Autor Thema: Ich wusste nichts von dir  (Gelesen 96 mal)

Agneta

Ich wusste nichts von dir
« am: Mai 11, 2021, 09:16:11 »
Ich wusste nichts von dir

Ich wusste nichts von dir und doch wusste ich genug. Unsere Familien waren bekannt über die Kinder im Kindergarten und da deine Frau Muslimin war und kein Deutsch sprach, kümmerte ich mich ein wenig um sie, dass sie im Dorf Fuß fassen könnte. Sie war verschlossen, etwas zickig, aber freundlich und sehr klug. Auf Englisch führten wir hoch interessante Diskussionen über Kulturen und Religionen. Ihr dickes, schwarzes Haar erinnerte  mich an Zuckerwatte, und ich wusste nicht genau, ob ich es schön fand oder nicht. In ihren mandelförmigen, asiatischen Augen konnte ich nicht lesen. Dennoch entwickelte sich eine Art Freundschaft, man lud sich zum Essen ein und zu Geburtstagen. Ihre Satestäbchen waren unnachahmlich gut.
Irgendwann, beim Geburtstagsfest meines Mannes, zu dem hundertfünfzig Gäste kamen, rissest du mich plötzlich im Halbdunkel an dich und küsstest mich. Der ältere Nachbar, der mich oft mit dem Hund alleine spazieren gehen sah, lächelte und tat so, als habe er nichts gesehen. Beschämt befreite ich mich und rannte ins Haus. Im Bad wischte ich mir über die Lippen und sagte fest zu meinem Spiegelbild: „Nein, das wäre  nicht ich. So was mache ich nicht!“ Ich kochte Kaffee in der Küche und als ich mit zwei vollen Kannen wieder in den garten kam, warst du gegangen. Der ältere Nachbar grinste mich vielsagend an und prostete  mir zu.
Von da an mied ich deine Familie, zog mich unter fadenscheinigen Gründen zurück. Auf dem Dorf nicht ganz einfach. Deine Frau empfand es als Beleidigung, denn sie bezog es auf sich und ihre indonesische Herkunft. Ich aber hatte ein schlechtes Gewissen und ich wusste nicht, weshalb. Mein Mann fragte  nicht weiter nach. Er hatte seine eigenen Journalistenfreunde, die ihm wichtiger waren.
Ein halbes Jahr später standest du eines Morgens mit deinem Riesenhund vor meiner Haustür. Deine veilchenblauen Augen zogen mich an dich. “Gehen wir ein Stück mit den Hunden?“ fragtest du. Ich schaute zum Haus des älteren Nachbarn, wo sich die Gardine bewegte und sagte: „Max! Bringst du dir eine Frau aus dem Ausland mit, um sie hier zu betrügen? Die hat alles für dich aufgegeben. Sie war Hotelmanagerin und hier steht sie nur für deine Hundeplatzfreunde in der Küche und kocht!“ Ich knallte die Tür zu und schaute dir durch die Eisblumenscheibe nach, wie du zögernd fort gingst. Du warst überhaupt nicht mein Typ. Ich habe noch nie auf blond und blauäugig gestanden. Und doch. Ich schaute dir nach, bis du um die Hausecke verschwunden warst.
Immer wieder passtest du mich beim Hundespaziergang ab, ließest deinen Riesenschnauzer, der zu anderen durchaus nicht sehr freundlich war, auf mich zustürmen und mich umarmen. So wie du es vielleicht selbst gerne getan hättest. Und ich stand da und wusste  nicht, wohin ich schauen sollte. In deine Augen jedenfalls nicht!
Irgendwann sagte der ältere Nachbar zu  mir: „Dein Mann ist doch nie da!“. Ich wusste sofort, wovon er sprach und war bestürzt über so viel kölsche Toleranz. „Da war nix und da is nix,“ antwortete ich schlecht gelaunt. „ Eben,“ meinte er trocken, „ du lebst nur einmal, Mädschen!“
Viele Jahre sah ich dich nur noch von ferne. Richtete es immer so ein, dass wir uns nicht nahe kamen. Zwanzig Jahre ist das her. Heute rief mich die Frau des älteren Nachbarn an. „ Du,“ erzählte sie, „ es gab einen Unfall 2 Tote, einen Mann und eine Frau. Sind frontal unter einen Laster gefahren, auf der Straße vorm Hundeplatz. Man munkelt im Dorf, es könnte Selbstmord gewesen sein.“ Ich schwieg. Ich wusste  nichts von dir. Gar nichts. „Du kennst die doch gut. Ward ihr nicht mal befreundet?“ „Naja,“ sagte ich, „Ist lange her.“ Ich legte den Telefonhörer zur Seite. Ein seltsames Frösteln kroch meine Arme entlang bis hinauf zum Kopf. Ich schauderte und schaute auf den Boden. Auf die weißen Balkonfliesen malten sich deine veilchenblauen Augen.





AlteLyrikerin

Re: Ich wusste nichts von dir
« Antwort #1 am: Mai 11, 2021, 12:14:05 »
Liebe Agneta,

diese Kurzgeschichte erzählt eine Beziehungsproblematik auf sehr vielschichtige Weise ohne langatmig zu sein. Es hat mich zudem sehr nachdenklich gemacht. Hätte es eine Chance gegeben die erotischen Angebote des Mannes zurückzuweisen ohne die Frau zu kränken? Eine schwierige Situation.
Herzliche Grüße, AlteLyrikerin.

Erich Kykal

Re: Ich wusste nichts von dir
« Antwort #2 am: Mai 11, 2021, 18:10:59 »
Hi Agneta!

Gute Geschichte! Die Selbstknebelung dank kultureller Konditionierung, und was man dadurch verpasst, nur weil man "moralisch unbedenklich" bleiben möchte, vor sich selbst oder vor anderen ...

Der moralische Imperativ, dass man in einer festen Beziehung nichts nebenbei haben darf, weil man sonst "böse" sei, "rücksichtslos", "verderbt", "zügellos" oder "unmoralisch" ...

Hat das obige LyrIch je mit seinem Partner darüber gesprochen, wie "besitzergreifend" er sei, und wie er zu dem Thema steht? Oder hat es von vorhherein angenommen, dass sein Gespons das nicht erträglich fände? Oder war es dem LyrIch dank eigener von klein auf eingeimpfter Moralvorstellung unmöglich, sich diesbezüglich je gehen - und auf etwas einzulassen?

Wie die Indonesierin möglicherweise dazu dachte, wurde auch nie erforscht.

Es ist seltsam, wie sehr Partnerschaften immer noch mit einer Vorstellung von "Besitz" verbunden zu sein scheinen, die es verunmöglicht, ohne Verlustangst Bedürfnisse auszuleben (oder den Partner eifersuchtsfrei ausleben zu lassen), die wohl jeder hat, aber keiner offiziell zuzugeben wagt. Da wird dann lieber still jahrzehntelang verzichtet und still vor sich hin gelitten, alles aus Angst, den Partner womöglich zu riskieren, wenn man das Thema offen anzusprechen wagt ...

Gern gelesen!  :)

LG, eKy
« Letzte Änderung: Mai 11, 2021, 21:07:19 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Agneta

Re: Ich wusste nichts von dir
« Antwort #3 am: Mai 11, 2021, 18:50:14 »
Lieber Erich,

du hast alles auf den Punkt gebracht, was die Geschichte zum Nachdenken anstoßen sollte. Es ist erstaunlich, dass ein Mann ( auch in anderen Foren sah ich das) diese Geschichte anders liest als eine Frau. Das Triebhafte, das scheint Frauen bei Frauen gar nicht in den Sinn zu kommen. Möglicherweise aus gerade DEN Gründen, die du benennst.
 AL liest es ja auch ganz anders.
Liebe Al, auch dir vielen Dank für deine Gedanken zum Text. Nein, es hätte keinen anderen Weg gegeben.
Mit dem Schluss-Satz bin ich nicht so zufrieden. Sollte ich ihn ganz weglassen?  Ist er zu kitschig?
Danke euch bieden und lG von Agneta

Erich Kykal

Re: Ich wusste nichts von dir
« Antwort #4 am: Mai 11, 2021, 21:10:02 »
Ich würde ihn so lassen. Diese Augen sind wie der von nun an für immer präsente Gewissensbiss über ein nie eingegangenes Wagnis, und was es vielleicht verändert hätte, vielleicht letztlich sogar auch zum Besseren für alle!

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Agneta

Re: Ich wusste nichts von dir
« Antwort #5 am: Mai 11, 2021, 22:48:48 »
ja, genau so meinte ich es auch...danke, Erich. LG von Agneta

Erich Kykal

Re: Ich wusste nichts von dir
« Antwort #6 am: Mai 12, 2021, 02:53:46 »
Hi Agneta!

Das LyrIch sollte sich aber auch keinen Kopf deswegen machen: Es hätte genauso gut in einer Katastrophe für alle enden können ...

Es waren letztlich Max' Entscheidungen, die sein Leben bestimmten, nicht die des LyrIch.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.