die Lyrik-Wiese
Blumenwiesen => Verbrannte Erde => Thema gestartet von: gummibaum am November 21, 2018, 14:46:56
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Der Roggen zeigte in den Ähren
auch schwarze Körner dieses Jahr.
Die Herkunft ließ sich nicht erklären.
Er ging zur Mühle, wie er war.
Wer von dem Brot aß, sah Chimären.
Im Wahnsinn sträubte sich sein Haar.
Die Haut durchzog ein Kribbeln, Gären.
Es schwärmten Spinnen offenbar.
Im Körper bebten alle Sphären,
als kochte ihn ein Feuer gar.
Die Opfer brachten unter Zähren
bizarre Narrentänze dar.
Dann ging durch Hand und Fuß ein Schwären.
Verstümmelte, der Glieder bar,
erhängte man. - Verhexte nähren,
so hieß es, teuflische Gefahr…
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Lieber gummibaum,
ein erklärendes Gedicht über etwas, das es in unserer zivilisierten Welt nicht mehr gibt. Die erste Nachkriegsgeneration wusste noch davon und hat die schwarzen Körner gemieden. Aber so wie der Strom aus der Steckdose kommt, kommt das Brot aus dem Backautomaten der Supermärkte.
Dein Gedankengang und die Umsetzung gefallen mir.
Kalt ist es im Norden, daher einen heißen Grog und heißen Gruß.....von Curd :)
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Danke, lieber Curd. Hier ist es auch kalt geworden, und gestern fiel schon etwas Schnee. Da musste ich mich am "Antoniusfeuer" wärmen.
LG gummibaum
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hä ??? ???
du hast doch nicht etwa das von dem mit Mutterkornalkaloiden experimentierenden Chemiker Albert Hofmann entdeckte LSD zur Erwärmung herangezogen O0.
Grinsenden Gruß
Curd
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Aber ja, Curd, meine psychedelischen Glücksmomente brauche ich einfach.
LG gummibaum
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16 Zeilen mit nur zwei Reimendungen! Du scheust wahrlich die technische Schwierigkeit nicht, lieber gummibaum!
Und dabei ist Dir ein äußerst natürlicher, lebendiger Sprachfluss und ein stringenter und fesselnder Erzählbogen gelungen - meisterliche Verskunst! :)
Mir persönlich würde ja die Schreibweise Chimäre besser gefallen, welche die Wortherkunft aus dem griechischen besser abbildet und mit dem "Chi" (X) eine (so allerdings im griech. Original noch nicht angelegte) Referenz an den Aspekt der "Kreuzung" (im genetischen Sinn) anklingen lässt... aber diese meine ganz subjektive Vorliebe ist leider nicht Dudenkonform, also... was will man machen... O0
Sehr sehr gern gelesen! :)
S.
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Lieber Sufnus,
danke für dein freundliches Lob. Ich freue mich und klaue den Schimären das S.
LG gummibaum
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Hi Gum!
Irgendwo in einem Bild von Breughel ist so ein Mutterkornopfer zu sehen, wie ich mich erinnere. Nicht dass die heutige Menschheit weniger abergläubisch wäre - Geister und Dämonen wurden durch Ufos, Energielinien und Esoterik ersetzt, ansonsten hat sich kaum was geändert. Gut, dass man heutzutage für Verhaltensauffälligkeiten oder wegen Erkrankungen nicht mehr verbrannt oder gesteinigt wird - zumindest bei uns nicht ... ::) >:(
LG, eKy
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ist es eine Legende oder ist es wahr? Wüprde mich interessieren, was das dann ist, das schwarze Korn...
Die Weisheit der Alten hat doch was für sich...
LG von Agneta
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Ja, lieber Erich,
bei Breughel gibt es etwas dazu, auch bei Matthias Grünewald (Isenheimer Altar).
Es ist ein giftiger Pilz, liebe Agneta. Wirksoffe sind u.a. Ergotamin (Verengung der Blutgefäße, die Zellen sterben an Sauerstoffmangel) und LSD. Zu Hexenprozessen:
https://www.youtube.com/watch?v=3fkA2SxcxO8
Euch ein schönes Wochenende
LG gummibaum
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Faszinierend, dass gum offenbar gerade einen neuen (blut)roten Faden für Gedichte-Themen aus dem medizinhistorischen Kabinett menschlicher Schrecken für sich entdeckt hat! :)
Ich schaue weiteren Gedichts- und Geschichts-Expeditionen von Dir, lieber gum, höchst gespannt und erfreut entgegen! :D
Noch ein paar Anmerkung zu den Wirkungen der Mutterkornvergiftung und dem Thema Hexenverfolgung:
Obwohl durch die Inhaltsstoffe des Pilzes Muskelverkrampfungen und Halluzinationen ausgelöst werden können, was für unaufgeklärte Menschen durchaus den Eindruck des Besessenseins von teuflischen Mächten erwecken mochte, so dürften doch Vergiftungen eher selten der Anlass für Hexenprozesse gewesen sein.
Die Vergiftungen begannen in größerem Umfang mit dem großflächigeren Anbau von Roggen in weniger begünstigten Ackerflächen am Ende der Völkerwanderungszeit (erste eindeutige Berichte datieren auf das 9. Jahrhundert) und erreichten ihren Höhepunkt wohl schon im späten Hochmittelalter (13.-14. Jh.) - also deutlich vor dem Beginn der Hexenverfolgungen, jene waren nämlich vor allem ein Phänomen der frühen Neuzeit (16.-17. Jh.) und gerade nicht des angeblich so finsteren Mittelalters.
Das "Antoniusfeuer" (die Vergiftung mit Mutterkornpilzen durch befallenen Roggen) war dabei im Mittelalter Teil des "Geschäftsmodells" von Mönchsorden, die Betroffenen die Möglichkeit boten, als eine Art Hilfsmönch in den Orden (insbesondere der Antoniter) einzutreten (und dabei alle persönliche Habe dem Orden zu überschreiben!), wofür sie im Gegenzug deutlich bessere Überlebens-Chancen hatten, da in begüterten Klöstern reinlichere und hochwertigere Speisen (und damit auch weniger mit Mutterkornpilzen verunreinigtes Mehl) zur Verfügung standen. Aufgrund dieser cleveren Geschäftsidee der Mönchsorden ist im Mittelalter eine Marginalisierung von Opfern einer Mutterkornvergiftung in der Regel unterblieben.
Der ganz genaue Mechanismus der Mutterkornvergiftung war zwar bis ins 19. Jh. hinein noch nicht wirklich bekannt - die Erkenntnis, dass die dunklen "Körner" in den Roggenähren aber eigentlich nicht ins Mehl gehören, begann sich jedoch bereits im Mittelalter durchzusetzen und schon im 16. Jh. gibt es erste Quellen, die einen Bezug des Mutterkornpilzes zu den Vergiftungssymptomen herstellen. Es gab sogar schon Heilkundige, die bewusst, die Mutterkorn-befallenen Ähren sammelten, um aus dem zermahlenen Pilz Mittelchen gegen nachgeburtliche Blutungen zu gewinnen, ein Vorgehen, das aufgrund der gefäßverengenden Wirkung der Pilzinhaltsstoffe durchaus Sinn ergibt.
Neben der zeitlichen Diskrepanz zwischen der "Blüte" der Mutterkornvergiftungen und dem Auftreten der Hexenprozesse ist auch zu berücksichtigen, dass Vergiftungen in der Regel ganze Familien oder sogar ganze Dorfgemeinschaften betrafen, da ja eine gemeinschaftliche Nutzung der Mühlen und des Mehls erfolgte. Demgegenüber wurden bei Hexenprozessen in der Regel einzelne Individuen "herausgepickt", die aufgrund ihres Lebensstils nicht ins allgemeine "Schema" passten. Ein gewisses epidemisches Um-sich-greifen von Hexenprozessen in einer Region kam dann im Anschluss dadurch zustande, dass die Betroffenen unter der Folter weitere "mitverschworene Hexen" denunzierten, in der Hoffnung dadurch die Qual der Folter abzukürzen.
Übrigens wurden die klassischen Hexenprozesse der frühen Neuzeit nicht von kirchlichen Gerichten ("Inquisition") geführt, sondern von weltlichen. Die Kirche war mehrheitlich zwar durchaus von der Existenz von Hexen überzeugt, aber trotzdem größtenteils gegen die Hexenprozesse eingestellt, weil sie diese als Eingriff in ihre Autorität ansah. Gelang es einem Beschuldigten daher, anstelle eines weltlichen Richters einem Inquisitor vorgeführt zu werden, stiegen in der Regel die Überlebenschancen des Angeklagten: Die Kirche war nicht daran interessiert, Ihre Anhängerschaft durch willkürliche Todesurteile zu dezimieren, so dass ein Schuldeingeständnis und "tätige Reue" meist zum Freispruch auf Bewährung führten. In Regionen, in denen die Inquisition mächtig war (Spanien, Kirchenstaat) fanden deshalb nur sehr wenige Hexenprozesse mit größtenteils "glimpflicherem" Ausgang statt.
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Lieber Sufnus,
danke für deine Informationen. Ich habe sie mit großem Interesse gelesen. Das Gedicht stützt sich auf die Fälle in Salem, die man nicht verallgemeinern kann.
Liebe Grüße und alles Gute
gummibaum