die Lyrik-Wiese

Blumenwiesen => Zwischen Rosen und Romantik => Thema gestartet von: Erich Kykal am Oktober 30, 2014, 18:38:45

Titel: Ein befremdliches Wiedersehen
Beitrag von: Erich Kykal am Oktober 30, 2014, 18:38:45
Man hatte sich sehr lange nicht gesehen
und fühlte bald, wie fremdgelebt und eigen
man nun einander war, und ein Erflehen
von Altvertrautem lag in beider Schweigen.

Man redete vom Gestern und Erlebtem,
als wüsste dies, was man seitdem verlor,
verschloss Gefühltes lieber in verklebtem
und kitschigem historischem Dekor.

Man ahnte wohl, dass man sich niemals wieder
erreichen würde hinter tausend Schalen
aus toter Zeit. Man schlug die Augen nieder
und rief zugleich: "Herr Ober, bitte zahlen!"
Titel: Re:Ein befremdliches Wiedersehen
Beitrag von: Thomas am Oktober 30, 2014, 19:46:04
Lieber Erich,

ein sehr schönes Beispiel, wie das in Foren verbotene "man" poetisch gut verwendet werden kann, um eine Distanz auszudrücken. Ein sehr gut gelungenes Gedicht, leider keine erfreuliche Geschichte.

Liebe Grüße
Thomas
Titel: Re:Ein befremdliches Wiedersehen
Beitrag von: Erich Kykal am Oktober 30, 2014, 20:25:45
Hi, Thomas!

Das "man" kommt siebenmal vor. ;) Sozusagen "Sieben auf einen Streich!" ;D

Du hast klar ausgesprochen, worum es mir damit ging.

LG, eKy
Titel: Re:Ein befremdliches Wiedersehen
Beitrag von: charis am Oktober 30, 2014, 20:54:49
Man hatte sich sehr lange nicht gesehen
und fühlte bald, wie fremdgelebt und eigen
man nun einander war, und ein Erflehen
nach Altvertrautem lag in beider Schweigen.

Man redete vom Gestern und Erlebtem,
als wüsste dies, was man seitdem verlor,
verschloss Gefühltes lieber in verklebtem
und kitschigem historischem Dekor.

Man ahnte wohl, dass man sich niemals wieder
erreichen würde hinter tausend Schalen
aus toter Zeit. Man schlug die Augen nieder
und rief zugleich: "Herr Ober, bitte zahlen!"

Lieber Eky,
Herrlich diese "geschraubten Vorrede", die diese Gänsehautanspannung des "Wir-haben-uns-nichts-mehr-zu-sagen" so deutlich macht!
"Herr Ober bitte zahlen!" - Ich fühl mich richtig befreit!  :)
Lieben Gruß
charis

Titel: Re:Ein befremdliches Wiedersehen
Beitrag von: Curd Belesos am Oktober 30, 2014, 23:26:00
moin moin Erich,

oder ist es vielleicht doch das sechsmalige "und"  :)

Die Zahl 6 repräsentiert das Gleichgewicht, die Vollkommenheit
und das steht dem "man" Gedicht dann wieder gut zu Gesicht  :D

LG
CB
Titel: Re:Ein befremdliches Wiedersehen
Beitrag von: Erich Kykal am Oktober 31, 2014, 09:35:34
Hi, Charis!

Ich hielt mich im Stil leicht an Erich Kästner's Gedicht, das mich inspiriert hat.

Hi, Curd!

Seltsam - wenn man sich auf ein bestimmtes Wort konzentriert, fällt der oftmalige Gebrauch auf, aber wenn man unvoreingenommen liest, bemerkt man es gar nicht. Es ist wohl auch hier eine Frage des Fokus: Fokussiert man den Inhalt, zählt nur, wie verständlich er vermittelt wurde. Fokussiert man die Sprachhabung, springen einem die Wiederholungen viel eher ins Auge.

LG, eKy
Titel: Re:Ein befremdliches Wiedersehen
Beitrag von: Thomas am Oktober 31, 2014, 13:46:52
Lieber Erich,

es verleitet mich, einfach mal zu sagen wie ich das sehe:

Wortwiederholungen sind ein gutes poetische Mittel, das alle guten Dichter einsetzten.

Wenn in Foren immer auf Wortwiederhlungen herumgehackt wird, liegt das meiner Meinung daran, dass die Kommentatoren noch nicht vergessen haben, was ihre Lehrer in der Schule predigten, um bei Schreibanfängern Wortwiederholungen aufgrund mangelnder Ausdrucksfähigkeit abzudressieren, was bei Dichtern jedoch (meist) nicht mehr nötig ist.

Liebe Grüße
Thomas
Titel: Re:Ein befremdliches Wiedersehen
Beitrag von: Erich Kykal am Oktober 31, 2014, 16:12:35
Hi, Thomas!

Normalerweise versuche ich Wiederholungen, zumindest offensichtliche, zu vermeiden. Manchmal aber ist es gerade die Wiederholung, die eine bestimmte Wirkung erzielt - bewusst eingesetzt ist sie nicht von Übel.

LG, eKy
Titel: Re:Ein befremdliches Wiedersehen
Beitrag von: Curd Belesos am November 01, 2014, 13:10:52
bewusst eingesetzt ist sie nicht von Übel

es ist ja gewollt und meine Anmerkung zum "und" war ein Scherz von mir auf die Aussage von Thomas  :D

Ich selber benutze dieses Stilmittel um etwas zu fokussieren, etwa mit umarmenden Reimen. Wie diese:  ;)

Du schenktest mir so wunderbare Zeit
und deine ganze Mannes Stärke
und all die schönen Wunderwerke
Du schenktest mir so sanfte Zärtlichkeit.

LG
CB




Titel: Re:Ein befremdliches Wiedersehen
Beitrag von: cyparis am November 01, 2014, 14:41:05
Lieber Erich,

das erinnert mich an viele Dichter, die diese Entfremdung und Distanz in Verse gefaßt haben, aber Dein Stil bleibt auch hier Dein eigener Stil.
Ich finde Dein Gedicht sehr gut und gelungen, aber ich vermisse doch die Wortgewalt, die Dir bei "nüchternen" Gedichten leider nicht so gut zu Gebot steht.
Naja - das läßt sich vielleicht nicht vermengen.

Naja - ist vielleicht auch kein so wuchtiges Thema.
Wer kennt diese Abschiede nicht?

Lieben Feiertagsgruß
von
Cyparis
Titel: Re:Ein befremdliches Wiedersehen
Beitrag von: Erich Kykal am November 01, 2014, 15:27:01
Hi, Cypi!

Hier geht es ja nicht um Wuchtigkeit - es SOLL ja möglichst gefühlsbereinigt, nüchtern und lapidar klingen, um die Gefühlsstille im Innern der Protagonisten widerzuspiegeln.

Hi, Curd!

Das mit der Scherzhaftigkeit hatte ich schon verstanden. ;)

LG, eKy