die Lyrik-Wiese

Blumenwiesen => Zwischen Rosen und Romantik => Thema gestartet von: Sufnus am Dezember 03, 2020, 09:26:36

Titel: Nach einem Fragment von Gottfried Benn
Beitrag von: Sufnus am Dezember 03, 2020, 09:26:36
Nach einem Fragment von Gottfried Benn

Die Welt ist keine Uterus-WG,
so warm kommt man hier nicht zu liegen.
Den Nabel frei und: Défilé.
Das muss genügen.

Das muss dem Herz für seine Freude taugen,
dem Raubtier Herz, der Beutegier –
im Glücksversteck zwei grüne Katzenaugen.
Vom Ich zum Wir.





Titel: Re: Nach einem Fragment von Gottfried Benn
Beitrag von: Erich Kykal am Dezember 03, 2020, 13:02:22
Hi Suf!

Wortgewaltig wie immer, und mit einem Gutteil zynischem Furor hier, wie mir scheint.

Metrisch komm ich allerdings etwas ins Stolpern: Heberschema: 5442 - 5452

Entweder S1Z3 verlängern (zB.: " ... und: eitel Defileé.") oder S2Z3 verkürzen (zB.: streiche "grüne").

Anmerken könnte man noch die Wortwiederholung von "Herz" in aufeinander folgenden Zeilen in S2Z1/2. Vorschlag: Z1 - "Das muss dem Trieb für seine Freude taugen,"


Soweit ich mich an Benn's lyrische Kompetenz erinnern kann, hängst du ihn locker ab!

Sehr gern gelesen!  :)

LG, eKy
Titel: Re: Nach einem Fragment von Gottfried Benn
Beitrag von: Sufnus am Dezember 03, 2020, 14:31:07
Hi eKy!
Dass Du mich über Big Benn stellst, ehrt mich zwar ganz ungemein - aber vielleicht beeinträchtigt in Sachen Benn Dein persönlicher Geschmack ein bisschen die Einschätzung seiner Kompetenz ;) Wenn Du sagst, dass Dir (manche) meiner Gedichte besser gefallen also die vom Dr. Benn, dann bin ich immer noch genauso froh, ohne - wie beim Kompetenzvergleich - in der peinlichen Lage eines harmlosen Amateurschachspielers zu sein, der von Kasparow zum Duell gefordert wird. ;)
Dass Benn metrisch manches mal höchst irregulär zu Werke gegangen ist, stört Dich ganz sicher gewaltig bei der Lektüre, aber seine (wenigen) ganz regelmäßig gestalteten Verse beweisen, dass er sich nicht aus fehlendem Können der Gleichmäßigkeit verweigert hat, sondern aus spielvergnügter Widerborstigkeit.
Ich finde, man "hört" bei Gedichten ganz gut raus, ob der Autor zu doof (oder: faul) war, auf ein reguläres Metrum zu achten oder ob er es wirklich "genau so wollte". Selbstverständlich wird jeder noch so unbegabte Dichter, wenn man ihn auf einen bösen metrischen Schnitzer anspricht, behaupten, dass das natürlich mit voller Absicht so geschehen sei und auf gar keinen Fall anders formuliert werden darf, weil sonst das hehre Werk schweren Schaden nimmt... aber das erkennt man bei den unbeschlagenen Vertretern der Zunft ganz gut als Schutzbehauptung.... :)
Im Fall von Benn bin ich aber überzeugt: Der will es wirklich metrisch unregelmäßig haben, wenn er auf einen Jambus einen Trochäus folgen lässt - er hätte leicht auch anders gekonnt... :)
LG!
S.

P.S.:
Übrigens bezieht sich das "Fragment", auf das sich der Titel bezieht, auf einen weiter nicht ausgeführten Zweizeiler von Benn, der inhaltlich so ungefähr den ersten beiden Zeilen entspricht ("Die Welt ist kein erweiterter Uterus... ").

P.P.S.:
Und Dankeschön für den metrischen Hinweis... da muss ich nochmal ein bisschen drüber nachdenken... :)
Titel: Re: Nach einem Fragment von Gottfried Benn
Beitrag von: Agneta am Dezember 03, 2020, 21:07:06
absolut stark, lieber Sufnus. der Weg vom Ich zum Wir ist eben hart ... LG von Agneta
Titel: Re: Nach einem Fragment von Gottfried Benn
Beitrag von: Erich Kykal am Dezember 04, 2020, 11:30:50
Hi Suf!

Ich habe vor Jahren Benn's Gesamtwerk gelesen. Erinnerlich ist mir nichts mehr davon, und das sagt einiges aus! Ich weiß nur noch, dass ich nicht eben groß begeistert war von seiner Lyrik. Als "Big" würde ich ihn jedenfalls keinesfalls bezeichnen.

LG, eKy
Titel: Re: Nach einem Fragment von Gottfried Benn
Beitrag von: gummibaum am Dezember 04, 2020, 11:35:53
Lieber Sufnus,

das sagt auf kurze und anschauliche Weise, dass jeder von uns aus dem Paradies vertrieben wird, aber die Chance hat, es in der Zweisamkeit wieder zu finden.

Sehr gern gelesen.

Grüße von gummibaum 
Titel: Re: Nach einem Fragment von Gottfried Benn
Beitrag von: Sufnus am Dezember 04, 2020, 17:31:11
Lieber gum! :)
Dankeschön für das Lob und die schöne Interpretation! Ich mag Deine positive Lesart der Zeilen! Sehr sogar! :)

Und auch Dir, liebe Agneta,
großen Dank für die Begeisterung, die Du mir schenkst! Das ist sehr ermutigend für die Dichterseele! :)
Ja - der Weg vom Ich zum Wir ist schwierig und eigentlich ist es auch nicht ein Weg sondern viele (wie es ja auch viele Ich's und viele Möglichkeiten eines Wir's gibt). Und obwohl auch ein Ich ohne Wir etwas sehr schönes sein kann, will ich über das Wir nicht traurig sein! :)

Und zu eKy (resp. Benn): Es ist natürlich alles eine höchst subjektive Frage des persönlichen Geschmacks und Benn hat vieles zu bieten, was den subjektiven Lesegenuss zu vermasseln vermag. Unabhängig davon kann ich aber auch bei Dichtern, deren Werke ich im Großen und Ganzen nicht so sehr schätze (sagen wir mal: Hesse oder Fried oder Kaleko) durchaus erkennen, dass sie auf ihre Weise genial waren. Es gibt zumindest für mich schon eine Unterscheidung von persönlicher Vorliebe und "objektiver" Anerkennung. Geht Dir das nicht so, eKy?

LG Euch!!! :)

S.

Titel: Re: Nach einem Fragment von Gottfried Benn
Beitrag von: AlteLyrikerin am Dezember 15, 2020, 11:55:17
Lieber Sufnus,


chapeau! Da hast Du dich nicht nur anregen lassen, sondern etwas existentiell Tiefgründiges geschrieben. Mit wenigen Zeilen kommst Du aus und triffst doch genau den Kern der menschlichen Tragödie wie auch den Moment seiner Seligkeit.


Herzliche Grüße, AlteLyrikerin.