die Lyrik-Wiese

Blumenwiesen => Drum Ehrlichkeit und Edelweiß => Thema gestartet von: a.c.larin am August 23, 2025, 06:21:16

Titel: Am seidnen Faden
Beitrag von: a.c.larin am August 23, 2025, 06:21:16
Am seidnen Faden hängt das Leben,
am seidnen Faden, Stück für Stück -
und wie auch immer wir dran weben:
Am seidnen Faden hängt das Glück!

Momente sinds, die es entscheiden,
schon dreht des Schicksals Gunst sich um:
Das Lachen wandelt sich in Leiden
und was erst klug erschien, wird dumm!

Am seidnen Faden hängt das Hoffen,
zerplatzt oft Zukunft wie ein Traum!
Lag sie verführerisch auch offen:
Im Handumdrehen schwindet Raum!

Was bleibt? Verbürgtes mag verderben,
da ist kein Halten und kein Trost!
Das Weiterleben wie das Sterben:
Am seidnen Faden ausgelost!
Titel: Re: Am seidnen Faden
Beitrag von: Erich Kykal am August 23, 2025, 09:21:44
Hi larin!

Wahre Worte. So vieles entscheidet der Zufall, dass es mich wundert, wie manche Menschen es dennoch intellektuell fertigbringen, der menschlichen Existenz einen tieferen Sinn im Universum unterzujubeln. Das Gehirn als Sinnsuchmaschine verbindet Punkte in einer Welt aus Chaos - und nennt es Ordnung, egal ob göttliche oder politische, philosophische oder emotionale. Der Mensch scheint das einfach zu brauchen, so wie das Kind die Mär vom Weihnachtsmann. Er ignoriert die Entropie, stellt ihr Glaube und Schaffenskraft entgegen, und scheitert letztlich doch an der eigenen Vergesslichkeit und Kurzlebigkeit.
Generation um Generation macht dieselben Fehler, kommt zu denselben dummen Schlüssen - wie oft schon hing die Welt am buchstäblichen seidenen Faden, bloß weil dumme Menschen auf dumme Menschen gehört haben?
Nun, du hast dein Gedicht sicher direkter gemeint, ohne meinen gesellschaftspolitischen Ballast - es zielt wohl auf unmittelbarere Lebensumstände, und wie hilflos wir ihnen gegenüberstehen. Nun, wie im Kleinen, so eben auch im Großen: Wir sind Ausgelieferte und bleiben es, egal wie sehr wir uns bemühen, das Universum zu ordnen. Und wo wir es doch mal annäherungsweise schaffen, wird es uns bald zu langweilig, erstickt es uns mit zu vielen Regeln und Einengungen - und wir rebellieren. Dabei schütten wir dann gern das Kind mit dem Bade aus und stellen uns freiwillig dem Chaos anheim, mit den sattsam bekannten Folgen.

Der seidene Faden der Geschichte, der seidene Faden des Einzelschicksals: Beständige Begleiter aller menschlichen Existenz.

Sehr gern gelesen!

LG, eKy
Titel: Re: Am seidnen Faden
Beitrag von: gummibaum am August 24, 2025, 21:04:13
Liebe Larin,

eine Art Memento Mori. In der Tat kann ein einziger Moment alles Bestehende und Erhoffte zunichte machen, unser Glück zerstören. Wir sollten darauf gefasst sein.

Sehr schön geschrieben.

LG g