die Lyrik-Wiese

Blumenwiesen => Zwischen Rosen und Romantik => Thema gestartet von: charis am Juni 01, 2015, 07:59:46

Titel: Geborgte Seligkeit
Beitrag von: charis am Juni 01, 2015, 07:59:46
Das Abendlicht aus Fieberwahn erwachte,
und lockt nun bald die Nacht mit lauen Rufen.
Benommen wirft es Schatten auf die Stufen,
sie glühen noch. - Wir atmen schwer, und sachte

umspielt ein Windhauch feuchte Haut. Berauschend
- in Festgewändern - lodern Wolkenbrände.
Mein Beben folgt den Spuren deiner Hände,
ich schließ die Augen, nur den Sinnen lauschend.

Mohnknospen wiegen sich in weichen Wogen
im mondlichtblassen Weizenfeld. Ich schmiege
mich an dich. Deine Lust spannt meinen Bogen,

verzettelt sich, als gäbs nur dieses Borgen
von Seligkeit: Noch drängt kein neuer Morgen -
der Pfeil blitzt auf im Glanz entrückter Siege.
Titel: Re: Geborgte Seligkeit
Beitrag von: cyparis am Juni 01, 2015, 08:42:30
Liebe charis,

Dein Sonett ist ein Juwel!
Allein die Enjambements machen es schon kostbar -
aber die Wortmacht, die wortmacht - ihr kann ich mich nicht entziehen.

Das ist Lyrik, das ist Poesie!

Berauschten Gruß
von
Cyparis
Titel: Re: Geborgte Seligkeit
Beitrag von: Erich Kykal am Juni 01, 2015, 18:23:41
Hi, charis!

Sehr poetisch geliebt! ;) :D

Ein paar Kinkerlitzchen:

Das Abendlicht aus Fieberwahn erwachte, Soll das heißen, dass das Abendlicht aus Fieberwahn bestand, oder dass es aus (einem) Fieberwahn heraus erwachte? So, wie es da steht, sagst du jedenfalls ersteres aus. Für die andere Bedeutung bitte umstellen: "Aus Fieberwahn das Abendlicht erwachte,"
und lockt nun bald die Nacht mit lauen Rufen. Sollte das Abendlicht aus Fieberwahn bestehen, wären "laue Rufe" ein zu schwaches Bild!
Benommen wirft es Schatten auf die Stufen,
sie glühen noch. - Wir atmen schwer, und sachte

umspielt ein Windhauch feuchte Haut. Berauschend
- in Festgewändern - lodern Wolkenbrände.
Mein Beben folgt den Spuren deiner Hände,
ich schließ die Augen, nur den Sinnen lauschend.

Mohnknospen wiegen sich in weichen Wogen Betonter Auftakt - falscher Takt im Sonett, und besonders falsch in einem Gedicht mit ansonsten nur unbetonten Auftakten! "Mohnknospen" wäre auf Silbe 2 falsch betont. Altern.: "Des Mohnes Knospen wiegen sich in Wogen" oder: "Der Mohn wiegt seine Knospen wie in Wogen"
im mondlichtblassen Weizenfeld. Ich schmiege
mich an dich. Deine Lust spannt meinen Bogen, Senkungsprall "dich-Deine" - ein betontes "Deine" klönge sehr unnatürlich - "Lust" sollte der nächste natürliche Heber sein! Altern.: "mich zärtlich an. Die Lust spannt einen Bogen,".

verzettelt sich, als gäbs nur dieses Borgen Ich schreibe "gäb's" immer noch mit Stricherl.
von Seligkeit: Noch drängt kein neuer Morgen -
der Pfeil blitzt auf im Glanz entrückter Siege.


Besonders die Quartette und da besonders das 2. gefallen mir ganz ausnehmend gut! Hochlyrisch ist das ganze Sonett, aber ich finde, die Sprachbilder im 2. Quertett sind besonders poetisch und stimmig! Chapeau!

Sehr gern gelesen! :)

LG, eKy
Titel: Re: Geborgte Seligkeit
Beitrag von: charis am Juni 01, 2015, 22:25:40
Liebe Cyparis,

Ganz lieben Dank für deinen Eintrag. Er ist Balsam und Ansporn für mich!

Lieber Eky,

Ich hab dir ja eine Fortsetzung von "Lügnerin"  - quasi - versprochen!   ;)
Das "Chapaeu" werde ich hüten wie ein swarovskisteinbesetztes Eröffungswalzerkrönchen  :)
Mehr zu deinen Anmerkungen ein andermal, ich bin müde!

Lieben Gruß
charis
Titel: Re: Geborgte Seligkeit
Beitrag von: Curd Belesos am Juli 19, 2015, 23:22:26
Lieber Eky,...........Mehr zu deinen Anmerkungen ein andermal, ich bin müde!

...das war vor über einem Monat !!! Immer noch müde  ???

Ich warte gespannt auf die Antwort  ;)

Das Abendlicht aus Fieberwahn erwachte, Soll das heißen, dass das Abendlicht aus Fieberwahn bestand, oder dass es aus (einem) Fieberwahn heraus erwachte?

Gespannt wartenden Gruß von Curd.
Titel: Re: Geborgte Seligkeit
Beitrag von: charis am Juli 24, 2015, 14:57:03
Ja, lieber Curd, wenns dich noch interessiert  ;):

und lieber Eky!

Zitat
Das Abendlicht aus Fieberwahn erwachte, soll das heißen, dass das Abendlicht aus Fieberwahn bestand, oder dass es aus (einem) Fieberwahn heraus erwachte? So, wie es da steht, sagst du jedenfalls ersteres aus. Für die andere Bedeutung bitte umstellen: "Aus Fieberwahn das Abendlicht erwachte,"

Ich habs wegen der Alliteration so gewählt: Fieberwahn erwachte
Letztlich ist mir jede Assoziation hier recht, denn das locken kann sich sowohl auf das Licht alsauch auf die Nacht beziehen und in Bezug auf die Wolkenbrände könnte das Abendlicht sogar aus Fieberwahn bestehen.

Zitat
Mohnknospen wiegen sich in weichen Wogen Betonter Auftakt - falscher Takt im Sonett, und besonders falsch in einem Gedicht mit ansonsten nur unbetonten Auftakten!

Ich wollte unbedingt die Knospen und Mohn drinnen haben...ich denke du kannst dir vorstellen warum
Ich finde es klingt schön und fließend, wenn man das natürlich betont, das natürlich betont Mohnknospen wiegen sich in weichen Wogen - da setzte ich mich einmal über die Sonettstrenge hinweg, besonders an dieser Stelle.

Zitat
, Senkungsprall "dich-Deine" - ein betontes "Deine" klönge sehr unnatürlich - "Lust" sollte der nächste natürliche Heber sein! Altern.: "mich zärtlich an. Die Lust spannt einen Bogen,".
Ein Senkungsprall? Das musst du mir nochmals erklären. Ist das nicht eher ein Hebungsprall ...dich. Deine...? Wenn man es natürlich betont und dann fehlt ein Heber.
eigentlich soll es so sein:
mich an dich. Deine Lust spannt meinen Bogen
Es holpert leider - wie auch immer.

Ich muss wohl nochmals darüber nachdenken. Dein Vorschlag ist für mich keine wirklich Lösung. Mir war an dieser Stelle wichtig die Verbindung der Liebenden (mehrfach) zum Ausdruck zu bringen: Aus deiner Lust entsteht die meine und umgekehrt. Im letzten Vers erklärt sich dieses "Bogenbild". Der Schütze und der Bogen müssen eins werden, damit .... ;) (du weißt schon ich hab ein Faible für die Zen-Kunst des Bogenschießens).

Vielen Dank nochmals für deine intensive Auseinandersetzung mit meinen Texten, lieber Eky und dein Interesse, lieber Curd!

Lieben Gruß
charis   

Titel: Re: Geborgte Seligkeit
Beitrag von: Curd Belesos am Juli 27, 2015, 14:29:26
Liebe charis,

wenn wir unsere "Kinder" nicht beschützen würden, würden wir unsere Gefühle verraten.

Wir haben alle Emotionen und deine Mohnknospen trage ich sehr gerne mit  :)

auch wenn mir nicht alle Erklärungen so nah sind, wie dir.

Danke

CB

Titel: Re: Geborgte Seligkeit
Beitrag von: charis am Juli 27, 2015, 14:43:53
Ja, lieber Curd, nicht alle können sich so frei und überzeugend in den romanitschen Gewässern tummeln wie du!  :)

Tut mir leid, dass es dir nicht gefällt. Pfeil und Bogen sind vielleicht tatsächlich etwas zu martialisch für das Liebesspiel.

Lieben Gruß
charis
Titel: Re: Geborgte Seligkeit
Beitrag von: Curd Belesos am Juli 27, 2015, 15:07:31
Ja, liebe charis, nicht immer gelingt es mir meine Gefühle auch anderen näher zu bringen,
so ist es mir wohl auch nicht gelungen, dir meine Anerkennung für dein Gedicht und deine Erklärungen zu vermitteln.

Dein mit viel Gefühl geschriebenes Gedicht hast du wie dein Kind verteidigt, und ich finde es von dir auch sehr überzeugend beschrieben.

Du hast recht, wenn du so argumentierst:

Als herausragendes Beispiel ist mir dabei die Betonung der Mohnknospen aufgefallen.
Ich hätte aus dem Gefühl des Bildes, das sich im Kopf abzeichnete bevor du es in Worten zu Papier brachtest die gleiche Betonung gewählt, für mich, obwohl sie nicht in das Sonett Schema passt.

Auch wenn es stimmt, was Erich vorträgt, ergibt sich aus der Emotion heraus ein anderes Bild, dein Bild, das ein Gefühl betont.

Lieben Gruß
Curd
Titel: Re: Geborgte Seligkeit
Beitrag von: charis am Juli 27, 2015, 15:31:04
Lieber Curd, ja weil ihr Männer auch immer alles so komplizieren müsst! Wenn ihr "Ja" sagt, meint ihr eigntlich "Nein" und wenn ihr "Nein" sagt, meint ihr "Jein"  ;D.
 :-*
Titel: Re: Geborgte Seligkeit
Beitrag von: Curd Belesos am Juli 27, 2015, 23:15:02
 :-* das ist bezaubernd

Das aber auch  :-*
Titel: Re: Geborgte Seligkeit
Beitrag von: ANOUK am August 20, 2015, 18:01:59
Liebe Charis,

heute habe ich es entdeckt, dein wundervolles Gedicht. Wie immer finden sich wunderschöne und ungewöhnliche Bilder bei dir zusammen und ergeben - vereint- ein außergewöhnlich schönes Stück Lyrik. Sacht anklingende Erotik, Liebe und Begehren ganz ohne Kitsch, eingebettet in eine wunderbare nächtliche Naturkulisse- einfach toll zu lesen!!!
Es gäbe noch so viel mehr zu sagen, aber das haben meine Vorredner bereits alle getan.
lG
Anouk (begeistert  :D!)
Titel: Re: Geborgte Seligkeit
Beitrag von: charis am August 29, 2015, 13:27:53
Vielen Dank, liebe Anouk! Ich freu mich  :)

Lieben Gruß
charis


Titel: Re: Geborgte Seligkeit
Beitrag von: Jonny am August 29, 2015, 19:28:11
Liebe charis!

Mich hier all den positiven Kommentaren anzuschließen, wäre zu einfach.
Und um einen angemessenen Kommentar zu deinen wunderschönen Sonett zu schreiben,
fehlt mir die Wortgewalt.
Also belasse ich es bei einem: "Gefällt mir sehr!"

Liebe Grüße
Jonny
Titel: Re: Geborgte Seligkeit
Beitrag von: charis am September 05, 2015, 20:18:06
Lieber Jonny,
Vielen Dank für deinen wortgewaltigen Eintrag!  ;)
Ich freue mich, dass es dir gefällt.
Lieben Gruß