die Lyrik-Wiese
Blumenwiesen => Wo Enzian und Freiheit ist => Thema gestartet von: Sufnus am September 11, 2023, 21:16:40
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Hundsgift
Im Dorfgrund blüht der Oleander wohl
so weiß wie keiner Seele letztes Glück.
Wir kosten gern vom süßen Vitriol
und bleiben dann im Dämmerlicht zurück.
Im Dorfgrund schläft der Oleander tief
in Träumen, die kein Menschenauge sieht.
Die Dummheit ist zum Hirn hin permissiv,
ein Grabstein warnt dich: Achtung, Herzgebiet.
Der Oleander ging im Winter ein
vom Wirtshauslärm, der durch die Straßen weht.
Ein Regen wäscht die Dorfhauptstraße rein
und wartet plätschernd, ob der Wind sich dreht.
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Hi Suf!
Ich muss gestehen: Die Bilder sind schön und stark, aber ich verstehe kein einziges. Was soll das Werk aussagen?
LG, eKy
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Lieber Sufnus,
schönes Gedicht zum Genuss eines Oleandergetränks, das offenbar geistige Kräfte verlieh und am Lärm der Dummen zugrunde ging.
Da Oleander Herzgifte enthält, nehme ich an, dass es eine erfundene Wirkung ist.
Ich habe im Internet geschaut und bin auf das Fantasy-Computerspiel "Baldur's Gate" gestoßen, wo es Drachen und Schwertkämpfer gibt und der/das Vitriol offenbar als Zaubertrank wirkt.
Du siehst, ich kenne mich nicht aus damit.
Gern gelesen.
Grüße von gummibaum
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Hey eKy & gum!
Das sind mal wieder Zeilen, die keine lineare Geschichte erzählen sondern nur fragmentarische Assoziationen wecken (sollen). Der Titel korrespondiert dabei mit dem Oleander, der aufgrund seiner herzwirksamen, giftigen Inhaltsstoffe zu den Hundsgiftgewächsen gezählt wird. Darüber hinaus ist das wie gesagt nicht als "Rätselgedicht" aufzufassen, bei dem man per Recherche die einzelnen Bilder zu einer zusammenhängenden "Story" verbinden könnte. Fest scheint mir aber zu stehen, dass hier bestimmte Aspekte des dörflichen Lebens bzw. der Dorfbewohner kritisch betrachtet werden. "Süßes Vitriol" ist ein alter Name für die narkotisierend wirkende Substanz Diethyläther ("Äthernarkose") und wir "bleiben [dann im Dämmerlicht] zurück" ließe sich auch als "wir sind ein bisschen [geistig] zurückgeblieben" lesen, was sich wiederum mit der "Dummheit" in S2 verbinden lässt. Und das Warten darauf, dass "der Wind sich dreht" am Schluss ist auch eher ein etwas bedrohlich wirkendes, mehrdeutiges Bild.
Bei soviel kritischen Schwingungen sollte aber jetzt noch betont werden: Ich bin eigentlich selbst eher Dorfkind vom Geblüt und nicht wirklich der urbane Zeitgenosse (wenngleich auch unter Dörflern wieder ein bisschen zum Außenseitertum tendierend). Also unterm Strich bin ich nicht mit der "Stimme" dieses Gedichts gleichzusetzen und betrachte das Dorfleben durchaus differenzierter. :)
LG!
S.
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Aha.
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Okay.
Den Namen "süßes Vitriol" für den Stoff kannte nicht, ob ich mal länger damit gearbeitet habe und danach Blut/Leber-Werte wie ein Alkoholiker hatte.
LG g