die Lyrik-Wiese
Blumenwiesen => Wo Enzian und Freiheit ist => Thema gestartet von: Erich Kykal am Mai 29, 2016, 10:34:01
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So schön und selten wie ein Reh im Hage,
das lauschend harrt in zierlich wacher Pose,
eröffnet sich dem Raume jene Rose,
die ihn betritt wie eine stumme Frage,
ob sie schon würdig sei und Frau der Lage.
Die Miene ernst, die Haare licht und lose,
erobert sie, was hier in Rock wie Hose
versammelt ist an diesem Feiertage.
Sie trägt nicht leicht an all den tiefen Blicken,
die ihr die Jungen wie die Alten schicken,
jedoch sie schreitet lächelnd durch die Reihen,
als wäre sie die Königin der Stunde,
gesalbt mit Schönheit, um der ganzen Runde
erst wahren Sinn und Größe zu verleihen.
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Klasse, Erich! Die Frau und ihrer Verhaltensfacetten sind so klar vors Auge gerückt, also wäre man mit im Saal. Kein schlechtes Debut und ein tolles Sonett gibt sie ab!
Chapeau!
LG g
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Hi Gum!
Ich hatte mit diesem Sonett keine gesellschaftspolitische Aussage oder Psychoanalyse im Hinterkopf - ich wollte nur einen (zumindest für die Protagonistin) magischen Moment schildern, einen Augenblick festhalten, ähnlich wie Rilke in seinem Frauengedichten wie "Ein Frauenschicksal", "Die Erblindende", "Spanische Tänzerin", "Dame auf einem Balkon", "Damen-Bildnis aus den Achtziger-Jahren" oder "Dame vor dem Spiegel".
LG, eKy
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das ist eine wunderbare Szenerie mit Tiefgang, Erich. Die Überschrift ist wichtig, wie so oft bei guten Gedichten. Sie ist Bestandteil des Gedichtes und genau gewählt.
Es geht hier um eine Debütantin. Eine, die noch voller Idealsimus und völlig unbelastet von Reaktionen und Konsequenzen ihre Kunst, ihr Musik, ihre Rede vorstellt.
Sie steht am Anfang und kann voller naiver Unschuld in diese Szenerie gehen. Haifischbecken fällt mir da ein. Haifischbecken von übersättigten Zuschauern, der Welt eben, in die sie sich wirft.
Im Laufe dieser Karriere wird sie sich verändern, ihre debütantische Unschuld wird verschwinden und mit ihr ein Zauber, der nicht mehr zurück zu holen ist. So, wie wir uns alle verändert haben im Laufe unseres Lebens.
Auch wenn du diese Aussage des Werkes nicht bewusst hineingelegt hast, so ist sie doch da. Der Schluss wertet doch:
"gesalbt mit Schönheit, um der ganzen Runde
erst wahren Sinn und Größe zu verleihen."
Siehst mich begeistert.
LG von Agneta
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Hi Agneta!
Vielen Dank für dein Lob! :)
"Debütantinnen" nennt man - zumindest bei uns - Mädchen der "besseren Kreise", die auf ihren ersten offiziellen Ball gehen, sozusagen in der Gesellschaft eingeführt werden, darin debütieren. Auf dem Wiener Opernball zB tanzen sie jedes Jahr:
https://de.wikipedia.org/wiki/Deb%C3%BCtantin
Mit solch einem Bild vor Augen schrieb ich dies.
LG, eKy
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hier benutzt man es auch als "Anfängerin", in dem französischen Sinne, also ohne Ball ;D.
LG von Agnegta
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Hi Agneta!
Diese Bedeutung ist auch hier geläufig, aber in Österreich ist dies die nachgestellte Bedeutung: Hört man das Wort, denkt man hierzulande zuallererst an die tanzenden Mädels in Weiß vom Opernball und erst in zweiter Linie an Anfängerinnen in irgendwas. Hat was mit Tradition und kultureller Prägung zu tun ... ::) ;D
LG, eKy
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Lieber Erich,
ich habe auch den Wiener Opernball vor Augen.
Ich frage m ich, wieso dort wirklich nur unwahrscheinlich schöne Debütantinnen ihren großen Auftritt haben.
Was ist mit den unschönen, ungestalten "höherenTöchtern"?
Aber zugegeben:
Der Anblick ist wirklich bezaubernd!
Lieben Gruß und Dank für das schöne Sonett!
Cypi
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Hi, Cypi!
Die nicht so schönen höheren Töchter machen nicht mit - so einfach ist das. ;D
Wer sich selbst mit einem halben Kilo Spachtelmasse nicht auf "schön" schminken lässt, dem wird - so die Person nicht verschämt genug ist, selbst zu verzichten - nahe gelegt, sich eher privaten Vergnügungen hinzugeben ... ;D ::) >:D
Ich denke mir, da wird irgendwie selektiert - oder man achtet darauf, die nicht ganz so feschen Tänzerinnen ganz nach hinten zu stellen und möglichst nicht zu filmen.
Vielen Dank für deine Gedanken! :)
LG, eKy
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Hi, Cypi!
Die nicht so schönen höheren Töchter machen nicht mit - so einfach ist das. ;D
Wer sich selbst mit einem halben Kilo Spachtelmasse nicht auf "schön" schminken lässt, dem wird - so die Person nicht verschämt genug ist, selbst zu verzichten - nahe gelegt, sich eher privaten Vergnügungen hinzugeben ... ;D ::) >:D
Hallo Erich,
beginnt nicht hier schon der Rassismus?
Ein sehr schönes Werk. Das würde jeder Debütantin beim Wiener Opernball gefallen.
( Ich liebe hässliche Menschen die nicht mit ihrer Schönheit geizen)
LG. Copper
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Lieber Copper und Erich -
es ist mir nicht entgangen, daß auch die Herren Begleiter der Debütantinnen von ausgesuchter Eleganz sind.
Mir ist nichr ein einziger dicker Adonis vor die Augen gekommen.
Auch da wird selektiert, ich bin dessen sicher.
Aber wenn für die sündhaft teuren Eintrittspreise selektierrt wird, damit ein Augenschmaus daraus wird -
i c h kann das nachvollziehen.
Auch ich habe einst einen häßlichen Mann aus der Ferne geliebt und bewundert -
er blieb mir unerreichbar.
Lieben Gruß
von
Cyparis
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Hi Copper, Cypi!
Rassistisch nicht, aber selektiv, denn hier muss repräsentiert werden: Österreich und die bessere Gesellschaft. Wenn du Ladenbesitzer bist, legst du ja auch nicht die krummsten Spargel und knatschigsten Äpfel in die Auslage ... ;) ::)
LG, eKy
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;D
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Mir ging es hier nicht um österreichische Bälle, sondern um den Geistes- und Seelenzustand beschriebener Debütantin: Scheu, aber doch entschlossen, schüchtern, aber doch stolz - die perfekte Ausgewogenheit aus scheinbaren Gegensätzen in Mienenspiel und Körpersprache, um interessant und begehrenswert zu sein. Wenige beherrschen dieses Spiel in jungen Jahren wirklich.
LG, eKy