die Lyrik-Wiese

Blumenwiesen => Ach Natur Vergissmeinnicht => Thema gestartet von: Ingo Baumgartner am Dezember 10, 2010, 09:10:53

Titel: Neuschnee am Morgen
Beitrag von: Ingo Baumgartner am Dezember 10, 2010, 09:10:53


Ich schau durchs Tor, das tief verschneite Fichten
zum Ausblick lassen.
Seh weiße Wälle nur
und helle Flächen, die sich hangwärts richten.
Seh frisches Flockenweiß in dicken Schichten,
auf Hüttendächern
und klar des Rehbocks Spur.

Kein Bild aus stillen, fernen Einsamkeiten.
Ich steh am Fenster,
vertraute Nachbarschaft
will meinen Sinn zu neuen Sichten leiten.
Gedanken lass ich auf dem Frostpferd reiten,
das Schneefeld queren,
verträumt und zauberhaft.
Titel: Re:Neuschnee am Morgen
Beitrag von: Guenter Mehlhorn am Dezember 10, 2010, 16:50:31
Da sitzt der Ingo nun vorm Fenster,
bewundert diese Frostgespenster,
erkennt des Bockes klare Spur.
Woran erkennt er die denn nur?

Läßt der da etwa etwas schleifen?
Entstehen dabei lange Streifen
zwischen seiner Hufe Stapfen,
wie von einem Tannenzapfen?

Das befragt dich, jetzt im Winter,
lieber Ingo, dein Freund Günter.


Titel: Re:Neuschnee am Morgen
Beitrag von: Ingo Baumgartner am Dezember 10, 2010, 17:35:39
Guenter, nun, ich kenne ihn,
den Bock, ich seh ihn täglich ziehn.
Das Tier, wär's weiblichen Geschlechts,
es würde links und würde rechts
in Stöckelschuhn zum Walde fliehn.

LG Ingo
Titel: Re:Neuschnee am Morgen
Beitrag von: a.c.larin am Dezember 10, 2010, 18:19:20
hallo ingo,
dieses gedicht hat einen ganz eigenen zauber!
hebt sich irgendwie von deinen übrigen ab durch die spezielle bauweise.
ich würds aber anders aufschreiben - und dabei einige zeilen kürzen.

was hältst du davon?


 Ich schau durchs Tor, das tief verschneite Fichten
zum Ausblick lassen - Weiße Wälle nur
und helle Flächen, die sich hangwärts richten.
Seh frisches Flockenweiß in dicken Schichten,
auf Hüttendächern. Klar des Rehbocks Spur.

Kein Bild aus stillen, fernen Einsamkeiten:
Vorm Fenster nur vertraute Nachbarschaft!
Lässt sich mein Sinn zu neuen Sichten leiten?
Gedanken dürfen auf dem  Frostpferd reiten,
das Schneefeld queren, still und zauberhaft.



ich hoffe, ich hab dir da nicht zu viel dreingepfuscht.... :-\
aber die verkürzten zeilen scheinen mir von der metrik her flüssiger....


hab sehr geren mit dir auf das schneefeld geblickt!
lg, larin



 
 

Titel: Re:Neuschnee am Morgen
Beitrag von: Ingo Baumgartner am Dezember 10, 2010, 18:26:58
Hallo larin! Herzlichen Dank für deine Anregungen. Habe ich mir's doch gedacht! :) Aber: Ich habe die Verse bewusst mit einer Zäsur angelegt, weil ich ganz einfach einmal aus dem Schema ausbrechen wollte - ursprünglich stand das Gedicht in meinem gewohnten Metrum da. Ich werde jetzt öfter einmal Ungewöhnliches probieren. :) LG Ingo
Titel: Re:Neuschnee am Morgen
Beitrag von: a.c.larin am Dezember 10, 2010, 18:32:37
selbstverständlich!
das werden wir mit interesse verfolgen!

lg, larin
Titel: Re:Neuschnee am Morgen
Beitrag von: cyparis am Januar 21, 2011, 21:08:08
Lieber Ingo,


dieses Gedicht ist traumhaft schön, zauberisch!



Lieben Gruß
von
cyparis
Titel: Re:Neuschnee am Morgen
Beitrag von: Erich Kykal am Januar 24, 2011, 10:32:48
Hi, Ingo!

Dein Ansinnen, mal auszubrechen und Neues zu versuchen, ist dir hoch anzurechnen, keine Frage!
Doch solltest du bei aller Sehnsucht nach dem Unbekannten nicht wesentliche Mechanismen guter Lyrik ignorieren.

Ich kann natürlich nur als berufener Laie sprechen, aber ich - als Gehörrhythmiker - habe große Probleme, deine Struktur in ein lesbares Metrum zu bändigen.
Immer ist da ein Holperer, eine Überlänge oder das falsche Wort mit der falschen Betonung, die mir einen adäquaten Vortrag erschweren bis unmöglich machen!
So gesehen bevorzuge ich Larin's Version, zumindest, was die flüssige Lesbarkeit betrifft.

Vielleicht könnte man ihr Metrum mit deiner Zeilenstruktur kombinieren, aber das wäre eigentlich nur Oberflächenkosmetik.

Nun, ich wünsche dir auf deiner Suche nach Neuem von Herzen alles Gute. Dies hier mag schon ein Schritt in diese Richtung sein, die Brücke überquert hast du damit noch nicht.
Dennoch hat mich dein Text ergriffen, denn er ist von gekonnter Sprachmodulation - kein falscher Klang stört die wesentliche Stimmung deiner Zeilen! Von daher meine Reverenz!

LG, eKy