die Lyrik-Wiese
Blumenwiesen => Verbrannte Erde => Thema gestartet von: Erich Kykal am September 06, 2021, 12:04:26
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Ich lebe still im Reigen meiner Räume,
ins raue Äußere verirre ich mich nie.
Ich gehe in mich, wo ich zärtlich träume,
und werde eins mit meiner Phantasie.
Ich wache stumm durch meine dürren Stunden,
nur meine Bücher sind mir Flucht und Halt.
An niemand anderen bin ich gebunden,
nur an des eignen Leibes Ungestalt.
Ich denke manchmal an die frühen Jahre,
das rege Kind, dem alles offen stand.
Es wurde alt, verlor das Wunderbare
und alle Gaben, die sein Glühen fand.
Ich kenne nun das Mühlwerk meiner Tage
zu gut seit langem, um noch froh zu sein.
Das wenige, das ich an Hoffnung wage,
macht bebend sich vor Ungesagtem klein.
Ich fürchte mich vor einem langen Sterben,
darin ich mir entgleite, Stück um Stück,
und kein Vermächtnis bliebe zu vererben,
und kein Gedanke an ein Fünkchen Glück.
Ich sehne mich zugleich nach jener Stunde,
die irgendwann als letzte übrig bleibt,
und mit dem Blut der nie verheilten Wunde
des Überlebens endlich 'Ende' schreibt.
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Das ist saustark mein lieber Erich.
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Hi Hans!
Sei bedankt! :)
Das glitt mir heute vormittag wie von selbst aus der Feder, entsprechend meiner niedergeschlagenen Stimmung - wie jedesmal zum Ende der großen Ferien hin! Nächste Woche geht es für mich wieder los mit der Fron! Noch mindestens acht weitere Jahre, so es die Gesundheit hergibt ... - und ich fühle mich eigentlich schon SEHR berufsmüde.
LG, eKy
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Lieber Erich,
ein wunderbares Gedicht über den aller Freude und Hoffnung verlustig Gegangenen, der nur noch in sich selbst geborgen und vor anderen verborgen Angst vor kommenden Leiden und doch Sehnsucht nach dem Tod fühlt.
Mit Genuss gelesen.
Chapeau von gummibaum
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Hi Gum!
Auch dir Dank für die verbale Akklamation! :)
Wie ich schon Hans schrieb: Es geht mir immer etwas mieser zu dieser Zeit des Jahres, an den letzten Ferientagen. Du weißt warum!
LG, eKy
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Lieber Erich,
ich kann deine Erschöpfung gut nachvollziehen - es erging mir nicht viel anders.
Mein Tipp: Nutze die Möglichkeit, auf Geld zu verzichten, weniger zu arbeiten....
Auch ein Jahr Berufspause kann etwas Erholung bringen. Notfalls mit ärztlicher Unterstützung. 😉
Ganz liebe Grüße,
larin
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Hi liebe larin!
Vielen Dank für deine wohlwollenden Tipps. Natürlich habe ich mir schon lang Gedanken dazu gemacht. Allerdings bin ich ohnehin schon seit 12 Jahren auf eingeschränkter Lehrverpflichtung (16 Wochenstunden statt 21), erst wegen der nervlichen Belastung, dann wegen meiner Erkrankung. Das drückt mir die Pension schon mehr als genug! Zudem scheue ich den bürokratischen und organisatorischen Aufwand einer Berufspause, und wer weiß, wo ich hinterher lande, um meine letzten Jahre "abzusitzen"? ::) :o
Was mich zur Zeit am meisten ärgert, ist die Zwangsverpflichtung zur Fortbildung über 20 Stunden in der unterrichtsfreien Zeit! Und das bis zur Pensionierung - als ob man nach über 30 Jahren Unterrichtspraxis immer noch Schulungsbedarf haben müsste wie ein berufsunmündiger Anfänger!
Abgesehen davon gibt es in der unterrichtsfreien Zeit, die zur Verfügung steht, meist nie genug fachspezifische Kurse, von persönlich interessant empfundenen ganz zu schweigen!
Ich finde, dass man mich auf meine letzten paar Jahre damit in Ruhe lässt, hätte ich mir längst verdient! Ich war sogar bereit, auf die Bezahlung für entsprechend so viele Stunden zu verzichten, nur um nicht mehr damit belästigt zu werden - aber das wurde mir von der Direktion verweigert! Warum auch immer. >:(
LG, eKy
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Ach ja, die letzten Berufsjahre.....
Ich kann die wechselvollen Emotionen gut nachvollziehen - ich hab diese Zeit grad hinter mich gebracht.😅
(Hab mir zur Selbsthilfe ein 'Erschöpfungstagebuch" zugelegt, in das ich hineinsuderte, wenns mir nötig erschien.)
Irgendwann ist man einfach müde. Der Körper verbraucht sich, die Psyche auch. Das Nervenkostüm ist auch nicht grenzenlos strapazierbar.
Bei meinem Mann hat die Bildschirmarbeit zu Nackenverspannungen, Bluthochdruck und Augenproblemen geführt.
Da gibts halt in jedem Beruf andere Verschleißerscheinungen...
Irgendwann hat man genug - auch vom Guten!
Zu meinen Kollegen, die mich fragten, wie das so ist für mich, hab ich gesagt: Nach fünf Schnitzeln will ich kein sechstes mehr!
Das haben sie gut verstanden.
Genug ist einfach genug.
Ein Glas, das voll ist, kann nicht noch voller werden.
Pass gut auf dich auf!
Und sieh die Fortbildung gelassen.
Mitunter muss man seine Schulzeit einfach "absitzen". Machen manche deiner Schüler bestimmt auch nicht anders....😉
Lg, larin
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Hi larin!
Sonderlich auf mich aufgepasst habe ich nie - eigentlich tat ich fast alles, um diesen ungeliebten Körper, in dem ich leben muss, zu sabotieren und zu verwüsten!
Seltsam - ein Teil von mir freut sich sehnlichst, endlich nicht mehr darin bestehen zu müssen ...
Vielen Dank für die Einblicke in deine Lebenserfahrung! :)
LG, eKy
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.....sehr gut, dein Schnitzelvergleich liebe Larin. Nach 38 Jahren Gastro und Kleinkunst ist es genug. Alles hat seine Zeit und ich hätte eine spannende Zeit. Jetzt lasse ich es ganz gemütlich angehen und ertappe mich dabei einen kompletten Tag mit Nichtstun zu verbringen. Entspannt euch, Gruß vom Hans
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Nun wurde ich doch früher in den Ruhestand geschickt - kranheitsbedingt. Ich lerne langsam, wie schön und überraschend erfüllend es sein kann, eigene Interessen zu verfolgen - oder auch nicht, ganz nach Tagesverfassung und Laune. Kein Druck, kein Zwang, keine verfluchte 'Pflicht'!
HAAAAAAAAHHHHHHH! (Unendlich erleichtertes Ausatmen)
LG, eKy
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Lieber Erich,
auch wenn der Anlass in deinem Fall kaum Grund zum Jubeln gibt, wenn die Last des Berufsalltages abfällt, so ist das schon eine große Erleichterung! Insoferne also: Willkommen im Club und herzlichen Glückwunsch!
Irgendwann ists genug - und jetzt kommt noch mal.was Anderes. Mögen die neuen Ufer noch viel Überraschendes und Schönes bringen!
Liebe Grüße von der - derzeit viel Beschäfigten -
Larin
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Hi Larin!
Pensioniert wurde ich ja schon im Jänner, nachdem ich vor Weihnachten 2 Wochen im Spital war, weil meine Werte so mies waren - meine alte Chemo wirkte nicht mehr, schleichend.
Davor war ich zu einer amtsärztlichen Begutachtung geschickt worden und wurde für nicht mehr dienstfähig erklärt.
Die neue Chemo funktioniert bislang, auch wenn ich allgemein nicht mehr viel Puste habe - solche Ausflüge wie damals bei unseren Dichtertreffen würden mich heute schon konditionell überfordern.
Vielen Dank für deine freundlichen Worte!
LG, eKy
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Hi Erich,
Jaaa....dieses : damals gings noch besser - das können wir alle!
Wie lange ist das schon her? 10, 12, 13 Jahre? Oder gar noch länger? Das macht in unserem Alter einen Riiiiiiesenunterschied.
Und wenn man mit einer Erkrankung känpft, dann sowieso.
Heuer im Frühjahr hat mich ein grippaler Infekt erwischt, der allerhand Spuk erzeugt hat, ein paar Wochen lang. Vor allem Herzstolpern.
Zum Jammern hab ich aber keine Zeit ( und auch keinen Grund)
Nach dem Tod meiner Mutter kümmere ich um meinen Herrn Papa ( mittlerweile im 92. Lebensjahr). Der alte Herr ist noch sehr rührig und ich konnte ihn gut auffangen und jetzt bin ich täglicher Frühstücksgast bei ihm und er Mittagsgast bei uns zu Haus.
Habe also 2 Männer zu bespaßen. Und demnächst wohl auch einen dritten: Enkel Oscar, anderthalb! Allmählich kann die Schwiegertochter auch mal loslassen und die Oma darf ran!
Diese Kleinen sind soo witzig, da wird man selber auch noch mal zum Kind ( und ich kann ja recht albern sein, wie du weißt!)
Mittlerweile ist auch Enkelkind Numero 2 im Anflug. Und diesmal bekommen wir Verstärkung auf der weiblichen Seite!
Tochter und Schwiegersohn werden Haus bauen ( nicht weit von uns). Also für Action ist gesorgt.
Fürs Mattsein hab ich nicht viel Zeit im Moment ( besser so!) - und noch dazu lege ich seit geraumer Zeit nächtliche Wachphasen ein ( Nachdenken, Ausdenken, Kopfweh, Kreuzweh - oder sonst einem Blödsinn)
Nennt man das "senile Bettflucht"? 😁
"Alt werden ist nichts für Feiglinge" hat mal jemand gesagt.
Also dann: Lass uns tapfer bleiben - und die Gunst der Stunde nützen - wofür auch immer!
Nächtliche Grüße aus Wien,
Larin
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Hi Larin!
Vielen Dank für die kleinen Einblicke in deinen Alltag. Ich freue mich für dich.
Bei mir ist es eher so, dass ich nicht mehr als 5-6 Stunden mehr am Stück schlafen kann. Als Abendmensch gehe ich kaum je vor 3h morgens ins Bett. Dafür übermannt mich immer öfter ein kleines Nachmittagsschläfchen um in etwa dieselbe Uhrzeit - bloß am Tage.
Ich bin dankbar, dass meine Erkrankung nicht von der schmerzleidenden Sorte ist, acht bis neun Tabletten täglich sind zehrend genug ...
Enkel wird es für mich keine mehr geben, das war auch nie vorgesehen, soweit es mich betrifft. Meine genetische Disposition wollte ich einem fühlenden Wesen nie bewusst antun. Jaja, ich hätte es noch viel schlimmer treffen können, als bloß klein, fett, kahl, schaßaugad, behaart und sonstiges zu sein, ich weiß - aber mir und meinem Anspruch auf Würde und Ästhetik hat's gereicht!
In meinem Leben gab es wenig, auf das ich stolz hätte sein können, und dieses wenige habe ich in meiner früh unterdrückten sozialen Bedürftigkeit meist so aufdringlich Anerkennung heischend vor mir hergetragen, dass ich auf andere eher selbstgefällig oder arrogant wirkte.
Als du mich kennengelernt hast, war ich ja schon vergleichsweise gesetzt und 'weise' ... ;)
Es tut gut, dass wir wieder mal voneinander lesen. Gern mehr davon! Dichtest du noch?
LG, eKy
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Lieber Erich, liebe m.c. larin,
ich habe gerade euren Erfahrungsaustausch über Altersleid und Altersfreude mit Interesse gelesen.
Nachlassende körperliche und geistige Kräfte beschäftigen mich auch, aber die Natur, die Enkel, etwas Anspruchslosigkeit und Dankbarkeit sorgen für Ausgleich.
Euch alles Liebe von gummibaum
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Hi Gum!
Vielen Dank für den umarmenden Kommi.
Bei mir ist unterhalb gerade wieder mal ein Nachbar gestorben - auch Krebs. Mein bester Freund (zumindest hielt ich ihn dafür) hat sich nach fast 40 Jahren von mir losgesagt, obwohl ER sich extrem kränkend im Ton vergriffen hatte und ich nur mit einem ehrlichen, klaren Wort darauf reagiert hatte. Bei ihm kann's mit der Freundschaft nicht mehr weit her gewesen sein - oder der Teilzeitsoziopath in mir hat's wieder mal verbockt.
Wie auch immer - ich schiebe gerade Kummer und Selbstmitleid. Da passt das obige Gedicht ja mal wieder perfekt ... ::)
LG, eKy
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Hi Erich!
Das tut mir sehr leid für dich, dass wieder jemand lang Vertrauter verloren gegangen ist in deinem Leben....
Unvermeidlicherweise ist das der Preis, den wir zahlen fürs eigene Überdauern.
Wenn ich daran denke, wie viele ihm bekannte und/oder vertraute Menschen mein 91jähriger Vater schon hat gehen sehen, dann komme ich zu dem Schluss: Man braucht entweder ein sehr dickes Fell oder eine sehr hohe Frustrationstoleranz oder ein so hohes Kontingent an Sinnstiftung und Lebensfreude - oder schier undurchwetzbare Gene....oder alles miteinander, wenn man so alt werden will, wie er.
Oder aber: Nichts von alledem - es ist einfach Schicksal!
Und das Schicksal ist eine teils humorlose und andererseits auch höchst verspielte, launische Dame!
Wie dem auch sei : Es gibt uns noch! Also : Was fangen wir mit dem Tag an?
Meine Tage sind im Augenblick sehr voll: Enkelkind hier, Hausbau da, Altenbetreuung dort, dazwischen mal ein Blick auf die eigene Beziehung , Kontakte zu Freunden, Begleitung einer Kusine durch eine böse Scheidung - einen Garten und einen Haushalt dürfte ich am Rande auch noch haben....
Mit einer gewissn Regelmäßigjeit zum Turnen(damit das Kreuz nicht rebelliert), 1x im Monat Schreibseminar unter Anleitung, abends handarbeiten, Lesen von Büchern: ab und zu, soferne ich nicht dabei einschlafe....
Und ja: Das mit den Kurzschlafphasen kenne ich auch schon!
Nur: der Nachmittagsschlaf gelingt mir eher selten!
Ich denke, es ist ok, so wies ist ((alteesbedingte Wehwehchen mal weggedacht - das interessiert keinen!)
Du hast mich gefragt, ob ich noch schreibe - Antwort: Ja - wenn mir noch hin und wieder Zeit und Energie bleibt!
( Derzeit eher seltener)
Habe aber - dir zuliebe - in meiner Zettelwirtschaft gekramt und bin auf ein paar " Zwischendurchwerke" gestoßen.
Die stelle ich jetzt mal ein.
Dickes Drückerli!
Die vielbeschäftigte
larin
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Hallo, liebe larin!
Erst mal ein ganz liebes Dankeschön zurück für die Umarmung und die aufbauenden Worte, für die Einsicht in dein Leben und Treiben.
Schön zu lesen, dass du dein Talent weiterhin übst - immer mehr davon! Ich habe deine beiden Werke bereits wohlgefällig kommentiert, noch ehe ich diesen Faden hier geöffnet hatte.
Zu diesem Freund:
Wir haben uns fast vierzig Jahre lang immer wieder getroffen, als Studenten und Junglehrer zum Filmeschauen und Pizzaessen, später wegen seiner Katzenallergie nur noch zum Grillen im Freien, nachdem ich aufs Land gezogen war. Ich habe ihn wegen seiner offenbaren 'Coolness' und Intellektualität bewundert, aber das war nur Fassade, wie ich nun weiß.
Als ich vor vielen Jahren mal über ihn gescherzt hatte - eine harmlose ironische Kabbelei unter Freunden, wie ich dachte - wollte er sich schon vor dreißig Jahren von mir distanzieren, aber ich habe nachgehakt, mich entschuldigt und ihn überzeugt, Freunde zu bleiben. Dass er eine furchtbar empfindliche, humorlose Mimose sein kann, die von ihren eigenen Dämonen gejagt wird, wurde mir da erst klar.
Seither ging es gut mit uns, bis auf den Umstand, dass er sich jegliche Verunglimpfung seines Glaubens verbat, was ich ihm gerne zugestand, trotz meiner eigentlich militanten Antireligiosität.
Er erkrankte neben extremen Allergien vor einigen Jahren ebenfalls schwer und ging nebenher zu einem Psychiater, um Kindheitstraumata aufzuarbeiten - ein Wespennest! Er wurde zunehmend unleidiger und kurzatmiger bei allem, was er als persönliche Kritik auffasste, egal ob gut gemeint. Er schrieb mir aus heiterem Himmel eine kränkende E-mail und entschuldigte sich Tage später dafür - er sei nicht ganz bei sich gewesen und hätte in seinem aggressiven Drang viele Freunde beleidigt.
Ich vergab ihm gerne, und wir machten weiter: Grillen und plaudern, politisieren, philosophieren, sprachblödeln und verbal entfrusten.
Wir machten aus, heuer besonders oft zu grillen (immer bei mir), und ich bat ihn, jedes zweite Mal für das Fleisch zu bezahlen (bisher trug ich allein alle Kosten über 22 Jahre hinweg), da ich im Ruhestand weniger verdiente. War kein Problem. Nach zweimal Grillen kam eine Schlechtwetterwoche, und als ich nach zwei Wochen Grillpause völlig unbedarft per Mail nachfragte, ob er bereit für eine weiteres 'Gelage der Fleischeslust' wäre, kam eine extrem kränkende, unleidige, ja untergriffig beleidigende Antwort zurück, die auf meine 'gierige Fettleibigkeit' anspielte, und dass er - anders als ich - auch noch andere Feunde hätte, um die er sich kümmern wolle, was ich in meiner egoistischen Fresslust ignorieren würde, indem ich ihn nach 'nur' zwei Wochen schon mit so einem Ansinnen belästigen würde. Zwei Wochen, in denen er genug Zeit gehabt hätte, andere Freunde zu besuchen, und ich hatte ihm meines Wissens auch nie verboten, außerhalb unserer geplanten Grillerei am Tag davor oder danach jeden beliebigen anderen Menschen zu besuchen.
Er kanzelte mich mit völlig unlogischen, unfundierten Argumenten ab, ausgesprochen subjektiv und so vieles falsch interpretierend, und ich beschloss, anders als davor, ein ehrliches Wort zu wagen, indem ich in meiner Antwortmail auf jedes seiner Argumente einging. Zudem sagte ich deutlich, wie gekränkt und enttäuscht ich von seiner erneuten Aggressivität wäre. Ich wusste zwar, dass es nie gut ist, so eine ätzende Mail sofort zu beantworten, während der Zorn über soviel Ungerechtigkeit und die Kränkung noch hochkocht, aber es übermannte mich, und ich riet ihm, sich bessere psychologische Hilfe zu suchen, wenn er seinen Freunden solch beleidigende, herabwürdigende Mails schicke. (Nichts verunsichert und beängstigt mich mehr als psychische Labilität - der Verstandesmensch in mir kann nicht mit Geistesverwirrung umgehen!)
Nun, für ihn war es mit der behaupteten Freundschaft nicht mehr weit her, oder er fühlte sich so gekränkt, dass er mich in seiner letzten Mail an mich siezte und sich jeglichen weiteren Kontakt mit ihm verbat. Zu meiner Schande, wie ich nebenbei gestehen muss, genauso unreif und kindisch, wie ich vor 20 Jahren auf manche Streitereien in den Gedichteforen reagiert hatte. Zu meiner Ehrenrettung: Das waren vergleichsweise fast Fremde gewesen, keine Menschen, die ich ein halbes Leben lang persönlich kannte und deren Ausfälligkeiten mich umso härter trafen, weil ich sie emotional wirklich nah an mich herangelassen hatte.
Dass es für ihn nach fast vier gemeinsamen Dekaden letztlich nur einer einzigen Email bedurfte, in der ich mich offen gekränkt äußerte, um mich gänzlich zu verwerfen, lehrte mich, wie hohl dieses Gebäude der behaupteten Freundschaft von seiner Seite her gewesen sein muss. Wie wenig er mir wirklich zeigte, was er im Grunde von mir hielt. Verletzlichkeit schön und gut, aber trotz eigener Misantropie so mimosenhaft zu sein, dass man sich nicht mal dem kleinsten Bisschen Streitkultur stellen mag, um für eine so alte Freundschaft zu kämpfen, das lässt tief blicken. Entweder in seine soziale Unfähigkeit (die er mir unterstellte, so als wäre er ganz anders), seine charakterliche Verklemmtheit oder seine eigentliche Gleichgültigkeit mir gegenüber.
Ich mag meine sozialen Defizite haben, aber ich hätte gern die Chance gehabt, Dinge richtigzustellen, nachdem wir uns wieder vertragen hätten. Um ehrlich zu sein, ich hätte nie mit so einer radikalen Reaktion von ihm gerechnet, nicht nach so vielen Jahren gemeinsamer Geschichte. Ich dachte fest, unsere Verbindung wäre viel stärker als so ein Streit, wie er eben ab und zu auch mal in einer Freundschaft vorkommt. Stattdessen: Einfach abgesägt, weil dieser Feund hinter seiner coolen, weltmännischen Fassade immer nur ein unsicherer, verletzter kleiner Junge war, der nur austeilen, aber nichts einstecken konnte. (Ob seiner schweren Kindheit verzeihlich?)
Wie vertraut mir das doch ist, war ich doch über weite Strecken meines Lebens genauso! Und wie unreif erscheint es mir heute, ob solcher oberflächlicher Meinungsverschiedenheiten gleich die Freundschaft zu kündigen, anstatt die Dinge auch mal auszustreiten, ohne je die wohlmeinende Basis für diese Freundschaft aus den Augen zu verlieren.
Wie gesagt - er maß dieser Freundschaft wohl bei weitem nicht dieselbe Bedeutung und Verpflichtung bei wie ich. Hat er mich all die Jahre bloß 'gerade so eben ertragen', weil er sich hier gratis sättigen und intellektuell absudern konnte? Bedauerlich, aber dieses Mal werde ich seine Entscheidung respektieren und mich nicht weiter um uns bemühen.
Ich habe in unserer Beziehung manches falsch gemacht, aber letztlich war er es, der uns aufgegeben hat. Bin ich jetzt der 'Böse'? Habe ich zu dick aufgetragen, um ihn merken zu lassen, wie sehr mich seine nachgerade bösartige Mail gekränkt hatte? Habe ich ihn unwissentlich einmal zu oft mit meiner allzu direkten, frei sprechenden Art gekränkt, und diese Episode war nur der letzte Auslöser für seinen aufgestauten Unmut über meine aus seiner Sicht gerade noch gelittene Person? Wenn das so war, warum hat er nichts gesagt, ehe alles derart kumulierte und eskalierte? Oder wird er wirklich zunehmend geistig verwirrt und verliert die Kontrolle über sein Fühlen und Handeln?
Wie auch immer - es ist geschehen, und ich halte mich an die Aussage deines Gedichtes: Ich schöpfe Kraft aus meinem Inneren, so wie ich es immer getan habe, und lasse ihn hinter mir, damit er mir nicht mehr wehtun kann. Und falls ich ihm wehgetan habe, hoffe ich, er möge es ebenfalls überwinden, egal wie tief auch immer seine Freundschaft zu mir für ihn gewesen sein mag. Er war es, der sie kündigte, einfach so.
So, jetzt weißt du Bescheid, zumindest nach meiner Sicht der Dinge, zumindest, falls du dir diesen ganzen Sermon überhaupt angetan hast. (Falls ja: Danke!)
LG, eKy
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Hi Erich,
tut mir Leid, dass die Antwort so lange gedauert hat.
Eigentlich hatte ich einen RIIIIIIIIIesentext fast fertig, wurde dann unterbrochen - und als ich wieder ran ging, war die Sitzungszeit abgelaufen.
Da ich vom Handy aus geschrieben hatte, konnte ich es auch nicht zwischenspeichern, daher: Alles weg!
Irgendwie hatte ich dann keine Lust mehr, mich an den Computer /Standgerät zu setzen - das erinnert mich so man "arbeiten". ;D
Der Mensch wird müd und faul im Alter! Obwohl: Für meinen Geschmack hab ich noch genug zu tun. Wer Familie hat, ist/ wird beschäftigt!
Ist in Ordnung so, war immer so. Nur das eigene Energiepotential hat sich halt verändert.
Das Alter benagt uns leider alle - und wenn der eigene Überlebenskampf härter wird, wird auch die Duldsamkeit anderen gegenüber geringer.
Konnte ich gut an meiner Mutter beobachten, und die war grundsätzlich kein unfreundlicher Mensch.
Tut mir leid für dich, dass dir ein Freund abhanden kam.
Manchmal ist aber auch nur eine Weile "Sendepause". Ging mir genauso mit einer Schulfreundin: 10 Jahre nix! Und da ging das Drücken auf die Stopp-Taste von mir aus!
Freundschaften sind manchmal auch nicht anders als Ehen! Wir müssen zur Kenntnis nehmen: Langjährig gebrauchte Dinge können sich abnützen.
Daher tut Abstand halten manchmal wirklich gut .
Dass jedes "Nein", das man erhält, verunsichert, ist auch klar. Ich habe die Formel " Das Leben hat uns getrennt" für uns gefunden. So mussten wir einander keine Schuld zuschreiben. Der Schmerz war da, die Enttäuschung auch - aber es konnte leichter genommen werden. Es ist ratsam, manches einfach gut sein zu lassen - auch wenn es nicht gut war.
Und was sind wir letztlich Anderes als Kinder, die sich - je nach Lerngeschichte - andere Mäntelchen des Erwachsen-Seins umgehängt haben?
Wenn nicht genau dadurch auch so viel Tragisches geschähe, müsste mans letztlich gar nicht ernst nehmen.
Und Ja: jeder einzelne von uns ist der Gute / der Böse/ der Dumme/ der Weise - und ausnahmslos dazu verdammt, das Chaos der Welt in einen für sich einigermaßen sinnvollen Rahmen zu stellen.
Und um den Rahmen streiten die Kinder manchmal bis aufs Blut!
Deine Lösung ist: Rückbesinnung auf dich selbst - und ich höre da auch Vergebung aus deinen Zeilen.
Und das ist ein ganz wichtiger, vernünftiger Entschluss.
Ohne Vergebung gibt es keinen Frieden. Und den wünsche ich dir!
Liebe Grüße, larin
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Hi larin!
Vielen Dank für deinen Zuspruch. Tja, das war mein letzter Freund (in direktem Kontakt, nicht per Internet - dort habe ich nur 'gute Bekannte' wie dich oder Achim, in eher sporadischem Kontakt), auch wenn wir nur drei- bis vielmal jährlich gegrillt haben. Mehr hatten wir wohl wirklich nicht mehr voneinander ...
Jetzt lebe ich nur noch in meinen Geschichten ...
LG, eKy