die Lyrik-Wiese

Blumenwiesen => Zwischen Rosen und Romantik => Thema gestartet von: Seeräuber-Jenny am August 01, 2015, 23:41:25

Titel: Rapunzel
Beitrag von: Seeräuber-Jenny am August 01, 2015, 23:41:25
Es war einmal ein Ehepaar,
die Frau in guter Hoffnung war.
In diesem Zustand, wie man weiß,
ist oft der Hunger groß und heiß.

Nach den Rapunzeln stand ihr Sinn
im Garten ihrer Nachbarin,
worauf gehorsam ihr Gemahl
im Garten die Rapunzeln stahl.

Doch merkte das die Nachbarin,
Frau Gotel, eine Zauberin.
Und furchtsam, wie die Männer sind,
versprach er ihr sogleich das Kind.

Sie schnappte sich das arme Wurm
und sperrte es in einen Turm.
Dort saß Rapunzel Jahr um Jahr
und immer länger wuchs ihr Haar.

Und quälte sie die Einsamkeit,
ließ sie’s herab von Zeit zu Zeit
für Zauberin und Edelmann -
und wurde schwanger irgendwann.

Da schnitt die Zauberin brutal
Rapunzels Haar ab ratzekahl
und trieb das Mädchen mit Geschrei
in eine karge Wüstenei.

Und als ihr Liebster wiederkam,
am Haar den Weg nach oben nahm
zur Kammer der Rapunzel hin,
saß drin die böse Zauberin.

Vor Schreck sprang er vom Turm geschwind,
fiel in den Dornbusch, wurde blind
und irrte hilflos durch das Land,
bis ihn Rapunzel endlich fand.

Sie küsste innig ihren Mann
und weinte. Eine Träne rann
dem Prinzen über das Gesicht,
gab ihm zurück das Augenlicht.

Sie lebten glücklich Jahr um Jahr
mit ihrem schönen Kinderpaar.
Frau Gotel raufte sich das Haar,
bis nur ein Glatzkopf übrig war.
Titel: Re: Rapunzel
Beitrag von: a.c.larin am August 02, 2015, 11:12:39
hi jenny,

eine humorgie Märchennachdichtung!
dass allerdings das rapunzel gleich mal schwanger wurde beim alleine im turm - hocken, das war mir neu.
aber die geschichte verschweigt ja oft die interessantesten details!
und außerdem: sonst wären ja die märchen nicht jugendfrei!   ;)

lg, larin
Titel: Re: Rapunzel
Beitrag von: cyparis am August 02, 2015, 11:46:24
Liebe larin,


hast Du den Edelmann übersehen? ;)

Liebe Seeräuber-Jenny -

das ist Dir herrlich geglückt.
Ich höre Dich beim Vortrag - echt Jenny!

Glückwunsch
von
Cyparis
Titel: Re: Rapunzel
Beitrag von: Seeräuber-Jenny am August 02, 2015, 13:37:43
Liebe larin,

das Gedicht ist aus einem Prolog entstanden, den ich für unseren Sketch "Rapunzel - arbeitslos im Märchenwald" geschrieben hatte. Ich wollte das Märchen erzählen, wie es wirklich war.

Die Geschichte hat ihren Ursprung in einem französischen Feenmärchen.  Damals hieß Rapunzel noch "Petersilie". Joachim Christoph Friedrich Schulz übersetzte den Text ins Deutsche. Jakob Grimm übernahm diesen Text in die Sammlung der Kinder- und Hausmärchen. In der 1. Auflage ist noch von Rapunzels Schwangerschaft die Rede (ja, der Edelmann war's). In der 2. Auflage wurde die Geschichte, wohl auf Beschwerden von Lesern hin (genau, das wäre nicht jugendfrei gewesen), von Wilhelm Grimm abgeändert. Rapunzel verrät der Zauberin nun unbeabsichtigt, dass sie einen Liebhaber hat. Weitere Änderungen folgten.

Lieben Gruß
Seeräuber-Jenny

PS: Ich melde mich noch bei dir.

***

Liebe cyparis,

danke für dein Lob! Vorgetragen wird leider nur der erste Teil in Form eines Prologs. Danach ist die Bühne frei für das entflohene Rapunzel und die Beraterin vom Jobcenter.

Lieben Gruß
Seeräuber-Jenny
Titel: Re: Rapunzel
Beitrag von: Erich Kykal am August 02, 2015, 18:55:08
Hi, Jenny!

Interessant! In der amerikanischen Version - frei nach Walt Disney - hat Rapunzels Haar die Zauberkraft, Wunden zu heilen und Altes wieder jung zu machen, wenn sie dazu singt, weil die Königin mit Gotels Zauberblume geheilt wurde, als sie mit Rapunzel schwanger war - natürlich ohne das Einverständnis der Hexe. Deshalb hat Gotel sie als Baby entführt und hält sie gefangen - der Unsterblichkeit und Jugend wegen. Rapunzel wächst im Glauben auf, Gotel wäre ihre richtige Mutter.
Der "Edelmann" ist hier ein charmanter Gauner niederer Herkunft, der Rapunzel eher unfreiwillig befreit und ihr die Welt zeigt. Nach einigem Hin und Her wird die verfolgende Hexe besiegt und der Gauner (er schneidet Rapunzels Haar ab, um sie vor Gotel zu retten) zum Prinzen, weil er die Prinzessin heiratet, die ihre wahre Herkunft mit seiner Hilfe herausgefunden hat.
Nettes Filmchen ...

Auch dein Gedicht habe ich gerne gelesen! :) Sozusagen die klassische Version.

LG, eKy
Titel: Re: Rapunzel
Beitrag von: Curd Belesos am September 11, 2015, 22:16:49
moin moin Jenny,

eine bezaubernde, für mich neue Variante das Märchens.

Habe es  meinem Enkel und seinen Freunden vorgelesen, den Edelmann haben sie überhört und gefragt ob die Hexe sie geschwängert hätte  ::)

Lieben, grinsenden Gruß

von Curd
Titel: Re: Rapunzel
Beitrag von: gummibaum am September 11, 2015, 23:09:01
Klasse, dein Rapunzel, liebe Jenny.

Sehr gern gelesen.

Ein Vers weicht in der Betonung ab. Vorschlag:


und trieb das Mädchen mit Geschrei


LG gummibaum
Titel: Re: Rapunzel
Beitrag von: Seeräuber-Jenny am September 12, 2015, 02:25:02
Hi Erich,

das Märchen vom Rapunzel hat schon immer Groß und Klein fasziniert. Sei es als Feenmärchen in Frankreich und Italien, als Rapunzel noch Petersilie hieß, oder als Märchen der Gebrüder Grimm, jugendfrei/nicht jugendfrei, oder als Zeichentrickfilm für die ganze Familie. Den werde ich mir natürlich ansehen!

Eigentlich ist das Märchen ja schon viel älter, denn es hat seine Wurzeln in uralten Mythen.

Vielleicht ist Frau Gotel (Gott?), manchmal auch "Mutter Gotel" genannt, die im Volksmärchen eine Zauberin und keine Hexe ist, einer alten Muttergottheit nachempfunden. Mit dem Kraut könnte das magische Gebärkraut der babylonischen Göttin Ištar gemeint sein, das König Etana der Göttin entreißen musste. Das Gebärkraut fördert oder unterbricht eine Schwangerschaft und steht damit für die sexuelle Selbstbestimmung der Frau, die seit Beginn des Patriarchats unterdrückt wird. Das lange Haar gilt in den Kulturen als Symbol für die wilde weibliche Sexualität.

Rapunzels Gefangenschaft geht auf den griechischen Danaë-Mythos zurück. Akrisios, der König von Argos, hatte eine Tochter, aber keinen männlichen Erben. Gewarnt vom Orakel („Du wirst keine Söhne haben und dein Enkel wird dich töten.“), sperrte er die noch kinderlose Danaë in einen bronzenen Turm. Doch Zeus begehrte sie und fand durch das Dach des Gefängnisses Zugang zu ihr, indem er sich in einen goldenen Regen verwandelte. Danaë gebar ihm den Sohn Perseus. Für Akrisios gab es kein Entrinnen: Ein Diskus von Perseus, in einem Wettkampf geschleudert, wurde von den Göttern so abgelenkt, dass der Großvater tödlich getroffen wurde.

Lieben Gruß
Seeräuber-Jenny

***


Hallo Curd,

au fein, da ist mein Märchen ja zu hohen Ehren gekommen! Freut mich, dass es den Kindern gefallen hat. Wow, ein queeres Rapunzel gab es bisher noch nicht! Daraus ließe sich bestimmt ein lustiges Gedicht machen...

Wie schön, dass du wieder hier bist und auch gleich fleißig kommentierst. Danke!

Lieben Gruß
Seeräuber-Jenny

***

Lieber gummibaum,

danke für dein Lob und für deinen nützlichen Vorschlag, das hässliche „jagte“ endlich loszuwerden!

Lieben Gruß
Seeräuber-Jenny