Autor Thema: Die Ohnmacht (Fortsetzung von Das Weihnachtsgefühl)  (Gelesen 56 mal)

Agneta

Die Ohnmacht (Fortsetzung von Das Weihnachtsgefühl)
« am: August 01, 2020, 08:45:00 »
Die Ohnmacht

Immer wieder schaue ich mir im Internet die Fotos von Lotti an. Lotti, die ich jetzt schon liebe und von der ich nichts weiß. Nichts.
Sie sieht mich vom Bildschirm an. Ihr Blick schlägt Wurzeln. Bleibt. Ich schwelge im Weihnachtsgefühl und doch ist plötzlich noch etwas anderes da. Es schiebt sich zwischen uns, drängelt fort, was licht und warme war. Ich sehe den Verband an ihrem dünnen Hals. Immer wieder schaue ich hin. Samstag holen wir sie. Natürlich holen wir sie!
Die Frau von der Vermittlungsorganisation hat mir erzählt, dass sehr viele Hunde in Ungarn an Ketten leben. Dass sie schon acht Wochen alte Welpen an einer Kette hat liegen sehen. Draußen zwitschern Vögel, flattern aufgeregt, fliegen fort. Als wollten sie das Weihnachtsgefühl forttragen. Irgendwohin, wo ich es nicht mehr fassen kann.
Du kannst keinen Kettenhund nehmen, warnt eine Stimme in mir. Wegen des Enkels nicht und überhaupt. Du weißt nicht, wie sich solch ein Tier entwickelt.
Ich denke an Moritz, einen Pudel-Cocker-Mischling, den ich als Pflegehund aufnahm. Er trug eine eitrige Wunde, an die er niemanden heran ließ. Er knurrte und biss. Von mir ließ er sich eincremen, verbinden, auch zu meiner damals fünfjährigen Tochter war er lieb. Nur meinen Mann konnte er nicht leiden. Sein Besitzer im Rollstuhl hatte den Moritz geschlagen und getreten. Das war seine Geschichte. Die Geschichte ist wichtig, um den Hund zu verstehen, ihm helfen zu können. Moritz blieb ein Jahr bei uns, bis er eine Endstelle fand. Von Lotti weiß ich nichts. Gar nichts. Und damals war ich jung, stark, sah es locker. Und ich vertraute Moritz.
Die Vögel zwitschern wieder. Als hätten sie mir etwas zu sagen. Weihnachtsgefühl, wo bist du?
Bilder ziehen an meinem inneren Auge vorbei von Bobby, dem zwölf Jahre alten, kranken Rauhaardackel, den wir spontan aus dem Tierheim mitnahmen. Eigentlich wollte ich dort nur meine alljährliche Spende abgeben, da lief er mir entgegen. Er hatte kein einziges Haar an sich, sah aus wie ein chinesischer Nackthund. Er hatte bei einem Alkoholiker gelebt und war zwangsenteignet worden. Seine Bandscheiben waren geschädigt von Schlägen und er zog ein Beinchen nach. Das war seine Geschichte. Aber seine Augen! Seine wundervollen Augen fingen mich ein. Sein Blick grub sich tief in meine Seele und ich nahm ihn ohne Zögern auf den Arm. Von irgendwo schallte eine entsetzte Stimme: Um Gottes Willen, tun Sie den runter! Der beißt alles und jeden, ist aus dem Zwinger entwischt! Ich knüddelte  Bobby und fragte ihn; Das tust du doch nicht, oder? Und ich kaufte ihn. Vom Fleck weg.
Er blieb jedoch schwierig für den rest seines Lebens. Verstand sich weder mit anderen Menschen noch Hunden. Nur zu uns war er lieb. Zu uns allen. Und bald sah er aus wie ein richtiger Dackel. Seine Haare wuchsen wieder, seine Seele heilte. Dennoch knurrte er den Nachbarn an, man konnte ihn nie ableinen und er fiel den Gärtner an. Aber wenn ich Klavier spielte, dann lag er neben mir und genoss Mozarts Sonaten. Ich kannte seine Geschichte, konnte ihn gut einschätzen . Und  ich war jung, ich war stark, ich nahm es locker , vertraute Bobby.
Draußen beginnt eine Rüttelmaschine zu klappern. Seit Tagen werden die mit dem Kanalbau nicht fertig da drüben. Der Lärm zerrt an meinen Nerven.
Wieder schaue ich auf die Bilder von Lotti im Internet. Auf den weißen Verband um ihren Hals. Ihr Blick ist keck. Gerstern abend sagte meine Tochter: Mama, du hast immer gesagt, du musst den Hund sehen, spüren und jetzt willst du einen vom Foto kaufen? Und du bist keine Dreißig mehr!“ Ich antwortete nicht. Und nun breitet sich ein ungutes Gefühl in meiner Magengegend aus. Ja, ich hatte zugesagt für Lotti. Ein bisschen hatte man mich unter Druck gesetzt: Sie hat viele Bewerbungen. Wenn Sie jetzt nicht wollen, dann nimmt jemand anders sie.
Lotti hat keine Geschichte. Ich weiß nichts über sie. Gar nichts. Und ich bin nicht mehr jung, nicht mehr so stark und ich sehe auch vieles nicht mehr locker.
Zu meinem Mann sage ich: Die Transporter sind doch klimatisiert , oder? Am Samstag sollen es 35 Grad werden. Was ist, wenn die da einen halbtoten Hund aus dem Wagen holen, Ich habe vor drei Monaten mein sterbendes Kaninchen im Arm gehalten, vor einem Jahr meinen Hund. Ich schaffe das nicht noch mal! Erstaunt sieht er mich an. Ich denke, danach hast du doch gefragt?! Schuldbewusst schaue ich zu Boden. Nein, hatte ich nicht. Ich wollte es nicht wissen. Wollte alles Negative ausblenden. Hätte ich früher nie getan. Ich werde alt.
Plötzlich fällt es mir auf. Als wäre es eine neue Tatsache. Als käme es völlig unvorbereitet.
Die Zweige der Bäume wedeln im Wind. Es sieht aus, als wollten sie sich schlagen. Die Luft ist schwül und drückend. Ein Gewitter zieht auf.
Mein Mann flüstert bedrückt: Ich wollte es dir nicht ausreden. Du warst so glücklich…“
Die Rüttelmaschine hat aufgehört. Irgendjemand hat einmal zu mir gesagt:  Das Leben setzt uns im Alter Grenzen, die schmerzhaft sind, die uns ohnmächtig machen und die wir doch akzeptieren müssen.
Schweigend schaue ich meinen Mann an. Traurig. Er nickt und ich greife zum Telefon.





AlteLyrikerin

Re: Die Ohnmacht (Fortsetzung von Das Weihnachtsgefühl)
« Antwort #1 am: August 01, 2020, 12:17:44 »
Liebe Agneta,


ja, das ist sehr schwer; die Grenzen, die das Altwerden uns setzt zu akzeptieren. Du hast das sehr nachvollziehbar und einfühlsam beschrieben. Ob es nun um einen schwer traumatisierten Hund geht, den man sich nicht mehr zutraut, oder um die Angst vor dem Pflegeheim, den Verlust des autonomen Handelns, es erfordert Reflexion und lässt uns in Traurigkeit zurück.
Vielleicht kannst du versuchen an die Tiere zu denken, denen Du für eine Zeit eine heilsame Heimat bieten konntest, einen Ort, an dem sie beschützt waren.
Herzliche Grüße, AlteLyrikerin.

Erich Kykal

Re: Die Ohnmacht (Fortsetzung von Das Weihnachtsgefühl)
« Antwort #2 am: August 01, 2020, 16:59:43 »
Hi Agneta!

Die Entscheidung fühlt sich richtig an, aber das wird dir kein Trost sein, denn immer wird die Frage nachschwingen: Und was wäre gewesen, wenn Lotti trotz aller dagegen sprechenden Anzeichen ein ganz lieber, pflegeleichter Hund gewesen wäre? Und wäre sie bei mir glücklicher geworden als dort, wo sie nun hinkommt?

Bei aller Vernunft scheinen wir Menschen uns dennoch wie gewollt mit schlechtem Gewissen und Zweifeln zu quälen, mit einem "was wäre, wenn ...", das unsere Entscheidungen hinterfragt, uns selbst hinterfragt und uns Irrtümer suggeriert, wo ein Teil von uns sie sehen möchte.

Letztlich geht es um uns, wie WIR uns mit dem fühlen, was wir entschieden haben, und wie sicher wir uns dabei sind oder zu sein glauben. Wir können nicht die Verantwortung und Last der ganzen Welt tragen, nicht jedes Leid trösten, nicht jede Geschichte gut enden lassen. Das müssen wir akzeptieren, ohne uns schlecht oder schuldig dabei fühlen zu müssen.

In deinem Falle: Genauso gut hätte es sein können, dass dieses sehr wahrscheinlich geschädigte Tier dich überfordert, misstrauisch und bissig bleibt und womöglich jemanden verletzt, der dir teuer ist. Hättest du aus Verantwortungsgefühl für das Tier danach immer noch an ihm festgehalten? Was hätte es dich gekostet?

Nein, ich denke, du hast dich in diesem Falle richtig entschieden. Völlige Sicherheit werden wir Menschen mit unseren Entscheidungen ohnehin nie haben, aber wir gewichten Wahrscheinlichkeiten und Potentiale und versuchen den besten Weg zu gehen, für uns, füreinander, zuweilen für alle.

Ob du nunmehr den Tieren ganz entsagst oder dich um ein liebevoll aufgezogenes Junges bemühst, dessen Urvertrauen intakt ist, bleibt dir überlassen. Müssen es denn immer die schlimmsten Fälle sein, derer du dich annimmst? Ich denke, in deinem Alter und nach all den guten Taten hast du es dir verdient zu genießen, was immer du bereit bist, dir zu gönnen.

Hoffentlich tröstliche Grüße, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Agneta

Re: Die Ohnmacht (Fortsetzung von Das Weihnachtsgefühl)
« Antwort #3 am: August 01, 2020, 23:18:24 »
Ja, lieber Erich, müssen es immer die schlimmsten Fälle sein...? Eine Mutter, die ihr Kind bei mir in die Schule brachte sagte mal: Frau ..., Sie sammeln wohl alles auf, was kaputt und am Ende ist...
ich weiß gar nicht, ob sie es so positiv meinte, wie es sich auf den ersten Blick anhört. Dennoch habe sich kein Helfersyndrom. Ich suche mir die, wo ich helfe aus. Das hat man schon mal als unsozial bezeichnet. darum muss ich das Tier wohl auch spüren...Und doch bin ich oftmals spontan und emotional. Wie auch immer, hier hat die pragmatische Vernunft gesiegt. Besonders auch die Liebe zu Enkelchen und die Verantwortung, die ich für ihn mittrage. Schulterzucken und Schildgefühle. Und die Suche nach einem neuen kleinen Tierfreund bleiben.
Du hast völlig recht, liebe Al.
Euch beiden lieben Dank und lG von Agneta

gummibaum

Re: Die Ohnmacht (Fortsetzung von Das Weihnachtsgefühl)
« Antwort #4 am: August 02, 2020, 10:13:05 »
Liebe Agneta,

deine Weihnachtsgefühle und deine Ohnmacht haben mich sehr berührt. Das Alter erfordert manchen schmerzlichen Verzicht. Aber es gut, das nicht zu ignorieren und dadurch Unglück zu stiften.

Dir einen schönen Sonntag.

Liebe Grüße von gummibaum 

Agneta

Re: Die Ohnmacht (Fortsetzung von Das Weihnachtsgefühl)
« Antwort #5 am: August 02, 2020, 21:12:47 »
das ist richtig, lieber Gum. Man muss es respektieren und sich neu orientieren.
Da nke und lG von Agneta