Autor Thema: Auf der Rolltreppe  (Gelesen 177 mal)

AlteLyrikerin

Auf der Rolltreppe
« am: Juli 02, 2020, 16:56:36 »
Sie schwebte hinab,
er stürmte hinauf.
Viel Eisen am schmalen
Jünglingsleib.
Reichlich teurer Stoff
über den Rundungen
der Matrone.

Ganz spontan,
ein Grinsen
auf beiden Gesichtern.
Wir wussten um unsere
kunstvolle Tarnung,
spielten, ohne Gage,
in derselben Inszenierung.

Erich Kykal

Re: Auf der Rolltreppe
« Antwort #1 am: Juli 02, 2020, 17:45:49 »
Hi AL!

Soll das eine Art Gleichnis sein? Wenn ja, verschließt sich mir die Bedeutung völlig. Eine Theaterinzenierung, okay - aber was soll dann der Titel "Auf der Rolltreppe"? Dabei denke ich an Supermärkte, Shoppingcenter oder Kaufhäuser, Flugplätze, U-Bahnstationen oder Bahnhöfe - aber sicher nicht an eine Theaterbühne!

Sollte man diese Verse jedoch nur im Zusammenhang mit einer bestimmten Vorgeschichte verstehen können, als "Insider" sozusagen, sei ganz allgemein die Frage erlaubt, welchen Sinn Gedichte haben sollen, die sich dem Gros der Leserschaft aufgrund des bewusst inszenierten Infirmationsdefizits gar nicht wirklich vollständig erschließen KÖNNEN!

Darf der Leser rätseln, damit ein Autor mit einem subtilen Macht- und Kontrollbedürfnis sich daran ergötzen kann (Wie gesagt: allgemein gefragt - nicht, dass ich DIR hiermit niedere Beweggründe unterstellen wollte!)? MUSS der Leser extra nachfragen, um gnädig in den Genuss der Auflösung kommen zu dürfen? Man fühlt sich wie ein Bittsteller, oder wie ein Schulbub, der nachfragen muss, weil er nicht verstanden hat, was der Lehrer erklärt hat - kurz, man kommt sich blöd vor, und man fragt sich natürlich, welchen Grund der Autor gehabt haben mag, so kryptisch zu schreiben und dann diesem Rätsel keinerlei klärende Erläuterung beizustellen.

Welchen hattest du?  ;)

LG, eKy

Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Auf der Rolltreppe
« Antwort #2 am: Juli 02, 2020, 20:17:04 »
Liebe AlteLyrikerin,

eingefangen ist der Moment, wo sich ein junger Mann und eine ältere Dame, auf Rolltreppen in entgegengesetzte Richtungen fahrend, begegnen. Bei ihr geht es abwärts, und sie trägt die unvorteilhaften Fettrollen in vornehmer Gewandung versteckt. Bei ihm geht es aufwärts, und er hat den ungelenken Körper urch Metallringe und Piercings aufgemotzt. Jeder durchschaut die Tarnung des andern und lächelt, weil er sich darin selbst begegnet.

Das Gedicht gefällt mir.

LG g   

Agneta

Re: Auf der Rolltreppe
« Antwort #3 am: Juli 02, 2020, 20:26:10 »
Gum, du bist Interoretationskönig. ;D
 Der zweite Vers gut, aber das Eisen, da dachte ich schon es sei ein Ritter... :)
Matrone finde ich abwertend. Warum nennt man eine dicke Frau Matrone?
Man könnte ja auch eine düüre, alte Oma nehmen, warum es am Körperumfang festmachen, das Altern und damit werten?
So wie Gum es interpretiert, finde ich den Ansatz und den Gedanken des Werkes super, AL, aber ich würde es etwas anders beschreiben und nicht werten.
LG von Agneta

Erich Kykal

Re: Auf der Rolltreppe
« Antwort #4 am: Juli 03, 2020, 01:00:15 »
Hi nochmal!

Gummibaum ist wohl eindeutig der bessere "Interpretierer" als ich! Jetzt wo ich seine Deutung gelesen habe, wundere ich mich, wie ich überhaupt auf "Theaterinszenierung" kommen konnte ... obwohl, so fern liegt das nicht, denn auch Agneta dachte bei dem "viel Eisen" an eine Ritterrüstung. Dazu solte man wissen: Piercings sind nie aus Eisen, das würde im Schweiß rasch rosten. Man nimmt Edelmetalle oder Nirosta-Stahl dafür, natürliche Materialien von Knochen bis Holz oder Horn, oder Kunststoffe. Etwas irreführend also die Bezeichnung, vor allem für jemanden, der - wie ich - die Sprache wie ein exaktes Skalpell geführt sehen will.

Ich bleibe im Großen und Ganzen bei der Grundproblematik hier: Der Schauplatz bleibt undefiniert, die Wortwahl erklärt das Set-up zu wenig, deshalb scheinen Titel und Inhalt nicht zusammenzupassen.
Und ich bin halt kein Deutungsgenie wie Gummibaum!  ;) ::) Mea culpa also vielleicht, aber ich erbitte mildernde Umstände aufgrund der Umstände ...  O0

LG, eKy
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Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

AlteLyrikerin

Re: Auf der Rolltreppe
« Antwort #5 am: Juli 03, 2020, 11:32:56 »
Herzlichen Dank an alle KommentiererInnen!


Hi Erich,
von "culpa" kann gar keine Rede sein, aber auch nicht davon, dass ein "Interpretationsgenie" für das Verstehen der Verse erforderlich war. Durch den Titel ist der Ort des Geschehens schon angedeutet. Eine Rolltreppenbegegnung ist keine lang andauernde Angelegenheit, sondern ein Moment, der mit wenigen Worten gezeichnet werden muss, damit seine Flüchtigkeit und das außergewöhnliche Aufblitzen eines gegenseitigen Erkennens nicht zerredet wird. Dass eine ältere Frau sich mit Piercings nicht auskennt, ist eher normal. Daher verwerfe ich die Erwägung wieder, ob es besser sei, statt "Eisen" "Metall" zu schreiben.
Meine Auffassung von lyrischer Sprache ist offenbar eine andere als Deine. Den Begriff Skalpell würde ich nicht verwenden. Schneidet ein Skalpell auch nur einen Millimeter daneben, kann das verhängnisvoll sein. Das Skalpell steht also für äußerste Präzision. In der Lyrik nutzen wir aber eher, so denke ich, das Changierende der Sprache. Ihre semantische Vielfalt, ihre mehrdeutigen Bilder, ihre aus Mythen und tiefenpsychologischen Schichten stammenden Bezüge.


Lieber gummibaum,
dass Du als Dichter  der amoris laetitia die "Rundungen" einer Matrone als Fettpolster deutest, enttäuscht mich schon ein wenig. Matrone bezeichnet, laut Lexikon, eine "ältere, ehrwürdige Frau", und ist abgeleitet von matrona, der Ehefrau eines römischen Bürgers. Die Rundungen der Matrone können also durchaus in einer stattlichen Büste und ähnlichen weiblichen Rundungen zu finden sein. Vielleicht nicht mehr so zart und straff gezeichnet wie bei einer Jugendschönheit, aber immer noch schön.

Liebe Agneta,
du siehst, meine Verwendung des Begriffes Matrone hat gar nichts Abwertendes. Der "böse" gummibaum hat's so verstehen "müssen". Wir wollen es aber nicht überbewerten, oder?

Herzliche Grüße Euch allen und nochmals Dankeschön für Eure Rückmeldungen.

Erich Kykal

Re: Auf der Rolltreppe
« Antwort #6 am: Juli 03, 2020, 12:48:15 »
Hi AL!

Die Piercings aus Unwissenheit der dicken Dame als "Eisen" zu bezeichnen, würde nur dann funktionieren, wenn das Gedicht dieselbige als LyrIch verwendete. Dies ist aber nicht der Fall. Das Werk erzählt die Begebenheit aus neutraler Erzählersicht. Daher kann dieses Argument nicht bestehen.

Und die Verständnisverscherungen bei gerade diesem Werk zeigen ja allerdeutlichst, wie wichtig es ist, die Sprache sauber und exakt wie ein Skalpell zu benutzen.  ;)

Ich bin selbst sicher nicht perfekt darin, aber wenn ich schreibe, denke ich mir bei jeder Wendung, bei jedem lyrischen Bild: Kann jeder Leser das nachvollziehen? Ist es so formuliert, dass der rote Faden nicht reißen kann? Kann sich jeder in meinen Zeilen orientieren, ausrichten und kallibrieren? Mache ich deutlich, wovon die Rede sein soll?

Mehrdeutigkeiten sind durchaus okay - wenn der Leser klar abschätzen kann, was Metaeebene sein soll und was nicht. Sobald man als Leser bei einem Gedicht das Gefühl hat, in der Luft zu hängen, den Faden zu verlieren, nicht zu wissen, worum es geht - hat meist der Autor die Sprache nicht richtig angewendet, es ist ihm nicht gelungen, seine Intention so zu formulieren, dass sie klar beim Leser ankommt, selbst wenn es um surrealistische Arbeiten geht. Dann ging nämlich die Message verloren, DASS es mehrdeutig oder surreal sein soll.  ;)

LG, eKy
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Eisenvorhang

Re: Auf der Rolltreppe
« Antwort #7 am: Juli 03, 2020, 12:55:33 »


Ich bin selbst sicher nicht perfekt darin, aber wenn ich schreibe, denke ich mir bei jeder Wendung, bei jedem lyrischen Bild: Kann jeder Leser das nachvollziehen? Ist es so formuliert, dass der rote Faden nicht reißen kann? Kann sich jeder in meinen Zeilen orientieren, ausrichten und kallibrieren? Mache ich deutlich, wovon die Rede sein soll?



Das ist bei mir anders, ich versuche immer so zu schreiben, dass ich Sicherheit darin gewinne, das auszudrücken, wie ich es empfinde oder wahrnehme und dann freue ich mich, wenn es auf Resonanz stößt.
Aber oft, ja, bleibt diese auch aus. Es gibt aber Schlimmeres! :)
Fleisch, das wie eine Schuhsohle ist beispielsweise.

vlg

EV

Erich Kykal

Re: Auf der Rolltreppe
« Antwort #8 am: Juli 03, 2020, 13:08:44 »
Hi EV!

Ich würde mit Freuden täglich ein Schuhsohlensteak verzehren, wenn ich dafür Resonanz garantiert bekäme!  ;D Warum schreiben wir denn hier, warum tun wir uns das Risiko von negativer Kritik, Streit und seelischer Verletzung an, wenn nicht für das wundervolle Gefühl, vielleicht etwas von (noch so geringer) Bedeutung und Dauer geleistet zu haben, wenn man unser Schaffen registriert, lobt und dankbar dafür ist?
Ich jedenfalls grinse jedesmal innerlich wie ein Honigkuchenpferd, wenn mir jemand begeistert schreibt, wie toll meine Arbeit wäre! Das tut so gut, das baut auf und gibt mir die Kraft, weiterzumachen. Ich schäme mich nicht dieser Bedürftigkeit, sie ist menschlich und sie macht mich menschlich.  :)

LG, eKy
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gummibaum

Re: Auf der Rolltreppe
« Antwort #9 am: Juli 03, 2020, 14:01:05 »
Liebe AlteLyrikerin,

das ist ursprüngliche Bedeutung von Matrone. Aber heutzutage...

LG g

 

Agneta

Re: Auf der Rolltreppe
« Antwort #10 am: Juli 03, 2020, 14:03:05 »
@AL Also Matrone ist heute eindeutig mit negativer Konnotation belastet. Eine fette Matrone. Altehrwürdige Frau, nee, das meint man heute damit nicht. In der Diachronie verändern sich Sprachdeutungen. Siehe Weib, mhd. Wib.. neutral Frau
später Weib-Ehefrau, heute ein Schimpfwort.
Mit dem Piercing, das nicht aus Eisen ist, da hat Erich recht.
LG von Agneta

AlteLyrikerin

Re: Auf der Rolltreppe
« Antwort #11 am: Juli 06, 2020, 12:08:43 »
Liebe Agneta,


warum sollen wir das Wort Matrone denen überlassen, die es missbraucht haben. Würden wir mit allen worten so verfahren, dann hätten wir Dichter bald nur noch eine sehr eingeschränkte Auswahl. :D
Herzliche Grüße, AlteLyrikerin.