Autor Thema: Wollen-können-leben  (Gelesen 42 mal)

Agneta

Wollen-können-leben
« am: Januar 10, 2021, 11:46:26 »
Wollen, können, leben

Anna schaut in den düsteren Morgen. In einen der unzähligen düsteren Tage dieses Winters, der keinen Schnee bringt, nicht mal eine weiße, kalte Sonne.
„Wollen, können, leben - dazwischen spielt sich unser Dasein ab.“ denkt sie.
„Im Moment lernen wir durch die Coronabeschränkungen, dass wir nicht können, wie wir wollen. Schon lange ist unser Leben beschnitten, unser Wollen einem höheren Ziel untergeordnet. Harte Maßnahmen, die keine Garantie versprechen. Niemals im Leben gibt es für irgendetwas eine Garantie!“
Anna berührt das Balkongeländer. Es ist kalt. Eiskalt, bedeckt mit Tropfen der Nacht. Sie spinnt den Gedankenfaden weiter: „ Umso wichtiger ist es doch, wenn keine Notlage uns einschränkt, das zu tun, was man will. Was aber will man? Die meisten wollen vornehmlich anerkannt werden, Status erlangen, vielleicht sogar Macht.“
Anna erinnert sich: „Das fing schon in der Schule an. Alle trugen Wrangler Jeans, die genau dort kniffen, wo Frauen es am wenigsten gerne haben. Starr wie ein Brett waren die Dinger und man kam fast nur im Liegen hinein.“  Anna hatte sich damals dagegen entschieden. Wollte nicht. Sie trug weitere No-name-Jeans und genoss ihre beiden Frühstücksbrötchen  vollen Zügen. Nein, sie sah es einfach nicht ein! Warum sollte sie sich kasteien, nur damit ein pickeliger, dürrbeiniger Halbwüchsiger sie ins Kino einlud? Nein! Manchmal trug sie gar eine Cordhose. Eine grüne! Die spöttischen Blicke ignorierte sie, denn die Wintermonate waren lausig kalt. Nicht so wie diese!
Wollen, können, leben!
So hatte sie es immer gehalten. War ihren eigenen Weg gegangen und hatte sich doch alle Träume erfüllt. Einen nach dem anderen. Pragmatisch, selbstständig und losgelöst vom gerade gängigen Gesellschaftskodex.
Heute ist Anna dreiundsechzig und schaut in den düsteren Morgen. Regentropfen baumeln an den nackten Zweigen. Ob sie fallen werden oder nicht, das ist nicht deren eigene Entscheidung. Nebel wabern am Boden, steigen auf, ziehen sich zusammen. Wie aus dem Nichts leuchtet ein Fahrtschild auf: 205 Mathildenhof. Nebelgespenster halten den Bus in ihren Fängen, er war vorher nicht zu sehen. „Wenn die Umstände so sind, dass man könnte, dann können wir vielleicht nicht mehr,“ denkt Anna. Und sie  lächelt. Zufrieden schlüpft sie in ihre braune Cordhose und ruft den Hund zum Spaziergang.

« Letzte Änderung: Januar 10, 2021, 12:02:54 von Agneta »

Erich Kykal

Re: Wollen-können-leben
« Antwort #1 am: Januar 10, 2021, 13:18:49 »
Hi Agneta!

Nach den Frühstücksbrötchen fehlt das "in" für die vollen Züge.  ;)

Da ich dich als unabhängig denkenden, selbstbewussten Menschen kenne, klingt die Geschichte sehr autobiografisch (bis hin zum Hund), nur der Name "Anna" passt nicht dazu, denn ich weiß, dass du anders heißt. Auch die genannte Adresse kann ich nicht zuordnen, aber es wird kaum wirklich die deine sein, die du da im Netz so bereitwillig angibst.


Auch ich war ein stets in "uncoole" kleidung gehülltes Kind, noch als Teenager trug ich Schnürlsamthosen und kackbraune Knöpfhemden, da ich in solchen Dingen lange sehr unselbstständig war und nie modebewusst. So suchten meine Eltern meine Gewandung aus, sogar als ich schon 16 war! Diese liebe Gewohnheit gab meine Muttter nur sehr zäh und ungern auf, und ich war finanziell abhängig, und es war ohnehin für mich nur ein Punkt unter vielen, der mich unter Gleichaltrigen zum "Loser" stempelte. Als ich mir endlich meine Unabhängigkeit in Sachen Kleidergeschmack erstritten hatte, war es längst zu spät für meinen Ruf.

Allerdings war ich auch danach unwillig, mich einem Modediktat zu unterwerfen - wer tut, was alle tun, kann nie etwas Besonderes sein, und ich wusste immer, dass ich "besonders" war - und als junger Mensch hatte ich lange Zeit auch kaum ein anderes Pfund, mit dem mein karges Selbstwertgefühl wuchern konnte!
Da ich aber nie modisch sein wollte und von je Kleidung für mich nur etwas eher Funktionales gewesen war, kreierte ich mir nach einigen Versuchen meine eigene Art "Uniform", sodass ich nicht minutenlang morgens vor dem Kleiderkasten stehen musste, um zu überlegen, was ich heute wohl anziehen sollte ... das war mir immer schon extrem lästig gewesen!
So sehe ich also seit gut 20 Jahren aus (außer beim Motorradfahren und auf Bikerfesten): Schwarze Jeans (elastisch), schwarzes Kurzarmhemd, darunter schwarze Unterwäsche und schwarze Socken, schwarze Stahlkappenhalbschuhe mit sicker Sohle und grobem Profil. Nur bei Jackett oder Jacke (falls nötig, meist nur im Winter, denn mir wird rasch heiß) gibt es farbliche Variationen.
Unter den Schülern gehen immer wieder mal Wetten um, wie viele Garnituren ich wohl daheim habe, manchen ist die Vorstellung, schon allein zwei identische Kleidungsstücke zu besitzen, völlig unbegreiflich. Aber mir gefällt es so. Bloß eine überflüssige Sache, die ich so aus dem Kopf habe. Praktisch.


Sehr gern gelesen!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Agneta

Re: Wollen-können-leben
« Antwort #2 am: Januar 13, 2021, 23:02:10 »
danke, lieber Erich, für deinen Exkurs in dein Leben. Denn wie du richtig erkannt hast, geht es hier eigentlich um "Bei sich selbst sein".
Es ist eine Kurzprosa, Kurzgeschichte, sicherlich mit autobiografischen Zügen.
ich denke, du hast in meinem Buch gelesen, darum scheint dir Anna umpassend?! :)
LG von Agneta