Autor Thema: Wer ist André Di Annere?  (Gelesen 660 mal)

Rocco

Wer ist André Di Annere?
« am: Juli 21, 2021, 20:30:51 »
Herr Sinnig streitet mit Herrn Gernegroß über Bildung. Herr Gernegroß hält größte Stücke auf seine eigene:

"...und ich bin viel gebildeter!"

"Aber welches Werk von Mozart stammt und welches von Dürer, weißt du nicht!"

"Ach was - muss ich ein Picasso sein, um zu wissen, dass Man Ray einer der großen Musikgenies war?!"



Herr Sinnig wollte mit seinem Kumpel auf in die Berge.

"Gottfried, übernachte bei mir. Und dann lass uns in aller Früh los," sagte er zu seinem Kumpel am Telefon.

Gottfried kam nachmittags. Kaum ging der Mond auf, sagte Gottfried: "He, lass uns einen kleinen heben. Ins Bett können wir später!"

Herr Sinnig legte seine Stirn in Falten.

Bei Sonnenaufgang saßen beide noch immer am Küchentisch und leerten Weinflaschen.

Gottfried: "Wir hätten ratzen, dann erst feiern und dann wieder ratzen sollen."

Herr Sinnig kippte sein Glas leer:
"Wandern beginnt damit, dass man abends aus dem Bett kommt und morgens rein."



Schon zu Beginn seiner Laufbahn war Herr Aber ein brillanter Charakterdarsteller;  mit eigenen Worten: "Eine Welt für sich, abseits von allem."

Einmal bringt Herr Sinnig, den es häufig ins Grüne zieht, seinen Kumpel Gottfried mit ins Theater. Als er die beiden Herrn miteinander bekannt macht, sagt er: "Das ist Herr Gernegroß, der wandert so gerne wie ich und das ist unser Star, Herr..." Doch bevor er ausreden kann, unterbricht ihn der Star: "Bin nicht einfach nur ein Herr - nene - ich bin eine Welt zwischen euch Wanderern."



Herr Sinnig führt eine Mäzenin durch das Theater, als sie auf Herrn Aber treffen. Der probt mit dem Ensemble.

"Herr Sinnig, können Sie mir sagen, wann das Theater vollendet wurde?"

"Dezember 1888."

Herr Aber: "Nenene - da wurde es fertig! Vollendet - ja vollendet! - das wurde es dann, als ich mein Engagement bekam."



Eine Baronesse sprach für eine Rolle vor und bekam sie. Am nächsten Tag klagt sie Herrn Aber ihr Leid: "Mein Vater hat für mein Talent kein Verständnis. Er hat mir gesagt, ich bin enterbt."

"Glückwunsch!"

"Glückwunsch???"

"Du bist nicht mehr von Adel. Dafür aber am Theater. Also: edel."



Herr Sinnig besuchte Herrn Aber, der mit seiner Mutter unter einem Dach lebte.

Sie zeigte Kindheitsbilder ihres Sohnes: "Hier - mit fünf. Auf dem Faschingszug."

"Er kann unbeschwert lachen! Aber er ist ja völlig ungeschminkt."

"Falsch. Er zeigt erstmals eine Maske."



Herr Aber spielte pro Tag zwei oder drei Rollen. Dazu mussten alle Kostüme bereit hängen, was sie, fein säuberlich, taten. Auf diese Weise füllte er die Plätze.

Herr Sinnig gratulierte ihm und jubelte: "Sie sind ein richtiger Bühnenkünstler!"

"Also: Jemand mit eigener Identität. Von der Stange."



In der Probepause, vor dem Theater, traf Herr Aber einen alten Schulfreund.

"Na, da schau! Durch das Theater wurdest Du Jemand!"

Herr Aber musste bitter lachen:

"Nicht nur ein Jemand, sondern viele. Zu viele. Das Theater hier, ist das Zeugnis meiner Nicht-Existenz."



Herr Aber bevorzugte Dramen. Leider aber liebte das Publikum Komödien. Seine Qual wuchs noch durch Herrn Sinnig, der extra Komödien schrieb, damit die Zuschauer in Massen strömten.

"Das muss sicher eine große Ehre für Sie sein, wenn Sie in Rollen glänzen können, die Ihr Direktor schreibt?!", fragte ihn Herr Gernegroß.

Herr Aber schwieg.

Bald aber wurde ein Witz kolportiert:

Herr Sinnig landet in der Hölle. Luzifer reicht ihm einen Stift: "Dichte mir doch mal eine Komödie."

"Das trifft sich, Komödien habe ich doch schon immer geschrieben."

"Ich weiß!", sagt Luzifer. "Ich weiß!"

Auf den Witz angesprochen, bestritt Herr Aber die Urheberschaft energisch, obwohl er der einzige war, der den Witz ständig erzählte.

"Nenene, von mir stammt der Witz nicht", sagte er. "Ich erzähle ihn bloß nach."



Wenn jemand eine Reise tut, kann er viel erzählen. Oder, er arbeitet als Pförtner im Museum.

Wegen einer Virusplage sollen die Bürger Mundschutz tragen. Darum prangt, vor dem
Landesmuseum von Narrenspiegel, auch ein großes Hinweisschild.

Ein älteres Ehepaar, die als Kunstmäzene bekannt sind, geht achtlos daran vorbei. Auch an Herrn Liebscher, den Pförtner?

„Entschuldigen Se bitte, abba uff unserm Hieweisschild schtecht, das Besucha sich schitze solle un andre.“

"Andre?", fragt der Mann. "Wer bitte ist André?"

„Annere“, sagt Herr Liebscher.

„André Annere?“, fragt die Ehefrau.

„Neee: die Annere!“

„Also: André Di Annere?“, sagt der Mann. "Klingt italienisch. Ist Andrè Di Annere ein Italiener?"

„Ist 1. April?“

„Nein. 4. Juni“, sagt die Frau. „Was ist an André Di Annere jetzt besonders, dass man gerade ihn schützen muss?“

Herr Liebscher schweigt. Dann bemerkt er das Augenzwinkern der beiden. Jetzt muss auch er lachen.

„André Di Annere ist unser Direktor.“

„Ja dann!“, sagt der Mann.

Und damit ziehen beide ihre Masken auf.
 
« Letzte Änderung: Juli 21, 2021, 20:49:58 von Rocco »
"Erst in Rage werde ich grob -
aber gelte als der Hitzkopf?!"

Yusuf Ben Goldstein, aus Rocco Mondrians Komödie: Yusuf Ben Goldstein, ein aufrechter Deutscher