die Lyrik-Wiese
Blumenwiesen => Verbrannte Erde => Thema gestartet von: Erich Kykal am Juni 15, 2021, 19:22:28
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Wie tat es meinem Leben weh, dem stillen,
als du dein Leiden in den Hörer weintest,
da du mich stark und unverwundbar meintest,
so groß an Weisheit und geprüft an Willen.
Wie tat es meinem Leben weh, dem wunden,
als ich das deinige zerbrechen hörte:
Trotz milder Worte hatte die empörte,
verletze Seele keinen Trost gefunden,
die du in Zweifel und Verdacht versenktest
mit jedem Schluchzen, das dich kleiner machte,
und mit zuletzt verzweifeltem Verdachte
die letzten Reste des Vertrauens henktest,
das dich verband mit einer Welt des Guten,
die selbstgewiss das Ihrige behütet
und das Vertrauen mit Erfolg vergütet,
wo nur die wirklich Bösen sich verbluten.
Wie tat es meinem Leben weh, dem leisen,
nichts weiter tun zu können als zu lauschen,
bis nichts mehr übrigblieb, es auszutauschen,
um einem Freund den Weg zurück zu weisen.
Wie tut es meinem Leben weh, zu schweigen,
um selbsterhaltend jenen Schnitt zu machen,
den stumme Schuld und leises Weh bewachen,
um nicht zu tanzen nach demselben Reigen.
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Lieber Erich,
ein trauriges, aber sehr schönes Gedicht, gerichtet an einen Menschen, den man angesichts seiner Gewissheit, bald sterben zu müssen, am Telefon zerbrechen hört und nicht trösten kann. Tiefe Betroffenheit und ein Ohnmachtsgefühl sprechen aus den Versen, verstärkt durch die Fehlannahme des Angesprochenen, dass LI sei über Schmerzen erhaben.
Dass der Todgeweihte das Vertrauen „henkt“ (statt es zu verlieren) zeigt, dass er sich dem Trost und anderen Frieden stiftenden Gaben der Welt auch verweigert. So ist es dem nicht trösten Könnenden nur möglich, zu schweigen und schweren Herzens auf Distanz zu gehen, um sein Leben nicht an die Depression zu verlieren.
Schön ist die Rahmung, die die Beziehung zwischen Leben und Weh abschreitet und variiert, wie in einem "Reigen".
Sehr gern gelesen.
Chapeau und Gruß von gummibaum
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Hi Gum!
Gut gedeutet, bis auf den Teil mit der Todesgewissheit. Hier geht es vielmehr um eine gequälte Seele, die sich selbst zerfleischt, getrieben von eingebildeter Schuld und Verfolgungswahn, egal, wie sehr das LyrIch am Telefon (man sah sich nie persönlich) versuchte, die Wogen zu glätten. Die depressive Seele geht zuletzt in verzweifeltem Rundumsichschlagen sogar so weit, das LyrIch, das immer nur helfen wollte, in die Riege der potentiellen Beschuldigten für ihr Unglück mit einzubeziehen. Sie WILL scheinbar leiden und verzweifeln, ihr ist nicht zu helfen.
Also nabelt sich das LyrIch schweren Herzens ab, um nicht mit in diesem Sog der Selbstzerstörung Verwundungen zu erleiden, die es sich nicht leisten kann, da es schwer genug an sich selbst trägt. Dennoch bleibt die Schuld für das gefühlte Imstichlassen und ein - möglicherweise verdientes - Gefühl von Überforderung, Versagen, ein wenig Feigheit und Hilflosigkeit.
LG, eKy