die Lyrik-Wiese

Blumenwiesen => Drum Ehrlichkeit und Edelweiß => Thema gestartet von: Sufnus am Januar 19, 2020, 19:21:49

Titel: Der Preis fürs Glück
Beitrag von: Sufnus am Januar 19, 2020, 19:21:49
Habe folgende Zeilen aus dem Lebewohlthread für Annelies herausgelöst... in den letzten Tagen denke ich viel an meine Ankunft hier im Forum und Cyparis' warmes Willkomm...
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Der Preis fürs Glück

Das schönste Jahr, der schönste Tag, sind wie
in Geiselhaft in unserm Kopf gehalten,
im langen Nimmerloslassschmerz, im nie
mehr heil wie früher Sein, und wir verwalten
ein Wehtun, das in Gestrigkeiten ruht.

Erinnern heißt, man trägt sich langsam matt
an Überlebensschuld, am Weitergehen,
man rollt sein Selbst bergan, bergab und hat
sich längst am Weltgeplänkel sattgesehen.
Wie geht in eins: Verlust und Lebensmut?

Doch wer hier an sich hält und überleitet
die alte Wehnis in ein neues Jetzt,
wird zwar nicht frei vom Schmerz, jedoch begleitet
vom Miteinandersein. Wir sind verletzt,
doch stehn im Tag, bis uns die Zeit vertut.

Was schön ist, trägt das Sterbemal als Wunde
vom ungefragt Geborensein davon,
die Irdischkeit, die rasche Jagd, das schon
nicht mehr ganz Hiersein sind im Grunde
der Preis fürs Glück, das große Einmalgut.
Titel: Re: Der Preis fürs Glück
Beitrag von: Erich Kykal am Januar 20, 2020, 21:31:40
Hi Suf!

Ein sprachlich sehr forderndes, aber auch sehr belohnendes Werk, wenn man sich die Zeit nimmt, es zu verinnerlichen!

Auch ich denke immer wieder mal an die gute Anne. Sie war nicht für alle zugänglich, führte sogar manche Fehde im Netz und legte sich mit jedem an, der ihren Vorstellungen von Integrität und Aufrechtsein nicht entsprach. Niemand würde behaupten, das sie einfach gewesen wäre - aber wer ihre Sympatie (oder gar hohe Wertschätzung) erringen konnte, dem war sie ein treuer und stets aufrechter Freund und verlässlicher Gefährte! Ich vermisse sie.

Dein Gedicht wird ihrem geraden Wesen gerecht.

Einzig dies würde ich vorschlagen: Statt das seltsam wirkende die Irdischkeit" würde ich "das Irdischsein" verwenden.

Das letzte Wort "Einmalgut" - ich habe mich bei der ersten Lektüre gefragt, ob das "-gut" darin adjektivisch oder substantivisch gedacht ist, also ob es sich um etwas handelt, das "nur einmal gut ist", oder ein "einmal nur gewährtes Gut". Durchaus unterschiedliche Bedeutung hier! Ich tendiere zu letzterer Deutung.
Der von dir gewählte Ausdruck legt die Bedeutung leider nicht eindeutig fest, was ihn etwas schwammig wirken lässt.

Ich hätte die Zeile so geschrieben: "der Preis fürs Glück, das einmal nur gewährte Gut."

Ein Heber zuviel, ich weiß, aber das würde nur ausgleichen, dass deine vorletzte Zeile einen Heber zu wenig hat.  ;)


Sehr gern gelesen!  :)

LG, eKy
Titel: Re: Der Preis fürs Glück
Beitrag von: wolfmozart am Februar 01, 2020, 11:59:59
Deinem Gedicht ist michts hinzuzufügen Sufnus.

Ohne Makel, sprachlich als auch inhaltlich perfekt.

Z.B. grenzgenial ist: Was schön ist, trägt das Sterbemal als Wunde

Kommt zu meinen imaginären Favoriten

LG wolfmozart
Titel: Re: Der Preis fürs Glück
Beitrag von: Sufnus am Februar 01, 2020, 18:27:32
Vielen lieben Dank für Euer hohes Lob, wolf & eKy!!!
Ich freue mich sehr, eKy, wenn Du meinst, dass das Gedicht Anne gerecht wird.
Die Mehrdeutigkeit von Einmalgut war durchaus beabsichtigt... auch noch mit der dritten Bedeutung, neben den beiden von Dir benannten, "es war einmal (= vor Zeiten) gut gewesen... "
LG!
S.
Titel: Re: Der Preis fürs Glück
Beitrag von: wolfmozart am Februar 03, 2020, 21:18:53
Anne war mein bester Freund im Netz, wir waren zusammengeschworen, haben uns auch gegenseitig verteidigt wenns mal heiß her ging.Hier oder auf poetry.
Sie fehlt mir sehr!
Ich wünsch mir sehr dass ich einmal dort sein kann wo sie ist.

Das genialste Gedicht das ich je lesen durfte ist ihr "Ich will"

wolfmozart
Titel: Re: Der Preis fürs Glück
Beitrag von: Agneta am Februar 09, 2020, 12:27:36
ein wundervolles, formschönes und wortstarkes Gedicht, lieber Sufnus. "in Gestrigkeiten ruht, bis uns die Zeit vertut...klasse formuliert!
Der Abschied von Liebgewordenem, und nur das Liebgewordenen ist wahres Glück, der Verlust dessen ist tatsächlich etwas, was nie vergeht. Er bleibt in uns, verliert mit der Zeit seinen Schrecken. Man lernt damit zu leben.
Dieses Gedicht sagt vieles, was klug ist. Da ist dir ein wirklich gutes Gedicht gelungen.
LG von Agneta
Titel: Re: Der Preis fürs Glück
Beitrag von: Eisenvorhang am Februar 11, 2020, 20:32:19
Hallo Sufnus,

Lyrik mit einem eigenen Willen und Originalität, die nicht originell sein will, es aber ist.
Auch ich erinnere mich gern an sie zurück.

Großes Kompliment für dieses Werk von mir.

vlg

EV
Titel: Re: Der Preis fürs Glück
Beitrag von: Sufnus am Februar 12, 2020, 12:18:41
Liebe Agneta, lieber EV!
Über Eure tollen Anmerkungen freue ich mich sehr! Ich nehme sie als Ansporn auf, besser (und mehr ;) ) zu schreiben! :)
Und kannst Du, lieber Wolf, das Gedicht "Ich will" von Anne nicht verlinken? Oder ist das nicht hier auf der Wiese zu finden?
Liebe Grüße!
S.
Titel: Re: Der Preis fürs Glück
Beitrag von: wolfmozart am Februar 25, 2020, 20:25:22
Das Gedicht "Ich will" von Anne heißt hier auf der Wiese "Maß für Maß" und ist unter ihrem Nickname cyparis veröffentlicht.
Unter der Kategorie "Zwischen Rosen und Romantik"
Unbedingt lesen, ein lyrisches Erdbeben!

LG wolfmozart