die Lyrik-Wiese
Blumenwiesen => Wo Enzian und Freiheit ist => Thema gestartet von: Erich Kykal am November 02, 2019, 08:38:12
-
Es macht ein Wort die Runde
und liegt in aller Munde,
dass man sich wieder mag!
Die Welt ist voller Wölfe,
und es ist kurz vor Zwölfe
vor ihrem neuen Tag!
Man darf jetzt wieder hassen,
ob Einzelne, ob Massen,
skandiert sich wieder heiß!
Und alle Lämmer schweigen
vor diesem neuen Reigen
aus all dem alten Scheiß!
Allwo die Wölfe heulen,
dort schwingen sie die Keulen
und wollen wieder schlachten!
Und dürfen wieder eilig,
als wären Kriege heilig,
die ganze Welt umnachten!
-
Hi eKy!
Hier ist ein - ganz aktuell gebliebenes - Werk von Dir aus dem letzten Jahr offenbar glatt unterm Radar durchgeflogen. Also schnell die Tarnkappe abgestreift und das überaus gekonnt verfertigte Vers-Objekt an den Lyriktower zur weiteren Bestimmung von Standort und Flugroute weiter gemeldet. :)
Es sind quasi drei Sonett-Terzett-Doubletten ohne die zugehörigen Quartette, die hier einen wortgewaltigen Reigen aufführen - anders gesagt: drei Strophen in Schweifreimen.
Korinthenmäßig habe ich mich nur an den Wölfen in S3 etwas gestört. Wölfe und Schafe sind in S1 und S2 ja schon abgehandelt worden; in S3 entsteht jetzt durch die Hinzunahme des Keuleschwingens eine etwas schiefe gemischte Metapher. Ein Wolf, der eine Keule schwingt, ist irgendwie für mich zu viel des Guten (oder Schlechten) und irgendwie eher etwas Cartoon-haft als gruselig. Daher hätte ich die Wölfe in S3 lieber gegen irgendwas (bzw. -wen) ausgetauscht, der "üblicherweiserer" zur Keule greift, ein Hater, ein Nazi, ein Wilder usw....
Und was soll man nun sonst zum Inhalt sagen? Die Zeilen passen eigentlich ganz gut zu gums aktuellem Gedicht über das Menschliche im Tier (oder vice versa)... man könnte ganz trübsinnig werden... wo bleibt das Positive, Herr Kästner?
Trotzdem: Sehr "gern" gelesen! :)
S.
... achso: Und der Titel ist natürlich äußerst hervorhebenswert! Die Kunstvollendung der Bach'schen Ästhetik (Das Wohltemperierte Klavier) wird hier mit hirnloser Hate Speech verschränkt... böse und gut gegeben!
-
Hi Suf!
Wo der Mensch dem Menschen Wolf ist ... - das Bild beschreibt nicht die natürlichen Wölfe (die jederzeit meinen Respekt genießen), sondern die verhetzten Menschenwölfe, die Lämmer reißen, weil sie Freude an Macht, Schmerz und Tod haben, oder weil sie meinen, die Schafe hätten nichts anderes verdient. Und die schwingen durchaus gern Keulen, respektive Baseballschläger ...
Der Titel ist ein Zitat von Bernd Höcke, der in einer Rede (oder einem Interview?), welche der Anlass für dieses Gedicht war, schwadronierte, man müsse endlich auch mit "wohltemperierter Grausamkeit" gegen volksfremde Elemente (er meint Flüchtlinge und Asylanten) vorgehen, um sie außer Landes zu schaffen, sonst werde man sie nie los.
Seinen kalten Wolfsaugen dabei ist der obige Text geschuldet ...
Vielen Dank dafür, dass du diese Mumie Gassi geführt hast, und deine wertigen Gedanken dazu! :)
LG, eKy
-
Grade eben hatte ich ein Wolfgedicht geschrieben. Ja, das alte Werk von Erich passt. Und ich füge mal ironisch , da ich heute so toll reimen kann, dazu: ... und das vor Weihnachten.".
Die Welt war und ist grausam. Ein kleiner Laden hier, Zigarren , Lotto und Kram mit einem Besitzer, der sonst nichts hat als den Laden, behindert ist und von dem sozialen Kontakt lebt, dem ist der Laden nun in dieser Woche zum 2, mal aufgebrochen worden. Der Mann hat, wie er mir erzählte, kein Geld, um neue Ware zu kaufen. Das tut mir so leid. Er verdient nicht viel und hat deshalb auch nie in eine Alarmanlage investieren können. Die Versicherung aber zahlt nun nur die Hälfte des Schadens. Für den Mann aber ist der Laden alles. Sein Lebensmittelpunkt. Sonst wird der Mann vergessen. So denke ich Morgens, wenn ich mit dem Hund gehe, winkt er jedem jovial. Ja, die Welt ist grausam... LG von Agneta
-
Hi Agneta!
Grausam, ja, aber man kann es auch als evolutionäre Herausforderung betrachten. Nicht dass Evolution weniger grausam wäre dem einzelnen Individuum gegenüber - wer sich nicht anpassen oder rechtzeitig funktionierende Lösungen finden kann, stirbt aus. Punkt.
Dagegen steht die Empathie des Menschen als soziales Wesen, der Mitleid empfindet. Das Problem ist, dass dieses Mitleid nur jenen zuteil wird, die eine gewisse Nähe zum jeweils Empfindenden aufweisen und deren Geschichte einen gewissen Bekanntheitsgrad genießt. Ich würde sagen, die "Geschichte" ist sogar das Wesentliche, um Identifikation und damit Mitgefühl zu generieren.
Das "anonyme Opfer" bleibt unbeweint. - Oder es wird umso leichter zum "verdienten" Opfer für jene, die unbedingt den äußeren Feind oder den verachteten Minderwertigen brauchen, um sich zu definieren.
LG, eKy