die Lyrik-Wiese
Blumenwiesen => Drum Ehrlichkeit und Edelweiß => Thema gestartet von: Erich Kykal am August 21, 2021, 12:01:54
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Wir suchen Grund in bodenlosen Flüssen,
und auf der Düne ruhelosem Sand
den endlich festen, unbewegten Stand,
im Glauben, dass wir einen haben müssen.
Wir schaffen Regeln: Steinerne Gebote,
die eisern deklamierend wir bedienen,
einander richtend, fühllos wie Maschinen,
im Kopf Bequeme und im Herzen Tote.
Und wehe denen, die den Frieden stören,
den unser Wohlgeordnetes erhalten
und pflegen möchte über alle Zeit!
Wir sind so gut darin, uns zu empören,
wo uns ein etwas anderes Gestalten
der Welt von allen Hemmungen befreit.
Wir suchen Sinn in allem, was wir finden,
als hätte es Bedeutung nur im Wissen,
dass es den Zwecken dient, die wir beflissen
mit allem Existierenden verbinden.
Die Wirklichkeit weiß keine starre Grenze:
Des einen Ende ist des andern Anbeginn,
des einen Hölle ist des andern Lebenssinn,
und nichts ist jemals alles je zur Gänze.
Wir scheinen immer sehnlich zu erwarten,
dass alles sich der eignen Wahrheit neige,
als schüfen wir nur so Gemeinsamkeit.
Die Erde ist ein ewig bunter Garten!
Genieße doch die Vielfalt und verschweige
die Herdentriebe deiner Endlichkeit.
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Hallo Erich,
dein Gedicht ist spruchhaft, was die Botschaft eindringlich macht.
Allerdings ist das "Wir" nebelhaft. Sind wir alle so, wie im Gedicht beschrieben? Ich kann mir mir eine bestimmte Art Mensch vorstellen, auf die alles passt.
Etwas klarer wäre es, hieße das Gedicht, etwa: An die Spießer.
Einen schönen Abend
Rocco
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Hi Roc!
Das "Wir" bezieht sich auf das Gesamtbild der Menschheit - und das sieht eben genauso aus, wie die Mehrheit es bestimmt: Kleinstaaterei, Kulturisolationismus, Rassismus, Glaubenskriege, Machtpolitik, Wirtschaftskriminalität, Drogen, Sklaverei, Unterdrückung, Diktatur, Manipulation der Massen, Terror, Umweltausbeutung, -verschmutzung, Massensterben, Klimawandel, Urwaldroldung, Kinderarbeit, ... usw...
Und wir auf den paar kleinen Inseln des zeitweiligen Wohlstands (auf Kosten des Restes der Welt) und der illusorischen Sicherheit verbriefter Menschenrechte tun so, als wäre eh alles in Ordnung, oder dass es uns nichts anginge, wenn nicht ...
LG, eKy
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Sehr schön, lieber Erich,
hast die menschliche Gewohnheit dargestellt, sich durch Sinngebung und Regelkorsett einen Halt zu verschaffen. Sie führt, weil sie im Grunde weltfremd ist, zu nichts Gutem. Gut ist dagegen deine Aufforderung, sich lieber dem befreienden Wildwuchs der Welt zu öffnen.
Großes Doppel-Lob!
gummibaum
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Hi Gum!
Vielen Dank! :)
Kleines Detail am Rande: Beide Sonettteile haben in den Endzeilen der Terzette denselben Reim.
LG, eKy
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Ah, das hatte ich übersehen, Erich.
Es erhöht auf gediegene Weise Zusammenhang und -klang des Ganzen.
Gruß von gummibaum