die Lyrik-Wiese
Blumenwiesen => Wo Enzian und Freiheit ist => Thema gestartet von: Sufnus am November 17, 2020, 13:13:02
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Versuch über alles und nichts
Des Daseins konzentrische Wellen:
Das Auge vom Ego verstellt,
wir spiegeln uns Niemandsgesellen,
und nur, wo sie fehlen, ist Welt.
Und wo sie uns nahgehn, ist Hoffen,
die Niete im Endspiel um nichts.
Ein weißes Papier. Alles offen.
Das Thema des Lebensberichts.
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Hi Suf!
Folgende Tipps:
Des Daseins konzentrische Wellen: (Hier erscheint mir ein Doppelpunkt weniger disruptiv)
Das Auge vom Ego verstellt. (Hier erscheint mir ein Punkt klarer)
Wir spiegeln uns Niemandsgesellen, (Bitte hier Komma ans Zeilenende)
und nur, wo sie fehlen, ist Welt.
Nur wo wir uns nahgehn, ist Hoffen, (Dein "sie" hier hat keinen klaren Bezug: Wellen? Gesellen? Und die Wiederholung des "nur" erscheint mir weniger störend als die des "und")
die Niete im Endspiel um nichts.
Ein weißes Papier. Alles offen.
Das Thema des Lebensberichts.
Sehr gut! Ein lapidarer Zustandsbericht menschlichen Versagens per Egomanie, Gewinnsucht, Gier und Kurzsichtgikeit in einem kleinen Spiel, das wir spielen, um die eigene Wichtigkeit zu zelebrieren - allerdings innerhalb eines viel größeren Spiels, dem wir ursächlich völlig egal sind. Das Universum dreht sich nicht um uns - die größtmögliche Beleidigung für unsere Egos! Unser antropozentrisches Weltbild verlangt kleine Gedanken, und innerhalb dieser veragen wir aneinander, blenden uns mit Oberflächlichkeit ...
Wunderbar: "Hoffen - die Niete im Endspiel um nichts!" - das subsummiert treffend die Aussage des gesamten Gedankens.
Sehr gern gelesen! :)
LG, eKy
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Hi eKy!
Allerliebsten Dank für Lob und Korrekturideen!
Hab schon mal ein paar Sachen übernommen - beim "Und"-Wiederholung vs. "Nur"-Wiederholung muss ich die jeweiligen Sprachmelodien noch ein bisschen auf mich wirken lassen... :)
LG!
S.
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Bestens, lieber Sufnus.
Sehr komprimiert, ohne eingeschnürt zu sein, sind diese wohl ausbalancierten Gedanken um Existenz, Wahrnehmung und Erinnern.
Mit Freude gelesen.
Grüße von gummibaum
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Lieber Sufnus,
"die Niete im Endspiel um nichts" ist zwar keine passende Metapher für meine Lebensphilosophie, dennoch gefallen mir Deine Zeilen sehr gut! Sie beschreiben, ohne Übertreibungen, die Lebenssicht eines Nihilisten, der sich nicht selbst belügen und auch nicht den hedonistischen Auswegen nachgehen will.
Aufrechtes "Nichtglauben" hat mich schon immer mehr beeindruckt als frömmelndes Getue.
Herzliche Grüße, AlteLyrikerin.
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Hi gum und AL!
Vielen Dank für Eure Kommentare und Deutungen! :) Es freut mich sehr, wenn in den Zeilen etwas gelesen werden kann, was zu gefallen weiß. :)
Und weil dank AL das wichtige Stichwort nihilistisch gefallen ist: Die verneinenden Vokabeln, niemand, Niete, nichts, sind in dem Gedicht sicherlich auffällig gehäuft. Aber das allererste Stichwort, die konzentrischen Kreise, als Wellenbewegung um einen ins Wasser geworfenen Gegenstand, das ist ein häufig gebrauchtes Bild menschlicher Existenz, gerade in "sinnstiftender" Lyrik. Bei Hesses Stufen kommt zumindest schon einmal der Lebenskreis vor und es würde mich wundern, wenn es von ihm nicht auch ein Gedicht gibt, das mit dem Bild der Wellenkreise operiert.
Und das weiße Papier am Ende kann auch für Unschuld stehen. Ich will das Gedicht jetzt nicht gewaltsam umbiegen, aber es sendet neben gewissen nihilistischen Schwingungen auch Signale auf anderen Frequenzen. :)
LG!
S.