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Themen - Agneta

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1
Der Schwan

Der Schwan reckte den grazilen Hals und starrte einen winzigen Spatz an, der am nahen Ufer auf einem Buschzweig wippte.
Da sprach der Spatz keck: „Schwan, warum reckst du den langen Hals, wenn du nicht auffallen willst? Wer auffällt, macht sich angreifbar.“
Der Schwan pfiff verachtend durch die großen Nasenlöcher. Er schickte sich an, galant davon zu schweben, als zwei große Kieselsteine ihn nur knapp verfehlten. Mit Wucht geworfen von hinter Bäumen Versteckten, zogen sie im Sinken weite Kreise auf dem ruhigen See.
Der Spatz war nirgends mehr zu sehen.

2
Erzählungen von Tausend und einem Halm / Vorübergehend
« am: März 14, 2019, 14:01:38 »
Vorübergehend

Vorübergehend sind die Menschen, die Tage, selbst die Jahreszeiten. Menschen gehen aneinander vorüber und Anna fragte sich, weshalb das so sein musste.
Dort, wo sie bisher gelebt hatte, hatten die Menschen das nicht getan. Immer ein freundliches Wie isset, ein kleines Gespräch auf den Lippen. Hundebesitzer gingen gemeinsam, wenn sie denselben Weg hatten, auch, wenn man sich gar nicht kannte. Man redete, lachte und schaute den Hunden beim Spielen zu.
Hier liefen die Leute irgendwie voreinander fort. Hunde schnüffelten und jeder ging seiner Wege, wortlos oftmals. Dann spazierte man hintereinander her und Anna fragte sich, weshalb das so sein musste.
Heute wischt sie den Hausflur und die netten Nachbarn von oben drüber, mit denen Anna und ihr Mann sich gegenseitig zum Kaffee geladen hatten, ebenso. Es war gemütlich und nett gewesen, ein schön gedeckter Tisch, ein frischer Kuchen. Mit Lachen und Umarmung hatte man sich verabschiedet. Ab und zu war die Frau mit in Annas Wohnung gekommen und hatte die neueste Deko gelobt. Ein Umgang miteinander, den Anna mit ihren alten Nachbarn in Köln dreißig Jahre lang so gepflegt hatte. Nie hatte es Streit oder richtigen Ärger gegeben.

Kölsch spricht hier niemand, obwohl die Gegend auch zum Rheinland gehört und Anna scherzt nun, während sie den Wischkappen schwenkt, nach oben: Wie isset? Ihre Frau kütt jar ni mi Deko schauen, ist sie krank?
Da schnauzt der Mann, der letzte Woche noch den Kuchen lobte, den sie hinaufgebracht hatte, sie aufgebracht an: Wir wollen das nicht! Guten Tag, guten Weg, das wars!
Anna schaut ihn schockiert an und schweigt, während sie sich bückt, um den Wischlappen auszuspülen. Er ist braun, undefinierbar schmutzig, obwohl es im Flur gar nicht so schmutzig ausgesehen hat. Sie fühlt sich, als habe man ihr ins Gesicht geschlagen. Und sie fragt sich, weshalb tut der Mann das?
Ja, Anna hat sich vorher freundlich mit denen unterhalten, die der Nachbar von oben nicht mag. Sie haben wohl Streit. Aber in Köln war das so, man redete mit jedem und weshalb auch nicht. Anna hat hier keinen Streit. Es geht sie nichts an, was die beiden haben.
Sie hätte zurückbrüllen können, sie kann das durchaus. Aber sie bekommt kein Wort heraus.
So dreht sie sich herum und beginnt die Haustüre abzuwaschen, was vor ihrem Einzug hier niemand getan hat. Anna putzt, obwohl die Scheibe längst sauber ist und in ihrem Kopf überschlagen sich die Gedanken: Komm, Mädschen, jeder Jeck is anders, saajt mer in Kölle. Was hast du erwartet? In diesen alten Leuten deine liebenswerten Nachbarn wieder zu finden, mit denen du seit Jahren befreundet bist? Oder vielleicht klappt das ja auch einfach nicht mit Düsseldorf und Köln, scherzen die Karnevalisten ja seit jeher drüber… Wenn sie keinen engeren Kontakt wollen, ok, aber nee: Anbrüllen lassen, muss ich mich nicht!
Und plötzlich kommt der Nachbar die Treppe herunter und fragt, als wäre nichts gewesen: Ist der Müller wieder im Krankenhaus? Anna mag keinen Tratsch. Noch nie mochte sie das. Und jetzt hat der die Chuzpe, sie wieder anzuschleimen?
Anna wirft ihren Lappen in den Eimer, zu fest vielleicht und das dunkle Wischwasser spritzt hoch. Sie antwortet unfreundlich: Keine Ahnung und sieht den Mann dabei nicht an.

3
Zwischen Rosen und Romantik / Der Kleine
« am: März 12, 2019, 17:17:23 »
Der Kleine

Drei Tage bist du fort von Mama,
die an der fernen Uni sitzt
und über ihrer Prüfung schwitzt.
Du hast den Mund zum Kuss gespitzt

und flüsterst traurig: „Mama weg.“
Ich streichele dein zartes Köpfchen
und zwirbel dir aus Not ein Zöpfchen
ins Haar, da sehe ich das Tröpfchen

an deinem Auge, seidenfein
rinnt es herab. Willst tapfer sein,
kein Nörgeln, Toben oder Schrein.
Geliebtes Kind, du darfst doch weinen.

Ich wiege dich und summ das Lied,
das immer hier den Schlaf dir bringt.
Es nützt heut nichts, dass Oma singt
und dass ein Stern am Himmel winkt.

Der Hund zieht an der warmen Decke,
will trösten und will bei dir sein.
Er weiß, du bist doch noch so klein.
Ach, für drei Tage viel zu klein.



4
Drum Ehrlichkeit und Edelweiß / Menschenskizzen eines Tages
« am: März 02, 2019, 12:14:08 »
Menschenskizzen eines Tages


1

Es ist die fünfte Jahreszeit und als Vorortkölner setzen wir unsere Hüte auf, malen uns ein bisschen Tusche ins Gesicht und tauchen ein paar Tage ab in eine andere Welt. Einfach mal alles hinter sich lassen, schunkeln, lachen und aus vollem Halse singen. So kennen wir es, so lieben wir es. Und dazu brauchen wir keinen Alkohol.
Zum ersten Mal in der neuen Heimat, immerhin nur vierzig Kilometer von unserem bisherigen Wohnort entfernt, wollen mein Mann und ich heute schauen, was „op de schäl Sick“ so los ist zu Fasteleer.
Mein Federboahut in pink macht hier noch was her, und der türkischstämmige Nachbar vom Haus gegenüber, der ansonsten immer sehr zurückhaltend ist, lacht mich heute an. Vielleicht lacht er mich auch aus. Man weiß es nicht.
Er hat eine alte, runzelige Frau bei sich, die in orientalischer Landestracht gekleidet ist. Sie schaut mich erschrocken an, als ich freundlich sage: Ist die Mama zu Besuch gekommen? Er übersetzt nicht, sondern antwortet. Sie nix verstehen. Die alte Frau senkt den Blick. Ich schweige, fühle mich ein wenig hilflos.
Neben uns steigt ein Mann aus seinem Fiat, auf den in roten Lettern gedruckt ist: Rettungsgasse frei halten. Dankbar, der Situation entkommen zu können, spreche ich ihn an: Da ist aber einer besonders engagiert. Daraufhin hält er mir einen Vortrag, bei dem ich jeden Punkt bejahe und nicke. Natürlich ist es eine Schweinerei, wenn Autofahrer keine Rettungsgasse bilden und Menschenleben damit gefährden. Sollte viel härter bestraft werden. Ja! Auch der türkischstämmige Nachbar nickt.
Der Rettungsgassler hat sich in Rage geredet und stößt plötzlich aus: Ja, und unsere ausländischen Mitbürger können das besonders gut! Ich schaue ihn fassungslos an, der türkischstämmige Nachbar geht abrupt weiter, hört mich aber noch antworten: Naja, das können die Deutschen genauso gut.
Als wir ihn und seine Mutter überholen, tippt er mir freundschaftlich auf die Schulter und lobt: Schönes Hut. Und ich weiß nicht, was ich antworten soll.


2

Jetzt sind wir mit dem kleinen Enkel, den wir abgeholt haben, auf dem Weg zum Sessionsstart in den rheinischen Karneval. Um die symbolische Schlüsselübergabe des Bürgermeisters an den Karnevalsprinzen zu feiern, suchen wir uns ein Eiscafe am Rande der Bühne aus, wo man gut wird sehen können. Hunderte von Menschen hatten diese Idee wohl bereits vor uns. Es duftet nach gutem Kaffee und frischen Brötchen.
Ich frage ein älteres Ehepaar, ob wir uns zu ihnen setzen dürfen und die fein gekleidete, alte Dame  nickt lächelnd. Aber natürlich, haben wir genug Platz, sagt sie mit rollendem R und dem Dialekt, schlesisch vielleicht, ostpreußisch oder polnisch, der mir so vertraut ist. Ihr Blick, mit dem sie mich bedenkt, ist offen und herzlich. Muss Kleines doch gucken, ist doch scheen. Sie erzählt von den Waffeln, die sie bei diesem Eiskonditor immer mitnehmen nach hause, weil ihre eigenen immer so trocken würden. Ich erzähle von meiner Tochter, dass wir hierher gezogen sind wegen des Enkels. Der Mann schaut mich väterlich an.
So nett, sagt sie plötzlich und streichelt mir über die Wange. Eine Wildfremde streichelt mir über die Wange.
Der Rest der Menschen beschäftigt sich mit sich selbst, jeder mit dem, den er mitgebracht hat. Die Trumm schlägt, die Kapelle dröhnt. Obwohl kölsche Lieder gespielt werden, singt niemand mit. Die Leute kennen den Text nicht. Sie schunkeln nicht, haken sich nicht ein, obwohl es sich auch hier Straßenkarneval nennt. Ich wirbele den Kleinen zu Brings Hallelujah durch die Gegend und Opa küsst mich. Alles schaut.
Der Kellner bringt eine Pappschale mit Waffeln gut verpackt und die beiden alten Leutchen stehen auf. Ich sage: Bleiben Sie doch!-  Vielleicht, wir sähen uns wieder in Cafe, antwortet sie, bestimmt. Wir aus Kroatien. Und Sie? Ich lächle schweigend, weil die Antwort nicht wichtig wäre, und die alte Dame und ich drücken uns die Hände. Einen Moment lang muss  ich an meine schon lange verstorbenen Eltern denken, und wieder sticht da der Schmerz in mir.


3

Da es an einem solchen Tag illusorisch ist, in der Stadt einen Parkplatz zu bekommen, haben wir das Auto zu hause gelassen. Nach ein paar Stunden machen wir uns mit dem Bus auf den Heimweg. Unerwartet ist dieser sehr voll, als wir einsteigen. Der Schwerbehindertenvierer ist belegt und mein Mann bittet, ihm Platz zu machen. Zwei Jugendliche spielen ungerührt weiter an ihren Handys, eine dickliche Frau mittleren Alters schaut unbeteiligt aus dem Fenster. Nur eine alte Dame steht auf. Mein Mann ist aber schon weiter gegangen und ich lasse mich hundemüde auf den Platz rechts vom Gang fallen. Den kleinen Enkel nehme ich auf den Schoß, denke aber mit Schrecken an die kurvenreiche und bergige Strecke. Also platziere ich ihn um auf dem Sitz der alten Dame, klappe die Lehne herunter, dass er sich festhalten kann und reiche meine Hand über den Gang, um ihn abzusichern.
Zwei Gymnasiasten stehen im Gang und unterhalten sich über ihren Philosophiekurs. Der eine trägt einen riesigen Pizzakarton unter dem Arm, dessen Inhalt nach mehreren Kurven verrutscht und sein Cancankostüm bekleckert. Der andere zwirbelt seinen dichten, angeklebten Bart und lacht mitleidig. Freunde ganz offensichtlich.
Nach ein paar Haltestellen steigt ein Mittzwanziger ein und hängt sich an die Halteschlaufe direkt vor meinem Enkel, da er die Dickliche wohl kennt. Die, die für einen Schwerbehinderten nicht aufstehen konnte. Er hat sehen müssen, dass ich meinen Enkel festhalten möchte. Auf meine Bitte, ob er etwas rücken würde, reagiert er nicht. Auch beim zweiten Mal nicht. Ich brülle : Hallo, geht’s noch, Junge. Manchmal vergesse ich, wie alt ich bin.  Kackfrech schaut er mir ins Gesicht und die Dickliche auch. Ungerührt schiebe ich ihn zur Seite,  hole meinen Enkel auf den Schoß und blaffe: Dumm geboren und nichts dazu gelernt.
Die beiden Gymnasiasten schauen herüber und grinsen. Die beiden arabischstämmigen Freundinnen mir gegenüber blicken mich fassungslos an. Ich aber drücke den Kleinen, schnuppere an seinem Haar, zeige ihm durch die riesigen Scheiben des Busses die vorbei fliegenden Wolken am Himmel und summe: „Superjeile Zick“…


4
Töchterchen muss trotz Weiberfastnacht arbeiten. Darum haben wir den Kleinen ja allein mitgenommen. Die Zufahrtstraße zu ihrer Schule ist heute wegen Karnevalsanfahrt gesperrt und als Einbahnstraße ausgewiesen, was einen Umweg von mindestens zehn Minuten ausmachen würde. Der Parkplatz jedoch liegt direkt hinter der Einbiegung. Also entscheidet sie sich spontan, dennoch in die Einbahnstraße zu fahren und sich flugs einen Parkplatz zu sichern.
Als sie aus dem Wagen steigt, kommt eine türkischstämmige Frau auf sie zu. Aufgeregt nestelt sie an ihrem Kopftuch, das fast ihr gesamtes Gesicht verdeckt, ihr langer Mantel weht im Wind. Sie schreit: „ Einebannsterraße“.
Wie oft hat Töchterchen erlebt, dass diese Mitbürger auf irgendwelche Hinweise grundsätzlich mit Nix verstehen reagieren.
Sie ignoriert die Kritik und geht weiter. Die Dame aber folgt ihr. Ihr Zeigefinger schwingt in der Luft und sie schreit: Einebannsteraße, Einebannsteraße!
Töchterchen bleibt stehen, sie ist spät dran. In drei Minuten beginnt ihr Unterricht.
Sie hebt beide Arme und sagt : Nix verstehn, nix verstehn! –
 Du kein Deutsch? fragt die Dame irritiert. Polska, Polska, ruft Töchterchen zornig. Jak sie masc. Co slychac!.
Außer diesen Begrüßunsfloskeln, Überresten einer Freundschaft mit einem Polen, kann sie kaum ein Wort polnisch. Oh, sagt die Dame beeindruckt, ich nix Polkska sprecken. Dann  geht sie kopfschüttelnd fort mit den Worten: Nix integeriert, nix integeriert…




5
Im Gras wispert Hoffnung / Vater Rhein
« am: Februar 20, 2019, 10:01:49 »
Vater Rhein

Die Wellen ziehen sanfte Kreise,
als sprächen sie der Seele leise,
fast zärtlich und beruhigend nah.
Und niemand außer ihr ist da.

Die Sonne glitzert auf den Spitzen,
wo ungezählte Möwen sitzen.
Ein Bild, für einen Tag geliehen,
an dem die Schiffe weiterziehen.

Ganz plötzlich kommt ein Brausen auf,
die Wellen schlagen nun im Lauf.
Der Ponton schaukelt, klappert wild,
als würden Sehnsüchte gestillt.

Ihr Blick schweift ab ins ferne Weit,
als habe sie hier alle Zeit
der Welt. Genießt den rauen Wind,
grad so, als wäre sie noch Kind,
das Vater an den Händen hält.

6
Wo Enzian und Freiheit ist / Tide
« am: Februar 03, 2019, 11:10:30 »
Tide

Hat sich gedrängt im vagen Überfluss
Als kleiner Teil des großen Überhanges,
als Trittbrettfahrer eines Neuanfanges,
sich eingeleibt im wohlig warmen Regenguss.

Was sich verspülte zwischen Nacht und Tag,
sie niemals drängte an des Felsens Wände,
und fein gecremte Hände sprechen Bände
von dem, was nie in ihren eignen Händen lag.

Hat sich gedrängt und über, über fließt,
was ihr trotz Überhang doch nie gelang:
Das echte Neu im ewig alten Zwang,
das ihr die Flut nun vor die müden Füße gießt.

Für B.


7
Wo Enzian und Freiheit ist / Zeit nah
« am: Januar 27, 2019, 11:30:57 »
Zeit nah

Und als ich saß und träumte,
bewachte mich die Zeit.
Und als ich still erwachte,
trug ich ein Büßerkleid.

Und als ich lief und schaffte,
verlachte mich die Stunde
und drehte wie zum Hohn mir
noch schneller ihre Runde.

Und als ich Resümmee zog,
da machte ich die Fenster zu,
als sich ein Baum im Herbstwind bog
und dachte, dass die Zeit betrog.

Da nahm ich Hund und Wanderschuh
und scherte mich um gar  nichts mehr.
Und plötzlich lief die Zeit verquer
im Irgendwo ins Leer.

8
Eulenspiegeleien / Ich hab's meist nicht...
« am: Januar 24, 2019, 11:12:50 »
Ich hab’s meist nicht

Ich hab’s meist nicht mit Frauen.
Ich kann nicht wie sie schauen,
ich hab nicht ihre Ticks
und kenn nicht ihre Tricks.

Ich hab nicht ihre Themen,
da müsste ich mich schämen.
Sie klagen über Mann und Kind.
Verdammt, ich weiß nicht, was sie sind.

Ich brauchte nie Schmierage
und auch nicht Apanage.
Steck meinen Diamant
mir selber an die Hand.

Ich lieb mein Kind, den Hund,
Diätquatsch find ich Schund.
Ich liebe meinen Bauch
und den von Männe auch.

Jaja, ich bin ’ne Frau,
das weiß ich ganz genau!
Doch meine beste Freundin- cool-
ist männlich und seit ewig schwul.

9
Im Gras wispert Hoffnung / Das Geschenk des Lebens(Ghasele)
« am: Januar 19, 2019, 13:51:56 »
Geschenk des Lebens

Da war er, dieser Wimpernschlag.
Er schenkte mir den lichten Tag,
an dem die Schwere dieser Frage
nach dem Warum nicht auf mir lag.

Da war er, dieser kühne Blick.
Er führte Jahre mich zurück.
Zum Waldspaziergang, dir ganz nah
in Harmonie und Tochterglück.

Da war sie, diese sanfte Hand,
die mich so eng an Vater band,
die ich nach langer Zeit des Trauerns
in meinem Enkel wiederfand.


10
Eulenspiegeleien / Patrioten
« am: Januar 18, 2019, 14:15:50 »
Patrioten

Als sie von denen sich erfuhren,
da waren sie doch sehr erschrocken,
Die wandelten auf Nazispuren,
und das war schon ein harter Brocken.

Nein, nein wir sind nur Patrioten,
schrien die, drum spart euch diese Schoten.

Nun will der Staat die Bürger schützen,
lässt prüfen, ob die Nazis seien.
Herrjeh, was soll denn das noch nützen,
die Weste ist kariert, nicht rein.

Nein, nein, wir sind nur Patrioten,
schrein die, nicht schlimmer als die Roten.

Genau das hat die stark gemacht,
die Opferrolle, Außenseiter.
Der Höcke hat doch nur gelacht,
speit heiter seine Zoten weiter.

Die schrein, wir sind nur Patrioten
und haben Angst vor vollen Booten.

Und Merkel bleibt und was sie treibt,
ist hierzulande nicht verboten.
Längst haben die sich einverleibt
die Bürgerteile, die sich boten.

Die schrein, wir sind nur Patrioten
und Merz verpasste seine Quoten.

Wenn bei der Wahl die Blöcke kippen,
dann blässen sich auch Muddis Lippen
dann jubeln nur noch Patrioten,
ein ganzes Heer von Vollidioten
uns auferstanden von den Toten.




11
Drum Ehrlichkeit und Edelweiß / Und als sie ging
« am: Januar 10, 2019, 11:53:19 »
Und als sie ging

I

Und als sie ging, hing etwas wie ein Ahnen
um dieses Haus, das seelenleer und stumm
im Winde stand, als wolle es sie mahnen,
als frage es sie vorwurfsvoll, warum.

Und als sie ging, da schmerzten ihre Glieder,
ein jeder Blick tat ihrer Seele weh.
Sie wusste doch, sie käme niemals wieder,
denn eine Stimme in ihr drängte: Geh!

Denn immer wieder war sie so gegangen,
ganz ohne sich noch ein Mal umzudrehen,
die Tränen wie im Eiskokon gefangen.
Nein, niemals sollte diese jemand sehen.

Sie ging - der Wind war immer ihr Gefährte -
und ignorierte, was er sie einst lehrte.

II


Der Wind war ihr stets wie ein Freund gewesen,
so oft trieb er sie an, voranzugehen.
Sie konnte in ihn horchen, in ihm lesen,
doch diesmal konnte sie ihn nicht verstehen.

Nun bläst er immer stärker um den Wagen
und heult, grad so, als wolle er ihr drohen.
Das Lenkrad rollt um ungelöste Fragen,
als wäre sie vor irgendwas geflohen.

Und neben ihr ergießt sich tiefes Tal.
Der große Wagen wirbelt wie ein Blatt,
er schleudert quer. Sie riecht verschmortes Leder.

Ein Bild schwebt ihr, so sanft wie eine Feder:
Wie sie ihr kleines Kind zum ersten Mal
in jenes alte Haus getragen hat.









12
Eulenspiegeleien / Von Nuss- und andren Kackern
« am: Dezember 28, 2018, 10:00:54 »
Von Nuss- und anderen Kackern


Willst deiner Weihnacht du nicht schaden,
dann musst du nur die Leute laden,
die du sehr gern hast, die dich lieben.
Zur Weihnacht musst du einfach sieben.

Die andren, die Korinthen kacken,
die lass allein die Nüsse knacken
und sieh, die Weihnacht wird ein Fest,
wenn du all die nicht kommen lässt.


Inspiriert von meinem 3 j.-jährigen Enkel, der meine edle Weihnachtsdeko „Nusskacker“ nannte.

13
Erzählungen von Tausend und einem Halm / Herr Kunert
« am: Dezember 22, 2018, 13:00:26 »






Herr Kunert

Herr Kunert beugte sich aus seinem Fenster in der  zweiten Etage der vierstöckigen Mietwohnungsanlage. Er beugte sich weit aus dem Fenster, denn unten stand ein Umzugswagen. Mit gekräuselter Stirn beobachtete er die Kopftuch tragenden Frauen, die sich plappernd und lachend vor dem Wagen versammelten, bereit, in seine heile Welt einzufallen wie ein Heuschreckenschwarm.
Herr Kunert hatte immer alles gern im Blick, er wusste gern Bescheid. Und nun wusste er Bescheid. Mit einem Schlage wurde ihm klar, dass diese türkische Familie seine neuen Nachbarn sein würden. Und die Frau war schon wieder schwanger.
Geringschätzig verzog er sein Gesicht. Er mochte keine Kinder, auch keine Hunde. Harz-Vier-Empfänger, wie den Möller von ganz unten, der sommers für die Kinder ein Plastikschwimmbecken aufbaute und die Blagen mit Süßigkeiten abfüllte – den mochte er schon gar nicht. Alle Kinder hatte er aus dem Haus geekelt, sich bei der Verwaltung über zu viel Lärm beschwert, Schmutz und was Kinder sonst noch so machen.
Ein Mal hatte er sogar die Polizei geholt, weil ein Fahrrad tagelang im Kellerflur stand. Sowas geht eben nicht- dafür gibt es doch schließlich Fahrradkeller!
Von Alleinerziehenden hielt er auch nicht viel. Doch die Alleinerziehende, die ganz oben wohnte, die war anders. Anständig eben. Ging jeden Tag arbeiten, studierte noch und die Eltern kamen mit einem fetten Mercedes. Ihr hatte er sogar sein teures Laminat gezeigt und sie hatte wohl erzogen gelobt, wie schön seine Wohnung doch wäre. Ein Mal am Kindergeburtstag aber musste er doch oben klingeln, um zu fragen, ob es nicht etwas leiser ginge. Obwohl die Wohnung zwei Stockwerke über ihm lag. Aber irgendwie konnte er das Lachen im Hausflur nicht ertragen. Seine erwachsenen Kinder besuchten ihn nie, seine Enkel kannte er nicht. Seine Frau litt darunter, er nicht. Undankbare Blagen eben, man tut alles für sie und dann lassen sie sich nie wieder blicken..
Die fein gekleidete Mutter der Alleinerziehenden war an die Tür gekommen, als er geschellt hatte, um sich zu beschweren. Sie trug einen Brilliantring, der teuer war.. So was sah Herr Kunert sofort. Ja, bitte? hatte sie gesagt und es hatte sich angefühlt, als spreche sie zu einem Dienstboten. Ja bitte, Herr Kunert! Sie möchten doch meinem Enkel nicht den Geburtstag verderben? Dabei hatte sie auf der einen Seite einen afrikanischen Mischling im Arm und auf der anderen das kleine Geburtstagskind. Herr Kunert möchte dir zum Geburtstag gratulieren, denke ich, Mäxchen.  Und ihr Blick war vernichtend gewesen.
Herr Kunert hatte keinen Ton mehr herausgebracht und daran gedacht, dass ihr Mercedes größer war als seiner. Er stand vorm Haus. Mit Kölner Nummer, blau metallic, ein Schiff quasi.
Und doch hatte jedes Jahr zu Weihnachten ein Christstern vor seiner Wohnungstür gestanden mit einer netten Weihnachtskarte. Von der Alleinerziehenden. Ja, sie war anders. Aber vor der Tür von dem Möller stand auch einer. Und das ärgerte Herrn Kunert
Aber jetzt zogen hier neben ihm Türken ein. Und über ihm wohnten Serben. Immer freundlich, aber das Kind fuhr nachts mit dem Bobbycar durch die Wohnung und die Eltern lachten nur. Andauernd hatten sie Besuch und es war laut, sehr laut bis nach Mitternacht.
Doch als er die Verwaltung anschrieb, antworteten die ihm ganz frech, dass er sich nun so oft beschwert habe, dass es langsam genug sei.
Er hatte es der Alleinerziehenden erzählt, verzweifelt, denn die konnte es gut mit den Serben. Ob sie die nicht mal fragen könnte… Mitleidig hatte sie gesagt:“ Ja, Herr Kunert, jetzt ist es wirklich laut. Das tut mir leid für sie, aber die haben eben eine andere Mentalität. Versuchen Sie es doch einfach mit Freundlichkeit.“ Sie hatte wohl mit der Frau darüber gesprochen, als sie zusammen Tee getrunken hatten und serbischen Kuchen gegessen. Aber geändert hatte sich nichts.
Und nun zogen neben ihm auch noch Türken ein.
Daran musste Herr Kunert nun denken, während er am Fenster wahrnahm, dass immer mehr Verwandtschaft aus beladenen PKW stieg und lärmend und plappernd zum Hausflur strebte. Zwanzig Leute waren das bestimmt schon. Wie im Hühnerstall, dachte er und seine Schulter rechts verkrampfte sich. Und doch waren da auch die Worte der Alleinerziehenden, die ihn nicht losließen -  irgendwie.
Nach einer Weile und einem inneren Kampf öffnete er seine Wohnungstür. Gegenüber stand die Türe offen und er schaute neugierig auf die bunten Teppiche, die jeweils zu einer Rolle gewickelt, an der Flurwand lehnten. Ein dunkelhaariger Mittzwanziger sah ihn misstrauisch an. Guten Tag, willkommen… irgendsowas wollte Herr Kunert sagen. Etwas Freundliches eben. Bevor er jedoch dazu kam, hatte der Mann die Wohnungstür schon zugeschlagen.



14
Wiesengeflüster / Frohe Weihnachten
« am: Dezember 22, 2018, 12:59:51 »
wünsche ich allen Mitautoren. Macht es euch schön.
 LG von Agneta

15
Eulenspiegeleien / Pöttekieker
« am: Dezember 15, 2018, 19:36:21 »
Pöttekieker

AKK – das hört sich so an wie eine Luxusserie von Kochtöpfen mit Druckausgleich und Dämpfsieb. Töpfe. mit denen selbst der Dümmste kochen kann, in denen nie die Sauce anbrennt und von deren Rand sich jeder Fleck abwischen lässt, um spurenlosen Glanz spiegeln zu können.
Die ganze Familie wird mitgenommen. Der junge Bengel, der auf Figur und äußerliche Wirkung achtet. Da passt kein Span zwischen Gürtel und Hose.
Der eher empathielos wirkende, leicht patriarchalische Papa, der jeden Sonntag seinen Gulasch haben will und ansonsten hauptsächlich die Börsenkurse liest.
Bilderbuchkarriere, ein Topf mit vielen Deckeln, der immer eine Nasenlänge voraus ist.
Blank geputzt von allen Muddis oberer Schichten, die selbst mit drei Kindern Beruf und Karriere problemlos miteinander verbinden können. Bieder, verlässlich und echte deutsche Wertarbeit. Ein super ehrliches Weihnachtsgeschenk für jeden in diesem Land. Ein Muss sozusagen. Wie sagen die in den Verkaufsfernsehsendern immer? Ein echtes IT-piece.
Was fürs Leben, mindestens für die nächsten achtzehn Jahre.
Auf den Herd mit Induktion gehievt, ohne sich dabei die Finger zu verbrennen, von Schwiegermuddi, tritt dieser Topf nun an, die Suppe herunterzukochen, die diese angerührt hat.
AKK- alles andere als Gretchen, eher Angie, äh, Anni Karriere, Kirche , Kinder.

Die Homo-Verheirateten dürfen am Tisch leider nicht mitessen. Auch die Ärztinnen, die abtreiben, nicht. Das würde dem christlichen Nächstenbild von AKK nicht entsprechen. Was oder wer  aber ist denn ein christliches Vorbild? Die erzkatholische Kirche, die es bis heute nicht schafft, zu ihren Mißbrauchsverfehlungen zu stehen? Wie viele sind denn in Deutschland praktizierende Katholiken? Die Mehrheit sind doch Atheisten, Andersgläubige oder Protestanten. Back to the roots? Erzkatholisch und hinterm Mond?

In diesem  Suppentopf schwimmen bestimmt noch Markklößchen, selbst gemacht natürlich.
Solch einen Klops musste auch Merz schlucken. Er hatte außer Topfschlagen auf Aluguss nicht viel zu bieten. War wohl zu lange raus aus der Suppenküche, ihm fehlte das Fingerspitzengefühl für die richtige Würze.
Pikant jedoch der zweite Wahlgang und das Angebot, weiter mitkochen zu dürfen. Zum Zwiebelschneiden in Muddis Kochkabinett war er sich aber zu schade, machte auf Black Rock , lächelte und dachte:„Dann erstickt doch an eurer (Ucker)Marksuppe. Ich hasse Markklößchen. Schon immer!“
Wer nun  nicht verstehen will, dass ein Klassebraten besser im Gusstopf schmort als im Luxus-Alu-Topf, der braucht sich hinterher auch nicht über die Haare in der Sauce beschweren. Für alle Delegierten und die, die es werden wollen: Bon Appetit.
Und Muddi macht die Raute, lächelt, schlemmert ein Markklößchen und weiß:
Niemals geht man so ganz!  Wenn man den Deckel schön drauf hält.



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