die Lyrik-Wiese

Blumenwiesen => Wo Enzian und Freiheit ist => Thema gestartet von: Sufnus am Dezember 04, 2020, 16:47:37

Titel: Versuch über das Schmelzen
Beitrag von: Sufnus am Dezember 04, 2020, 16:47:37
Versuch über das Schmelzen

Auf meinem Kragen ist ein Schneekind fein
gelandet, dem der sechste Arm
abhanden kam: ihm wurd zu warm.
Jetzt solls bei mir geborgen sein.

Ich trags nach Hause, um es dort zu betten
in meinem Liebherrfach (drei Sterne),
dort werd ich es trotz Himmelsferne
viel Sommer lang vorm Schmelzen retten.

Wir Menschen aber schmelzen nie, wie schon
Omar Khayyam in seinem Vers gelehrt,
weil unsre Welt des Fließenden entbehrt.

Es folgt dem harten Mann der harte Sohn,
und, meine Hände zittern, sehr allein
kommt Mensch um Mensch auf diese Welt als Stein.

P.S.:
Das sechste Ärmchen hab ich doch gefunden
und heimgebracht und wieder angebunden.
Titel: Re: Versuch über das Schmelzen
Beitrag von: gummibaum am Dezember 04, 2020, 20:56:56
Schönes Sonett, lieber Sufnus.

Ich musste laut lachen wegen der schützenden Konservierung des Schneekristalls im 3-Sterne-Frosterfach. Aber auch wegen der Begründung, warum Menschen nicht schmelzen und ihres Vergleichs mit empfindungslosen Steinen.

Mit Freude gelesen.
Grüße von gummibaum

   
Titel: Re: Versuch über das Schmelzen
Beitrag von: Erich Kykal am Dezember 04, 2020, 22:52:18
Hi Suf!

Ich schließe mich Gums Resumeé an.

Auffällig hier die Quartette, die zwar 5-hebige erste Zeilen haben, deren restliche drei aber jeweils nur vierhebig sind. Ein Experiment?

Sehr gern gelesen!  :)

LG, eKy
Titel: Re: Versuch über das Schmelzen
Beitrag von: Agneta am Dezember 06, 2020, 20:33:37
das finde ich supergut geschrieben und von der Aussage her hervorragend: die Verfestigung der Etiketten und Schubladen und der zunehmende Abstand von Mensch zu Mensch.Das Bild der zerbrechlichen und anfälligen Schneeflocke finde ich dafür äußerst fantasievoll und passend. Klasse Sonett.
LG von Agneta
Titel: Re: Versuch über das Schmelzen
Beitrag von: Sufnus am Dezember 07, 2020, 12:07:45
Lieber gum, lieber eKy, liebe Agneta! :)
Seid ganz lieb bedankt für Euer Lob und Eure Kommentare! :) Ich hab mal versucht, Heiteres und Ernsthaftes zu mischen - die Quartette sind eher humoristisch und deshalb (das war eKys Frage) hab ich da die Form auch etwas unregelmäßiger gehalten, in den Terzette wendet der Ton sich dann ins Ernste, sogar Pathetische (hoffentlich hab ich nicht zu doll auf die Tube gedrückt - bin nicht ganz sicher) und das Postscriptum soll dann eine gewisse versöhnliche Einpendelung zwischen diesen Polen herbeiführen. Die übliche Dialektik von These-Antithese-Synthese, die gerne aus einem Sonett herausgelesen wird, wird sozusagen erst im Nachfassen erreicht. Ein Experiment. :)
LG!
S.