am Oktober 16, 2014, 23:23:17
Lieber Eky,
Ja, eigentlich sollte sich mein Kommi schon auf deinen Text beziehen, aber das ist mir offensichtlich nicht gelungen, vielleicht
ist das verständlicher:

Die Spinne hat ihr
Netz getanzt und morgen spinnt
die Fliege Fäden.

Kurz:
Mir gefallen deine "atavistischen Versuche" sehr und auch das, was du über Rilkes Gedicht geschrieben hast, das ua ursächlich für deine "Versuche" war:

"Es ist kaum ein Schema zu erkennen, und doch rastet jedes Wort dort ein, wo es soll, bewegt dynamisch eine größeres Ganzes in einer ganz der Sprache selbst zugewandten Harmonie, die sich an den Inhalt schmiegt, ihm folgt, in hegt und befördert, ganz eins in allem, mit sich und dem frei fließenden nur dem eigenen Rhythmus folgenden Strom der Worte."
 
Im entscheidenden Augenblick zählt das Ritual (auf die Lyrik üertragen: Metrik und Gedichtformen) beim Bogenschießen nicht mehr, es ist nur der Weg dorthin, wo der Bogenschütze (und Lyriker) wohl ankommen soll, nämlich dort, wo das "Unsagbare" spricht (=Rilke meint: die meisten Ereignisse sind unsagbar und vollziehen sich in einem Raume, den nie ein Wort betreten hat).

Lieben Gruß
charis



Keine Ahnung, charis, wen Du zitiert hast:
Ein Deutscher Dichter wird es wohl nicht gewesen sein.
Und - verzeih! - Dein letzter Satz ist möglicherweise gut gemeint, aber ein Rohr im Wind.

Ich staune.
Mit Grüßen ringsum.

Cyparis

Titel: Re:Morgengeläute
Beitrag von: charis am Oktober 17, 2014, 07:54:57
Lieber Eky,

Ich muss mich schnell entschuldigen, dass ich dein Zitat aus dem Faden "Seelchens Nachtlied" so verstümmelt habe - ich schaffe es einfach nicht ohne Tippfehler zu schreiben - also nunmehr hab ich es kopiert:

"Es ist kaum ein Schema zu erkennen, und doch rastet jedes Wort dort ein, wo es soll, bewegt dynamisch ein größeres Ganzes in einer ganz der Sprache selbst zugewandten Harmonie, die sich an den Inhalt schmiegt, ihm folgt, ihn hegt und befördert, ganz eins in allem, mit sich und dem frei fließenden, nur dem eigenen Rhythmus folgenden Strom der Worte."

Und entschuldige auch, dass ich deinen Faden mit diesen wenig schlüssigen Verrückheiten zugespamt habe. Manchmal denke ich etwas sonderbar verquer. Ich werd mir in Zunkunft meine Logorrhoe verkneifen.  ;D

Liebe Cyparis, ja du hast wohl Recht. Das Sprüchlein ist von keinem deutschen Dichter. Ich gestehe: Es ist von mir.   :o

Schönen Tag Euch allen  :)
Lieben Gruß
charis


 
Titel: Re:Morgengeläute
Beitrag von: Erich Kykal am Oktober 17, 2014, 15:14:33
Hi, Charis!

Ich bin keineswegs irgendwie verstimmt, falls du derlei befürchten solltest. Ich dachte bloß zuerst: In meinem Text kommt doch gar nix mit Bogenschießen vor!? Dass du dies als Gleichnis für meine Herangehensweise meintest, verstand ich erst jetzt, mit deinem letzten Kommi, dank des von Cypi monierten Satzes.

Mein von dir zitierter Satz beschreibt übrigens nicht mein Gedicht - ich würde mich nie selbst so frech loben! - sondern den von mir bewunderten Text von Rilke "Das Gebet", dem ich mit eigenen Zeilen  nachzueifern versuchte.

Du musst dich für nichts entschuldigen - offenbar haben wir uns hier gegenseitig ein wenig "verpasst"! ;)

Alles klärchen!

LG, eKy