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Themen - Agneta

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1
Wo Enzian und Freiheit ist / Kreide-Zeit
« am: August 18, 2019, 10:28:21 »
Kreide-Zeit

So oft hatte er seine Thesen an die schwarze Tafel seiner Welt geschrieben. In weißen Lettern:
Geht gerecht miteinander um, schützt die Natur, wehrt der Zerstörung durch Konsum, seht euch, nehmt euch wahr.
Er war jetzt sechzig. Immer wieder hatten andere seine Thesen weggewischt. Weggewischt mit diesem grüngrau melierten Lappen, der stets leicht faulig roch. Andere, die es besser zu wissen meinten oder die es gar nicht wussten oder die es nicht wissen wollten. Kollegen, Schüler, selbst der Schuldirektor. Von seinen Thesen blieben nur schlierig weiße Spuren, besonders, wenn die Mittagssonne in den Klassenraum fiel und die Tafel zu durchleuchten schien.
Sie legte unendliche dieser Spuren frei. Sie schlummerten in der Tiefe des dunklen Tableaus, als würden sie nur schlafen und als könne man sie jederzeit zurückholen. Er war jetzt sechzig, bald würde er in Pension gehen.
Eines Morgens kam ein neuer Kollege in den Klassenraum. Einer, dessen Kopf beim Laufen immer  leicht nach vorn gebeugt war, so, als wäre er eilig. So, als wolle er mit dem Kopf schon dort ankommen, wo er selbst noch nicht war.
Der Neue ging zur Tafel, nahm den Lappen, wischte wortlos. Akribisch. Fast lustvoll. Dann warf er ihm die Kreide zu und sagte: „Friss!“


2
Verbrannte Erde / Jammergedicht
« am: August 10, 2019, 10:36:58 »
Jammergedicht

Seitdem mein Hund gestorben ist,
ist wirklich nix mehr mit mir los.
Ich fühl mich leer, ich fühl mich bloß,
mein Körper reagiert mit List.

Er schickt mir Schmerzen, will nicht heilen,
er legt mich flach, setzt mich schachmatt.
Ich würde gern im Freibad weilen,
doch dazu bin ich viel zu platt.

War immer stark, kenn mich nicht wieder,
und meine Werke sind ein Graus.
So lege ich den Stift nun nieder
und knips das Licht im Flur noch aus.

3
Drum Ehrlichkeit und Edelweiß / Fadensalat (Aphorismen)
« am: August 06, 2019, 10:53:03 »
Fadensalat (Aphos)


Wenn zwei sich in der Wolle haben, stricken sie selten einen schönen Pullover daraus.

Die fadenscheinigsten Netze sind die gefährlichsten.

Die hungert sich zum Fädchen,
wirkt selten noch wie’n Mädchen.

Wer edlen Zwirn trägt, der braucht auch jemanden, der ihn bewundert.

Bei Selbstgestricktem weiß man wenigstens, weshalb es kratzt.

Zwei rechts, zwei links, eins fallen lassen
und selber sich dabei verpassen.

Wer den Seidenhändler umgarnt, endet nicht selten als Chinateppich.

Bei manchen Menschen ist die Masche Lebensphilosophie.







4
Wo Enzian und Freiheit ist / Die Beiden
« am: August 02, 2019, 09:11:20 »
Die Beiden

Sie säumten Stunden
sich zu einem Kleid,
das weit
genug war für sie beide.

Aus Seide lag es an, schuf Enge,
Gedränge – im Tumult
vernähten sie ihm Baumwollfäden,
zu zieren du zu nivellieren.

Sie kamen sich so nah,
dass sie sich fühlten,
sich kühlten ihre hitzgen Köpfe.
im Quell der Wortefedern,
so zart wie Haut, so duftig.

So luftig flog das Kleid
im Wind.
Er spinnt ein Sein,
das eignen Mustern folgt,
die ihm brillieren.

Und irgendwann
stand eins allein
im Kleid aus Baumwollzwirn und Seide,
das weit genug gewesen wär
für beide.

5
Im Gras wispert Hoffnung / Töchterchens Hände
« am: Juli 28, 2019, 09:26:02 »
Töchterchens Hände

Ich sah die müden Halme knicken,
den Herbst sie in die Tiefe drücken,
verdämmern jene blaue Nacht,
die ich voller Achmerz durchwacht.

Ich höre leis die Türe klicken
und seh die alten Tannen nicken
vorm Gartenfenster, mir ganz nah.
Du flüsterst lieb: Ich bin ja da.

Zum ersten Male bleib ich liegen,
wenn Tannen über Halmen wiegen,
die Herbstwind als zu schwächlich knickte
und doch mir deine Hände schickte,
Florence.



6
Das Blöken der Lämmer / Sprach-gewandt
« am: Juli 23, 2019, 08:29:41 »
Sprach-gewandt

Nach sorgfältigem Abwägen allen Für und Widers und einer lebhaften Diskussion kommen wir zu dem Schluss, dass des Pudels Kern ein Pudel ist.

Es ist kein Etikettenschwindel, wenn Eiswein ohne Eis serviert wird.

Die Todesfolge zu bestimmen, kann sich schwierig gestalten, da niemand weiß, was auf den Tod folgt.

Wenn man etwas an den Haaren herbeizieht, muss man nicht zwingend Friseur sein.

Wenn man einen Wäscheständer hat, kann das ein Zeichen dafür sein, dass man mal wieder bügeln sollte.

Wenn man sich in einem prekären Arbeitsverhältnis dumm und dämlich arbeitet, heißt das nicht, dass man es nicht vorher auch schon war.

Wer denkt, ein Chef der Notenbank muss musikalisch sein, der irrt sich.

Grabenkämpfe gibt es gelegentlich unter Nachbarn imWangerland. Dort schießt sogar der Salat.

Das Gemeine an der Amöbenruhr ist, dass Amöben sie nie bekommen.

Schon das Wort „Geldschein“ an sich zeigt , dass der Wert von Geld uns trügt.

Jagdhorn heißt leider nicht, dass der Jäger im Wald auf eine Gruppe radikaler Tierschützer traf…

Nach Analyse dieser Wortspielereien erkennen wir und halten zusammenfassend fest, dass des Pudels Kern durchaus auch ein Dackel sein kann.











7
Eulenspiegeleien / Tausend Mann und ein Befehl
« am: Juli 18, 2019, 09:32:33 »
Tausend Mann und ein Befehl (Parodie auf „Hundert Mann und ein Befehl“)

Irgendwo im deutschen Land
hat ’ne Frau die Chance erkannt,
von zu Haus und vogelfrei.
Tausend Mann und sie ist dabei.

Tausend Mann und viel Kalkül
und ein Weg, den nur Merkel will,
tagein, tagaus, wer weiß, wohin,
verkohltes Land einer Königin.

Ganz allein in dunkler Nacht
hat sie sich das ausgedacht.
Uschi geht und Gretchen heert.
Was hat uns das Stück gelehrt?

Tausend Mann und ein Befehl.
Ein Mal ging SPD nicht fehl.
Sie blieb stur und kriegt Niggelei.
Parlament, ach, wat biste frei!

Tausend Mann und ein Befehl,
und die Wahl ging so glatt wie Gel.
Unangreifbar und abrupt,
Akk, die katholisch truppt.

Ach, die Welt ist doch so schön,
das wird auch der Papst gern sehn.
Waffen segnete er immer schon,
Tradition ist eben Tradition.

Wohlbedacht schlägt Merkel zu,
heute die und morgen du.
Und so geht es Jahr für Jahr,
weil ihr Befehl Deutschlands Schicksal war.

Und ich hör die Krähen schrein:
Demokratie, nä, wat biste rein!





8
Im Gras wispert Hoffnung / Und durch
« am: Juli 13, 2019, 12:12:34 »
Und durch

Atmest dich durch –
schwommen hast du den See
aller Maßstäbe
fallen
so wie die Klappe der Heuchler.
Maz ab fordert dich:
Spiel deine Rolle!
Atmest dich
durch und siehst
keinen Grund.

9
Wo Enzian und Freiheit ist / Alleinerziehende Mütter
« am: Juli 07, 2019, 17:35:13 »
Allein erziehende Mütter

Was ist das?
Das sind Frauen, denen der Mann weggelaufen ist. Das sind Frauen, die keinen Mann halten können. Solche, die der Moralvorstellung der Katholiken nicht entsprechen und denen man dort einen Kitaplatz verweigert.  Seltsame Wesen, beängstigend irgendwie. Auf jeden Fall Schlampen. Bestimmt. Normal ist das doch nicht. Die müsste doch wieder einen Mann finden!
Ja damals im Krieg, da war das was anderes. Da war der gute Vater für einen Blechorden oder vielleicht auch für gar nix gestorben. Das war hart. Für die Frauen. Die waren dann alleine. Danach kamen die Frauen, die mit den Besatzern ins Bett gingen und dann ein Kind bekamen, dessen Vater zurück in sein Heimatland ging. Auch eine üble Sache Ja, was lassen sich die Weiber auch mit so was ein? Selbst schuld.
Dann kamen die 5o iger Nachkriegsjahre. Mutter blieb schön am Herd. Brav, angepasst kochte sie Vaddis Pudding von Dr. Floetker mit bester Milch und wusch seine Wäsche blütenrein mit Persiel.
Wenn damals eine Frau ein Kind bekam, das unehelich war, war sie gebrandmarkt für ihr Leben. Wie ein Stück Vieh.  Die Eltern verstießen sie und nicht selten musste sie in einem kirchlichen Heim leben, wo die Nonnen sie arbeiten ließen für Essen und Wohnen, sie malträtierten und erniedrigten. Moralischer war unser Land nie. Die Christmetten erleuchteten vereiste Vorwege von Kirchen, die die Menschen fest im Griff hatten. Malerisch. Arbeitssame Familien kauften sich eine Isetta. Familien – nicht allein Erziehende. Mann, war das Leben schön und so in Ordnung. So richtig in Ordnung. Bur allein erziehende Mütter hatten in der Idylle keinen Platz.

Dann kam meine Generation. Die Frauen trugen Jeans wie ein Kerl, sie sprachen wie ein Kerl und sie hatten die Haare kurz wie ein Kerl. Sie studierten. Sie protestierten. Verteilten Flugblätter gegen Krieg in Palästina und gründeten Frauenzeitschriften, in denen man keine Backrezepte fand, sondern politische Artikel, Artikel für Frauenrechte. Und sie suchten sich die Männer aus, die sie wollten. Vielleicht auch die Frauen, die sie wollten. Als Emanzen waren sie verschrien.
Bekamen sie aber ein Kind, ohne den dazu gehörigen Mann vorweisen zu können- ups. Dann wurde es schwierig. Dann waren sie  „gefallene Mädchen“. Oder man hörte solche Aussagen wie: Es gibt doch die Pille, muss doch heute  nicht mehr sein.
Die Vorstellung, eine Frau möchte ihr Kind austragen und nicht abtreiben, bloß weil der Mann das anders möchte, das war damals unvorstellbar. Und heute 2019? Heute sind die Frauen frei, zumindest solange bis AKK Bundeskanzlerin wird und der Papst Vizekanzler. Zumindest so lange, wie eine schräge AfD nicht regiert. Heute gibt es Kitas, Unterstützung und jede Menge Verständnis?
Aber jaaaa!
Wir nehmen ein Beispiel:
Eine junge Frau mit Abitur , gutem Examen und Arbeiststelle bekommt ihr Kind, obwohl der angehende Vater will, dass sie abtreibt. Sie wirft ihn raus. Sie studiert erfolgreich und arbeitet dabei. Finanzielle Einbußen und Karriereknick sind dennoch da, weil sie auf Grund der Betreuung nur halbtags arbeiten kann. Nachts und ab 16.00 Uhr haben Betreuungen geschlossen.
 Das Kind geht zur einer Tagesmutter und wenn die Urlaub hat, das Kind krank ist oder die Tagesmutter geschlossen hat wegen Noro, dann geht das Kind zu Opa und Oma. Falls es welche hat und falls die es machen. Der Staat sieht für solche Fälle keine Unterstützung vor. Kommt doch so gut wie nie vor!
Doch. Kleine Kinder in Gruppen sind anfällig und oft krank, Tagesmütter auch. Kann die Mutter nicht arbeiten gehen und lässt sich auf ihr Kind zu oft krankschreiben, dann bekommt sie die Kündigung. Und Vorwürfe, weshalb das Kind denn andauernd krank ist. Und wo denn der Vater ist. Was bleibt, ist Harz Vier
Dann ist sie Harz Vier, eine von den dicken Weibern, die man in Serien bei RTL sieht. Arbeitsscheues Gesindel. Bekommt sicher bald das nächste Balg. Das die Gesellschaft, für die meine Generation nicht gekämpft hat!
Dann kommt das Kind in die Kita. Sie hat ihren Job noch, wird aber gemobbt, weil sie öfters wegen Krankheit des Kindes ausfällt. Man hat sie eingestellt, obwohl sie allein erziehend ist.Man wusste das alles vorher und doch gibt es ein Problem bei Umstellung  von Tagesmutter zu Kita:
Zwei lange Monate steht das Kind ohne Betreuung da. Der Kitaplatz geht ab August, also nimmt die Tagesmutter das Kind nicht mehr. Die Kita macht aber im August Urlaub. Zudem muss der Kitabeitrag bezahlt werden, obwohl das Kind gar nicht hingeht! Dann muss das Kind im September in der Kita eingewöhnt werden, dh. Es geht 1- 3 Wochen nur 3 Stunden dorthin. Die Frau kann nicht arbeiten. Klingt kompliziert? Ist kompliziert.
Würde die Frau nun gekündigt, weil der Arbeitgeber das nicht akzeptiert, würde sie kein Arbeitslosengeld bekommen, weil sie ja dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung steht.
Wovon also soll sie leben? Harz Vier. Aber auch nur dann, wenn ihr das nicht als Selbstverschulden ausgelegt wird. Immerhin hat sie ja das Kind.
Das sind doch Einzelfälle. Nein, das ist Gang und Gäbe. Und dasselbe Problem tritt auch wieder auf beim Übergang von Kita zur Grundschule.
Aber das Gutekitagesetz!!! Ja, ist nichts von zu spüren in der Realität. Soweit zum Thema:
Allein erziehende Mütter können doch arbeiten gehen!

Fazit: Frauen sind irgendwie immer die mit dem Griff ins Klo. Politik wird von Männern gedacht und gemacht. Am besten ist es also doch, auch heute noch, wenn Frau schön Männchen macht und Denis, Kevin oder Maik einen Pudding von Dr. Floetker kocht, damit er bleibt, der Gute, damit er bleibt…

Ich habe als Mutter einer alleinerziehenden Tochter mein großes Haus verkauft, um sie finanziell und als Ersatzmama unterstützen zu können. Sie soll sich frei entwickeln dürfen und ihr Leben nach eigenem Gusto bestimmen, so wie ich es durfte, auch, wenn ich nicht alleinerziehend war.
Dafür hat sie mir das größte Geschenk gemacht, das ich im Alter noch haben kann: Meinen Enkel.
Ich tröste sie bei allen Diffamierungen, zahle ihren Arbeitsausfall und stecke mich selber mit Scharlach und Erkältungen an. Und ich tue es gerne. Mein Leben ist voll und bunt, manchmal auch anstrengend, aber Depri wegen Sinnlosigkeit des Lebens im Alter habe ich nicht zu befürchten. Jeder Tag ist eine Bereicherung für mich und meinen Mann.
Und wenn wieder mal irgendein Spießer vom Balkon brüllt, dass man auf der Hauswiese nicht Ball spielen darf, dann grinse ich und fühle ich mich vierzig Jahre jünger, wenn ich ihm den Stinkefinger zeige.

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Eulenspiegeleien / Isch wäd beklopp he
« am: Juli 05, 2019, 08:40:30 »
Isch wäd beklopp he

Ich hatte sieben Kaninchen, zu Hause. Im Haus. Teilweise habe ich gestörte und kranke Tiere vom Tierschutz zur Pflege aufgenommen. Dann hatte ich mich bereits verliebt und behielt sie. Alle waren lieb und wurden stubenrein. Kein einziges hat mich jemals angeknurrt.
Ich hatte sieben Kaninchen und ein Haus. Nun habe ich diese Wohnung. Hab sie mir schön renoviert, aber im Keller steht die Kacke von Jahrhunderten im Gulli. Die Leute, anfangs freundlich, sind angenervt von mir. Sie wollen kein Geld ausgeben und reagieren auf meine Sanierungswünsche grob: Dann hätten Sie die Wohnung eben nicht kaufen sollen. Nein, das konnte ich doch nicht wissen, dass die in einem solchen Gebäude wohnen wollen. Außen schick saniert und im Keller gären die Kanäle. Ich habe in meinem Haus immer alles in Stand gehalten. Eigentum verpflichtet.
Mein Mann hat die Couch zugenagelt, damit das neue, scheue Kaninchen, sich nicht dahinter verkriecht und in die Ecken pinkelt. Ich pflege vorne den Vorgarten. Habe Pflanzen gekauft aus eigener Tasche, ein Mandelbäumchen, eine Magnolie, Blumen. Das Unkraut habe ich um der Dornenhecke weggestochen, Sauarbeit. Sagt eine Nachbarin: Das hat doch der Gärtner gemacht. Ja, dann. Jetzt lass ich es. Und der Gehweg blüht in Grün. Es grünt, es grünt, wenn Spaniens Blüten blühen.

Nach dem Tod meines geliebten Hundes hier habe ich mir dieses Kaninchen gekauft. Ein angeblich verschmustes Tier, das sich bei der Besichtigung auch gleich an mich drückte. Ich war so voller Schmerz, dass mir nicht auffiel, dass das kleine Mädchen es aus Angst tat. Nicht, weil sie verschmust ist. Natürlich halte ich sie im Freilauf. Sie kann sich frei in der Wohnung bewegen. Aber sie sucht sich irgendeine dunkele Ecke, möglichst hinterm Wäscheschrank.  Sie läuft stetig vor einem fort. Ich hatte sieben Kaninchen, zweimal Babys, galt zu Hause als „Mutter aller Kaninchen“. Die Menschen kamen mich um Rat zu fragen, wenn sie Probleme mit ihren Kaninchen hatten.
Und meine Nachbarin sagt zu mir: Da müssen Sie auch zwei nehmen!
Die wissen alles hier. Alles.

Da die Wohnung nun klein ist, nur 70 qm,  lagere ich das Einstreu im Auto. Machte mich letztens einer an: Sie stehen hier schon 2 Wochen auf dem Parkplatz. Neidisch auf meinen Mercedes, für den ich verdammt lange gespart habe, will er das Ordnungsamt holen. Von der Karre  ist sowieso der Lack ab.
Garagengepflegt kamen er  und ich hier vor einem Jahr an. Verdreckt und voller Vogelkacke steht er nun da. Mein BM Kennzeichen habe ich behalten. Irgendetwas muss ich behalten!
Und weil es partout nicht schmusen will, beißt mich jetzt auch noch dieses Karnickel.

Zornig überlege ich, sie zu einem Freizeitbauernhof zu bringen, wo sie mit vielen Kaninchen in einem Außengehege laufen kann. Dann denke ich: Sie will frei sein. Nur frei sein. Genau wie ich. Und tu es nicht.
Nun schaue ich wieder nach einem Haus an der Nordsee, wo unsre ganze Familie Platz hat.
Und gehe raus und steche das Unkraut aus.


11
Verbrannte Erde / Versehentlich
« am: Juli 03, 2019, 08:11:38 »
Versehentlich

Versehendlich
Traf sie sein Blick,
glitt über sie hinweg,
blieb an den Gardinen hängen.

Versehentlich
Streifte seine Hand ihr Knie
und er sagte:
Die müssen mal wieder gewaschen werden.


12
Drum Ehrlichkeit und Edelweiß / Blender
« am: Juni 29, 2019, 11:39:12 »
Blender

Die Hitze drückt auf meinen Schädel,
ich fädele an meinem Leben.
Muster wurden vorgestrickt,
doch tickt der Mensch oft anders
als die Nadeln klappern.

Viele plappern um mich rum.
Ich höre stumm und hör doch nicht.
Bericht erstatten war nie meins.
Mein Berbertuch liegt längst im Keller.
Greller wird das Licht nicht mehr.

13
Drum Ehrlichkeit und Edelweiß / Mentalitätsfrage
« am: Juni 18, 2019, 09:16:45 »
Mentalitätsfrage

Geboren war ich in einem sauerländischen Bergdorf. Dort, wo Hase noch den Igel küsst, Schneewittchen noch die Zwerge und der Paster böse schaut, wenn du nicht genug in den Klingelbeutel wirfst. Ich behaupte mal, es wird dort immer noch so sein. Ich weiß es aber nicht, denn ich trat mit achtzehn die Flucht zum Studium ins Ruhrgebiet an. Nie wollte ich so werden wie die!
Die Ruhrgebietler mit ihrer geraden Art und ihrem freundlichen Humor gefielen mir gut und lehrten mich, dass man sein Leben auch anders bestreiten kann als die im Märchenwald. Nie wieder wollte ich zurück.
Dreißig Jahre lang lebte ich darum später im Rheinland, also im richtigen Rheinland. Jenes, was dort anfängt, wo die Menschen das Lebensmotto “Lewwe un lewwe losse“ vertreten. Der Düsseldorfer bezeichnet den Kölner und alles, was bis Voreifel hinter Köln hängt, als laut, primitiv, nervig lustig, übergriffig. Da grüßen sich gar wildfremde Leute, bloß, weil sie sich begegnen! Einfach so.
In Düsseldorf und allem, was bis ins Bergische davor hängt, tut man das nicht. Weil man es eben nicht tut! Darum bezeichnet der Kölner den Düsseldorfer als etepitete, aufgeblasen, unfreundlich, permanent muffig und sein Wohngebiet als „schäl Sick vum Rhing“.
Vermutlich stimmt beides so pauschal nicht, aber nun ist mir aufgefallen, dass meine Tochter, immer hin wohnhaft seit zehn Jahren „op de schäl Sick“ vum Rheinland, mich öfters, wenn wir unterwegs sind, leise rügt: Mama! Und ich weiß überhaupt nicht, was ich gemacht habe.
Ein paar falsche Rheinländer schauen mich jedoch indigniert und muffig an. Aber da die meisten sowieso immer indigniert und muffig schauen, sehe ich da für mich kein Problem.

Heute nun lädt uns meine Tochter zum Stadtfest in der City ein. Wir wohnen seit einem Jahr op de schäl Sick und es ist unser erstes Stadfest hier. Wegen Töchterchen und Enkel sind wir hergezogen, um mit ihnen zu leben, zu lachen und alle Probleme gemeinsam zu bestehen.  Ich freue mich auf das, was ich kenne: Mitsinge, Klatsche, lecker Esse un Drinke, Laache un einfach mol dä Alltagdriss verjesse. So war das beim Stadtfest bei uns immer, hunderte Minsche sprange vun de Bämke op un maachten mit, wenn de Musik spiellte, Tanzjruppen vum Fasteleer zeigten ihre Künste un alle wore jut drop.
Meine Tochter will zunächst allein auf dem Flohmarkt schnuppern. So gehen Opa und ich mit Enkelschen dorthin, wo de Musik spillt, wie so oft schon bei uns in Kölle. Die Band ist gut, spielt flott und hat leicht satirische Liedtexte, zwar nicht auf Kölsch, aber immerhin. De Kölner is ja nit anspruchsvoll. Enkelschen un Oma klatsche met, und sonst niemand.
 Die Leute klatschen nicht mal, wenn ein Lied zu Ende ist, blicken sauertöpfisch in der Gegend herum und unterhalten sich mit denen, in deren Begleitung sie gekommen sind. Ich finde das unfair gegenüber den Künstlern.
Der Enkel sieht mich fragend an. Ich sage laut und vernehmlich: Is ejal, Jung, Mir wolle Spass han. Der kleine Junge neben Enkelchen klatscht plötzlich auch und hinten, ganz hinten auf den Bänken klatschen auch zwei, drei Versprengte. Mein Lieber, die trauen sich was!

 Der Sänger schaut mich dankbar an. Opa singt nun mit. Schief wie immer und Enkelchen und ich lachen. Nur wir lachen. Sonst niemand.
 Die Oma des Enkels daneben sieht mich indigniert an und mahnt ihren Kleinen, man müsse nach Hause. Nein, Oma, protestiert der, Musik machen! Nein, antwortet die Oma, WIR machen keine Musik. Sie wirft mir einen Blick zu, wie ich ihn mir zum letzten Mal von meinem Grundschullehrer im Bergdorf eingefangen habe, als ich wieder einmal furchtbar renitent war und diesen ekelhaften Kakao nicht trinken wollte.
Jott, denke ich, wat für saublöde Lück he. Ihr Blick wendet sich auf  meine Brilliantohrringe. Passt wohl nicht so ganz  mit dem „Kölsche sind primitiv“. Nützt  nix. Die drei gehen. Obwohl das Kind weint.
Von nun an spreche ich nur noch Kölsch. Ich muss an die Migranten denken, die urplötzlich und ohne für Nebenstehende ersichtlichen  Grund in ihre Muttersprache wechseln. Obwohl Kölsch gar nicht meine Muttersprache ist, will ich ein Zeichen setzen.
Mein eigener  Mann, Norddeutscher, versteht mich nicht mehr und der Bandsänger ruft, ich solle mir ein Lied wünschen. Ich sage : Irjendwat vun de Paveier. Ok, lacht er, simmer de einzije Kölsche he? Die Band spielt und Enkelchen und ich singen lauthals mit. Sonst niemand.
Die Stimmung der anderen fünfzig ist im Keller. Ach, wat saach isch: Em Julli.
 Danach wünscht sich eine Dame nach langer Überwindung Happy Birthday . Für Birgit. Aus Gnaz singe ich nicht mit. Sonst auch keiner. Birgit kennt ja keiner. So ist das hier. Und schließlich muss ich ja irgendwann anfangen, mich zu integrieren.
Töchterchen kommt und meint. Na, habt ihr Spaß? Ja, sagt Enkelchen. Oma singt Kölsch und alle gucken blöd. Meine Tochter schaut ihren Sohn an und mahnt: Jona! Er lächelt und zuckt die Schultern: Sagt Oma.
Meine Tochter schaut mich an. Irgendwie kämpft in ihrem Blick etwas zwischen Stolz und Indigniertsein. Leise sagt sie: Mama.
Mein Banknachbar rückt gefühlte zwei Meter von mir ab. Ich fühle mich wie im Kindergarten und bin doch schockiert, wie sehr die hier Töchterchen in zehn Jahren schon verformt haben.
Ich denke an ihre Erzählungen über fünf Frauen in ihrem Bekanntenkreis, die alle an Depressionen leiden.
Gut vernehmlich antworte ich: Kind, loss dir dinge kölsche Frohnatur nit nämme!  Sonst  kannste he nit lewwe, sondern nur sterbe.“

Anm.

lewwe un lewwe losse - leben und leben lassen

schäl Sick vum Rhing - falsche, schräge Seite vom Rhein
 



14
Drum Ehrlichkeit und Edelweiß / Geliebter Feind
« am: Juni 15, 2019, 09:01:55 »
Geliebter Feind

Als er ihre Trauer spürte,
fühlte er sich bärenstark,
und es traf sie bis ins Mark,
dass er seine Klinge führte
just in dem Moment.

Manche, mag sie schwach erscheinen,
ist mit Vorsicht zu genießen.
Denn es mag die Wut ihr sprießen.
Dann nimmt sie sich gerne einen

so wie ihn, ihm Hohn zu singen,
und lässt gnadenlos ihn springen
über seine Klinge.

15
Erzählungen von Tausend und einem Halm / Von Ende und Anfang
« am: Juni 10, 2019, 10:26:50 »
Von Ende und Anfang

Die Geranien blühen. Pink, lila und weiß. In dicken Dolden leuchten ihre Farben in den Tag.
Ich hatte sie gepflanzt, als mein Hund schon krank war. Ahnend, wissend, dass Ende und Anfang nah beieinander liegen, Schwestern sind. Und doch fiel ich in das tiefe schwarze Loch, fühlte mich, als sei ich in einem Keller eingesperrt. Als habe jemand die Türe zugeschlagen.
Ich kannte den Tod. Oft schon hatte er mir Geliebtes entrissen und doch war es jedes Mal ein anderer Schmerz. Es gab einen, der die Sonnenstrahlen noch durchließ. Durch ein schmales, verstaubtes Kellerfenster. Und es gab diesen, der kein Fenster hat.
Nachdem ich anfänglich putzte und schrubbte, als müsste ich alles fortwischen, was an meinen lieben Dackel erinnerte, ließ ich später alles liegen. Mein Mann, sonst murrend bei der Hausarbeit, erledigte es, schweigend und sorgenvoll. Es gab keine Worte mehr, die nicht schon gesagt worden wären.
Die Blüten der Geranien vertrockneten nach und nach. Niemand von uns beiden schaute hin. Meine Tochter kam jeden Tag nach der Arbeit, als habe sie gerade in der Nähe etwas zu erledigen. Irgendwann sagte sie, während sie meine Hand streichelte: Mama, du musst mal die Geranien gießen. Hast dir doch so viel Mühe damit gemacht. Ich schaute ziellos und stumm auf zum Himmel. Wolkenschiffe tummelten sich dort. Sie alle haben kein Ziel, dachte ich. Mein Mann und meine Tochter sahen sich hilflos an.
Drei lange Wochen vergingen. Das Loch schien Treibsand zu enthalten. Er zog mich immer weiter in die Tiefe. Meine Tochter und mein Mann tuschelten. Ich saß daneben, unbeteiligt und schaute auf die vertrocknenden Geranien. Es berührte mich nicht. Ich nahm nicht mehr teil. Hatte mich ausgeklinkt u d in meinem Leid vergraben.
Am nächsten Tag trug Töchterchen eine Transportbox zur Tür herein. Schau, sagte sie in dem Tonfall, in dem man mit einem Kind spricht, das sich schwer verletzt hat. Schau, du liebst diese Tierchen doch so. Liebevoll nahm sie ein Zwergkaninchenbaby heraus und setze es mir auf die Brust.
Das erste Mal nach langer Zeit lächelte ich wieder. Ich stellte das weißbraune Mädchen auf und es gab mir einen Kuss auf die Nase. Die Kellertür stand plötzlich offen und ein schmaler Lichtstreifen fiel hinein. Ein junges Leben, bereit, ihre Lebensfreude und Liebe mit mir im Sommersonnenschein zu teilen! Sie würde viel lernen müssen, um frei wie alle meine früheren Kaninchen in der Wohnung laufen zu können. Und ich würde es ihr beibringen!
Seit Mümmis Ankunft ist der Schmerz tiefer gesackt. In eine sanfte  Mulde meines Herzens, wo er noch gelegentlich pocht. Und es doch zulässt, über die wilden Bocksprünge und Saltos von Mümmi zu lachen.
Mein Mann hat den Balkon mit Hasendraht abgesichert. Ich habe die Blumen ausgemährt und begossen und Mümmi hat Männchen gemacht und uns durch die Glastüre dabei zugeschaut.
Die Geranien blühen in pink, lila und weiß und im Kasten daneben wächst Petersilie. Denn ich weiß, dass Kaninchen sie lieben.


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