die Lyrik-Wiese
Blumenwiesen => Verbrannte Erde => Thema gestartet von: gummibaum am Januar 05, 2021, 17:55:30
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Nur kurz hebt sich das Lid der Nacht
und lässt den Tag ins Graue blicken,
dann senkt es gnädig sich, ihn sacht
ins Reich des Traums zurückzuschicken.
Doch reicht der Wimpernspalt der Zeit,
genug des Trüben zu berühren,
um auch im Traum nur Bitterkeit
beim Tanz durch Blühendes zu spüren…
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Hi Gum!
Verbitterung ist hier der Kernbegriff, denke ich - ein leidgeprüftes LyrIch erkennt die Tragödie, die hinter freundlich-fröhlichen Kulisse lauert, und in der sie irgendwann zwangsläufig enden und untergehen muss. So mischt sich in jede warme Freude der kalte Hauch der Unausweichlichkeit.
Gut dran, wer das akzeptieren kann, um in den vielleicht kurzen Geschenken dieser Freude schwelgen und sie gerade darum zu genießen weiß! Für die Bitterkeit ist immer noch genug Zeit, wenn wieder die Tragödie zuschlägt ...
Aber der Weise wird sich in allem Frieden stets dessen bewusst sein, die Bitternis wird ihm alle Zeit spürbar bleiben. Die Kunst liegt darin, sich nicht davon überwältigen zu lassen!
Sehr wohlgesetzte Sprache, tolle Bilder, tiefer Inhalt, gegossen in eine harmonische Einheit - Lyrik vom Allerfeinsten!
Allergernst gelesen! :)
LG, eKy
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Welch schöne Interpretation, lieber Erich.
Vielen Dank für dein Lob, dein gründliche Einlassung auf den Text und deine weiterführenden Gedanken zur Weisheit.
Dir liebe Grüße von gummibaum
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ich kann mich Erichs perfektem Kommi nur anschließen, lieber Gum.
Mir kam bei deinem Gedicht das Bild eines Menschen, der kurz vor dem Tod steht und doch nicht sterben darf.
LG von Agneta
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Danke, liebe Agneta.
Deine Sichtweise finde ich nahe liegend.
Grüße von gummibaum
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Hi Gum!
Sehr sehr berührende Zeilen - Du weißt Prägnanz mit Eingängigkeit und Zugewandtheit zu verbinden! :) Lieben Dank für dieses schöne Werk! :)
Den obigen Interpretationen weiß ich kaum etwas hinzufügen - im Hinblick auf eKys Hinweis, dass das Wissen um die Dürftigkeit menschlicher Existenz womöglich gerade die Sinne für den Genuss zu schärfen vermag, denke ich an die Lyrik des 30-jährigen Krieges, als es Leid im Überfluss gab und (neben den ganzen Jenseits-süchtigen Versen) auch die wohl bis dato sinnlichsten und genussfreudigsten Gedichte in deutscher Sprache verfasst wurden.
Auszug aus Carpe diem von Opitz:
[...]
Worzu dienet das Studieren
als zu lauter Ungemach?
Unter dessen läuft der Bach
unsers Lebens, das wir führen,
ehe wir es inne werden,
auf sein letztes Ende hin,
dann kommt ohne Geist und Sinn
dieses alles in die Erden.
Holla, Junger, geh' und frage,
wo der beste Trunk mag sein,
nimm den Krug und fülle Wein.
Alles Trauern, Leid und Klage
wie wir Menschen täglich haben,
eh' uns Clotho fortgerafft,
will ich in dem süssen Saft,
den die Traube gibt, vergraben.
Kaufe gleichfalls auch Melonen
und vergiss des Zuckers nicht;
schaue nur, daß nichts gebricht.
Jener mag den Heller schonen,
der bei seinem Gold und Schätzen
tolle sich zu sorgen pflegt
und nicht satt zu Bette legt;
ich will, weil ich kann, mich letzen.
[...]
LG!
S. :)
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Hi Suf!
Wunderbares Gedicht von Opitz! So viele herrliche "alte" Wendungen und Ausdrücke, die kaum einem heute noch geläufig sind, geschweige denn Verwendung finden! Was eigentlich fürchterlich schade ist!
LG, eKy
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Ja, lieber Sufnus, das finde ich auch. Opitz ist lesens- und bedenkenswert. Vielen Dank.
LG g
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verätzt im Titel lässt auf eine schwere Verletzung schließen. ja, das leben kann uns verletzen, uns viel abverlangen. Liegenbleiben aber macht es nur schlimmer. man muss sich dem stellen...
LG von Agneta
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Das stimmt, liebe Agneta. Besten Dank und alles Gute.
gummibaum