die Lyrik-Wiese
Blumenwiesen => Wo Enzian und Freiheit ist => Thema gestartet von: Erich Kykal am Januar 10, 2011, 10:15:52
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Der Tag neigt sich zum Abend hin
und atmet aus in seinen Raum,
darin ich ein Belauscher bin,
der seinen Gang, begonnen kaum,
erlebt wie seinen schönsten Traum.
Die Schatten zögern noch, sie weisen
wie Finger nach dem Weg zur Nacht,
auf dem gen Osten sie mit leisen,
getönten, kühlen Schritten sacht
der Himmel Farben schläfern macht.
Die letzte Glut huscht die Tapeten
hinauf, an die sie Sterne schlägt,
und über irdischen Gebeten
wird mir das Funkeln, das sie trägt:
Die Sternennacht, die sie erflehten.
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Ein traumhaftes Naturgedicht, Erich!
Ich habe atemlos, auf den Fingerspitzen gehend, mitgelauscht.
Schön. Das Gedicht hat dynamik.
LG LachTräne
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Hi, LachTräne!
Die Dynamik entsteht hier vor allem durch den Wechsel des Reimschemas in der letzten Strophe:
S1 und 2: ABABB
S3: ABABA
Durch das "hängende" Ende der ersten Strophen (BB am Schluss) entsteht ein Gefühl des Übergewichts (3B und nur 2A), es treibt es den Leser rasch weiter, erst das Ende mit regelmäßigem Schema setzt einen Schlusspunkt.
LG, eKy
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Hallo Erich,
wahrlich : Du bist zu beneiden!
Jeder andere Sterbliche lebt bloß unter einem Himmel - aber du lebst gleich unter "Himmeln"! ;)
Oder hast du dich dem archimedischen bzw. dem pythagoräischen Weltbild verschrieben? ( Ich lese da gerade so ein gescheites Buch darüber )
Deine zauberhaften Bilder begistern mich immer wieder, da ist wirklich gut hineinfallen.
Mir kommt noch eine Idee dazu:
Wie wär es denn, wenn du für die dritte Strophe zum Ausklang und Abschwung die männliche Kadenz nähmest?
und über irdischem Gebet
wird mir das Funkeln, das sie trägt:
Die Sternennacht, die sie erfleht.
"Gebet" wäre ja auch irgendwie logischer, weil da nur ein einzelner ist, der die Sternennacht betrachtet.
Dann müsste man aber in der ersten Zeile auch neu "tapezieren"....hm hm, schwierig, schwierig.
Na, vielleicht kannst du trotzdem was damit anfangen..
LG, larin
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hallo Erich und Larin,
darf ich mich noch einmal einklinken? :)
a) du hast recht larin, prosaisch veranlagten menschen nehmen nur ein himmel wahr.
poeten - aber - sehen mehr, sie sehen drei- bis vierdimensional...
b) "gebet-erfleht" klingt in meinem ohr ein wenig zu hart...
liebe grüße
LachTräne
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Hi, larin und Cath!
Die letzte Glut huscht die Tapeten
hinauf, an die sie(-die Nacht) Sterne schlägt,
und über irdischen Gebeten
wird mir das Funkeln, das sie(-die Nacht oder die Gebete) trägt:
Die Sternennacht, die sie(-die Gebete) erflehten!
Cath hat recht. Dein Vorschlag, liebe Larin, klingt zu hart im weichen Strom der Zeilen. Mir ist die Sprachmelodie beim Dichten ja besonders wichtig, wie ich schon mehrfach erwähnte, und alles muss "Fluss" haben. Zur Verdeutlichung dessen, wie's gemeint war, habe ich in der fraglichen Strophe noch mal eingetragen, worauf sich die vielen "sie"s jeweils beziehen. Etwas unelegant, aber besser kann ich's nicht.
LG, eKy
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Nur kurz, da ich in Ele bin:
Müssen die Ausrufezeichen sein?
Punkte fände ich lapidarer, wuchtiger, betonender.
Später mehr!
cyparis
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Hi, cypi!
Nach reiflicher Überlegung gebe ich der deinen statt - wurde geändert.
LG, eKy
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Lieber Erich Kykal!
Hier mag pars pro toto stehen:
Gelänge es mir, wahrhaft zu loben wie ein Dichter:
Jedes Lob würde zu Hymnus!
cyparis
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...hehe... Cypi übertreibt doch ein wenig... :)
lasse dich nicht beirren. Aber die 1. Str. wirkt auf mich heute ein wenig zu monoton, zu leierhaft...
weiss nicht warum... :-[
LG LachTräne
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Hi!
Ach, lang, lang ist's her!
Darf man es glauben? - Hab gerade nachgesehen: Ich habe dieses Gedicht hier wohl selbst bisher übersehen! Es steht noch in keinem meiner Bücher! Keine Ahnung wieso!
LG, eKy
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Lieber Erich,
2011 war ich noch nicht hier, lese daher das wunderschöne Abendgedicht freudig zum ersten Mal.
Das Spiel von Licht und Schatten, von schwindenden Farben und wachsenden Grautönen, weckt in uns etwas Entsprechendes, und die Weite, die schließlich der bestirnte Himmel in uns auftut, lässt uns träumen und staunen.
Grüße von gummibaum
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Hi Gum!
2011 noch nicht hier? Mag sein, aber ich rechne dich dennoch fest zum hiesigen "Urgestein"! Allein schon des lyrischen und kommentatorischen Fleißes wegen! :) Von der poetischen Güte deiner Werke ganz zu schweigen ...
LG, eKy