die Lyrik-Wiese
Blumenwiesen => Zwischen Rosen und Romantik => Thema gestartet von: gummibaum am September 05, 2020, 01:02:58
-
Wie wunderschön war dein Gesicht.
Ich sah auf meine Hände
und rings um mich, wie ein Gericht,
beäugten mich die Wände.
Du sprachst und lachtest federleicht.
Ich wusste nichts zu sagen
und fühlte mich nur aufgeweicht
von unterdrückten Fragen.
Dann plötzlich sprachst auch du nicht mehr
und schlugst die Augen nieder.
Wir tranken stumm die Flasche leer
und sahen uns nie wieder…
-
Hi Gum!
Ja, solche Szenen kenne ich. Man sieht jemanden "aus einem früheren Leben" wieder, man beschließt in der ersten Begeisterung, einen auf die alten Zeiten trinken zu gehen - und stellt dann leider im Verlauf des Beisammenseins mehr und mehr fest, dass man sich nichts mehr zu sagen hat, dass man sich so auseinander und so verschiedene Leben gelebt hat, dass es keine tragende Schnittmenge mehr gibt. Wenn alle "Weißt du noch?"s abgehakt sind, bleibt nichts mehr als peinliche Pause und oberflächlicher Smalltalk - vorgetäuschtes höfliches Interesse am weiteren Verlauf der jeweiligen Existenzen vielleicht, aber dann ...
Man will es vielleicht eine Weile nicht wahrhaben, versucht an der einst empfundenen Leichtigkeit im Umgang miteinander festzuhalten, so wie die Partnerin des LyrIch (bei "wunderschönem Gesicht" geh ich mal davon aus ...) mit ihrem "federleichten Lachen". Aber es ist nur Selbstbetrug und verkrampfte Maskerade. Das LyrIch hat den Punkt, wo fröhliche Erinnerung der Beklemmung weicht, offenkundig bereits überschritten und fühlt sich schon eingeengt und unwohl (tolles Bild: die "beäugenden Wände", oder: aufgeweicht von unterdrückten Fragen). Im Verauf der Verse kommt auch die (ehemalige?) Partnerin an diesen Punkt. Die Konsequenz bleibt unausweichlich.
Sehr gern gelesen - sehr intensiv höchstverdichtete Menschenschau auf gediegenstem lyrischen Niveau! :)
LG, eKy
-
Danke, lieber Erich, für die gute Interpretation.
Allerdings meinte ich, dass die beiden (erst er, dann sie) sich ineinander verlieben, und das nicht sein darf.
Liebe Grüße von gummibaum
-
Hi Gum!
Jetzt wo du es sagst ... der Einstieg mit dem "Gesicht so wunderschön" hätte mir auffallen müssen!
Danke für die Aufklärung. :)
LG, eKy
-
Hey gum,
sehr schön! Ich kann diese Situation blind nachvollziehen. Ich reagiere oft genauso.
Für mich kommt der Inhalt gut rüber.
vlg
EV
-
Danke, lieber Eisenvorhang.
Bestimmte Charaktereigenschaften und Erlebnisse sind besonders bei wenig deutlichen Texten hilfreiche Schlüssel zum Verständnis.
Liebe von gummibaum
-
hallo gummibaum,
ich lese da ein etwas schüchternes, befangenes Lyrich heraus, das seine unsicherheit nach außen projiziert (wände, die beäugen - wie unheimlich)
was man möchte, aber nicht wagt - das kann einem lange nachhängen (was man gewagt hat und nix geworden ist aber auch 😉)
tja, wenn die liebe so einfach wäre.....
gerne gelesen ,
larin
-
Lieber gummibaum,
das LyrI scheint sehr begrenzt zu sein in seinen Reaktionsmöglichkeiten. Es nimmt die Schönheit und Leichtigkeit des Gegenüber wahr, aber es kommt nicht zu der Verzauberung, die alle Tabus außer Kraft setzen könnte. Schon die Wände sind Richter, und zu viele Fragen behindern den Prozess des sich Verliebens. Wir erfahren nicht, warum das so ist. Aber wer so blockiert ist, hat Schweres erlebt, jedoch nicht be/verarbeitet. Ich werde richtig traurig, wenn ich an LyrI denke.
Herzliche Grüße, AlteLyrikerin.
-
Danke, liebe AlteLyrikerin,
für deine schöne Interpretation. Da Gegenüber (und/oder er selbst) könnte(n) auch schon in festen Händen sein.
Ich wünsche dir einen schönen Abend.
Gruß gummibaum