die Lyrik-Wiese

Blumenwiesen => Im Gras wispert Hoffnung => Thema gestartet von: gummibaum am Oktober 22, 2020, 17:52:31

Titel: Damals und heute
Beitrag von: gummibaum am Oktober 22, 2020, 17:52:31
Als Kind ergriff mich früh ein Sehnen
nach Fernen, doch mein Leben blieb
beschränkt und jeder Tag ein Dieb
am Wunsch, die Seele weit zu dehnen.

Und kann ich heute leicht verreisen,
so ist die Weite nicht so weit
und nie so überreich die Zeit
wie einst in kindlichem Umkreisen.

Drum sehne ich der frühen Jahre
verwehtes Fernweh mir zurück,
und mit ihm dieses lichte, klare
 
Erleben ganz im Augenblick
und jene Prägbarkeit durch bare
Verwunderung, die Welt im Stück… 


 
Titel: Re: Damals und heute
Beitrag von: hans beislschmidt am Oktober 22, 2020, 18:21:57
Lieber Gummibaum,
die Fernwehkompensation auf der Aida in Gesellschaft der Betuchten und Bejahrten ist nicht dasselbe, wie in jungen Jahren mit Rucksack unterwegs zu sein. Ich erinnere mich noch an jeden Heuschober, in dem wir genächtigt haben. Solche Nullsternehotels vergisst man nie wieder.
Gruß vom Hans 
Titel: Re: Damals und heute
Beitrag von: Erich Kykal am Oktober 22, 2020, 19:58:16
Hi Gum!

Enjambements vom Allerfeinsten!  :) :o Zum Ende hin immer besser - die Terzette sind ein Gedicht von einem Satzkonstrukt! Wortwörtlich!  ;D Dreimal Chapeau!  :)

Ich kenne das beschriebene Gefühl! Niemals wieder sind wir so sehr bei uns selbst wie als Kinder, sind das Staunen und die Freude am Erforschen so unmittelbar und direkt erlebt!

Allergernst gelesen und bewundert!  :)

LG, eKy
Titel: Re: Damals und heute
Beitrag von: gummibaum am Oktober 23, 2020, 00:42:41
Danke, lieber Hans, für deine Geschichte vom Heuschober. So etwas kenne ich auch.

Vielen Dank, lieber Erich.
Dein großes Lob als Experte freut mich sehr.


Liebe Grüße von gummibaum

 

Titel: Re: Damals und heute
Beitrag von: a.c.larin am Oktober 23, 2020, 07:58:44
hallo gummibaum,

deine zeilen erinnern mich an andere zeilen (von rilke):

Manchmal noch verspür ich völlig
jenen Kinderjubel, ihn:
Da ein Laufen von den Hügellehnen
schon wie Neigung schien.....

dieses zurückerinnern an die primärgefühle der kindheit scheint wie die sehnsucht nach dem verlorenen paradies zu sein....

denn das ist kindheit:
die welt erscheint groß, unerreichbar und geheimnisvoll, die zukunft unendlich!
mit zunehmendem alter schrumpfen entfernungen auf wegkilometer , erlebte jahrzehnte auf eine handvoll gemischter erinnerungen, die räume der zukunft  werden immer überschaubarer und manches geheimnis enttarnt sich als böse überraschung!

und doch wärs gut, sich selbst ein stück kindheitszauber zu erhalten.
schon mal aus reinem selbstschutz.

denn, wie heißt das so schön:
der mensch lebt nicht von brot allein....

zum glück gibts ja auch gedichte!
gerne gelesen!
lg, larin
Titel: Re: Damals und heute
Beitrag von: gummibaum am Oktober 23, 2020, 23:16:00
Danke, liebe larin,

für die gute Gegenüberstellung des Erlebens von Kindern und Erwachsenen. Beim Dichten sind wir ja ein bisschen wieder Kind.

Liebe Grüße von gummibaum

 
Titel: Re: Damals und heute
Beitrag von: Sufnus am Oktober 27, 2020, 16:39:03
Dem Lob und der Bewunderung der Vorredner ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Ich pushe also Dein schönes Sonett einfach nur ein bisschen nach oben, weil es jede Beachtung verdient. :)
Und um meinem Habitus als Ausscheider getrockneter Weinbeeren genüge zu tun, nur die kleine Anmerkung, dass in den Zeilen 4-6 für meinen Geschmack vielleicht das Wortfeld "weit" noch etwas zu häufig vorkommt, wobei ich die Wiederholung in Z.6 als Stilmittel sehr schön finde, aber evtl. wäre eine Abrüstung in Z.5 noch etwas abrundend? Vorschläge z. B.: "Und kann ich heute leicht verreisen" oder "Und kann ich heut die Welt umreisen" oder "Jetzt kann ich allzu leicht verreisen / doch ist usw."
Um aber nicht mit solch Petitessen zu schließen, will ich mich finalmente lieber noch voller Begeisterung in eKys La-Ola für die Terzette einreihen *die Arme hochreiß und die Tröte tute* :)
LG!
S.
Titel: Re: Damals und heute
Beitrag von: gummibaum am Oktober 27, 2020, 20:43:57
Danke, lieber Sufnus.

Ich habe die Stelle deinem Vorschlag gemäß geändert.

Grüße von gummibaum