die Lyrik-Wiese

Blumenwiesen => Verbrannte Erde => Thema gestartet von: cyparis am Oktober 14, 2015, 08:36:08

Titel: Tsunami
Beitrag von: cyparis am Oktober 14, 2015, 08:36:08
oder: Die Amplitude




Aufgetriebne Leiber
zu Tausenden am Strand.
Namenlos und unerkannt.
Kein Amt und keine Schreiber.
Tsunami hat sie gleichgenannt:
Tote.
Väter, Mütter, Kinder.
Arme, Reiche, Gute, Sünder.
Tote.

Von einer Welle zuschanden geritten.
Gerissen von Dächern, von Bäumen,
von Händen. Entglitten den Träumen.
Aufgetürmte Leichen inmitten
der Trümmer.

Die Toten.

Nichts schlimmer als dieser Gestank,
die Fliegen, die Maden. Der Dreck.
Global nur ein winziger Schreck
für vier Wochen. Vorbei.

Ein Star der Szene wird magenkrank.
Da sind die Toten schon einerlei.

Die Toten.



14. Oktober 2015



Abseits der Gepflogenheit.
Im Grunde eine Replik.
Titel: Re: Tsunami
Beitrag von: Erich Kykal am Oktober 14, 2015, 11:39:52
Hi, Cypi!

Eine ungewöhnliche Form für dich, aber superb gewählt: Die "Wellen" des Geschriebenen respondieren optisch die Schübe des Tsunamis, wie er aufs Land brandete!

Wunderbare Lyrik ohne resolute innere Struktur, ganz dem inneren Rhythmus, der Sprachmelodie folgend, aber hier genau richtig, atmet der Text doch so die Unwägbarkeit der Natur perfekt nach, vermittelt die Angst vor der vielleicht nächsten Woge.

Sehr gelungen auch die herrlichen Binnenreime ("zuschanden geritten/inmitten - entglitten", oder "Trümmer - schlimmer")!

Ausgesprochen gern gelesen! :)

LG, eKy

PS: Ein sehr empfehlenswerter Film dazu: "The Impossible" - der Film erzählt die wahre und nur leicht dramatisierte Geschichte einer Familie, die das Unglück er- und durchlebte. Absolut sehenswert - kein üblicher Katastrophenreißer, sondern zutiefst menschlich und berührend!
Titel: Re: Tsunami
Beitrag von: cyparis am Oktober 14, 2015, 12:36:16
Lieber Erich,

mein Gedicht war eine impulsive Raktion auf ein unsäglich banales Gedicht.
Ich schicke Dir den Link per PN.

Über den von Dir empfohlenen Film informiere ich mich gleich!


Danke für Deinen (mir sehr wertvollen!) Kommentar


und liebe Grüße
von
Cyparis
Titel: Re: Tsunami
Beitrag von: gummibaum am Oktober 14, 2015, 19:31:50
Liebe Cyparis,

ich bin, mehr noch als bei "Nymphe" bei diesem Gedicht von deiner neuen Art zu schreiben, überrascht, ja, beeindruckt. Wie Erich schon ausgeführt hat, läuft der Text über Stationen, die sich wie Wellen folgen und er kann so verzweiflungschaffende Bilder heranzoomen. Doch, in Tagesschau-Manier, werden sie unvermittelt unter der hochgepuschten Bagatellnachricht vom Magenleiden eines Stars begraben. Nachrichten gewöhnen uns durch ständigen Wechsel der Themen die Abhängigkeit von immer neuen Reizen und Sensationen an, ebnen jeden Maßstab ein und Verdrängen das Reflektieren aus den Köpfen, das Trauern und Verarbeiten aus den Herzen.

Glückwunsch zu dem Gedicht
LG gummibaum

 
Titel: Re: Tsunami
Beitrag von: Curd Belesos am Oktober 14, 2015, 23:46:59
Glückwunsch zu dem Gedicht

dem schließe ich mich gerne und von Herzen an.

Sehr gut beschrieben.

Einen lieben Nachtgruß von Curd
Titel: Re: Tsunami
Beitrag von: Aspasia am Oktober 22, 2015, 22:19:58
oder: Die Amplitude




Von einer Welle zuschanden geritten.
Gerissen von Dächern, von Bäumen,
von Händen. Entglitten den Träumen.
Aufgetürmte Leichen inmitten
der Trümmer.




Diese mittlere Strophe ist stark. Sie schildert den Augenblick des Überlebens oder des Sterbens. Die Strophen davor und danach können natürlich nicht ebenso stark sein, denn dort herrscht Stillstand, Tod und Gestank. Ein Bild der Gescheiterten.