Die westliche Siegesillusion
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Vielleicht sollten wir endlich aufhören, uns selbst etwas vorzumachen: Die größte Gefahr für die Ukraine könnte inzwischen nicht darin liegen, dass der Westen zu wenig Waffen liefert, sondern darin, dass er sich seit Jahren weigert, die Möglichkeit eines ukrainischen Nicht-Sieges überhaupt ernsthaft zu denken.
Seit Beginn des Krieges wird uns immer wieder die nächste Wende angekündigt. Erst sollten es die Sanktionen richten, dann die Panzer, dann die Artillerie, dann die Raketen und jetzt Drohnen und künstliche Intelligenz. Russland steht angeblich kurz vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch, die russische Armee blutet aus, Putin werde irgendwann keine andere Wahl haben, als sich zu ergeben oder zu Bedingungen des Westens zu verhandeln. Man muss sich diese Erzählung einmal nüchtern ansehen: Wir warten seit Jahren auf den großen Zusammenbruch Russlands – und erklären jedes neue Waffenpaket zum möglichen Durchbruch.
Vielleicht ist das keine Strategie mehr. Vielleicht ist es inzwischen eine Glaubensfrage.
Denn wenn man überzeugt ist, dass Russland kurz vor der Niederlage steht, wird jeder Ruf nach Verhandlungen plötzlich zum Problem. Warum mit dem Gegner reden, wenn er doch bald zusammenbrechen soll? Warum Kompromisse eingehen, wenn die nächste Waffe den Krieg entscheiden könnte? Also wird weitergeliefert, weitereskaliert und weitergewartet.
Nur: Was, wenn der große Zusammenbruch nicht kommt?
Genau diese Frage wird im Westen viel zu selten gestellt. Stattdessen wird die Wirklichkeit so lange zurechtgerückt, bis sie wieder zur eigenen Erzählung passt. Ein ukrainischer Angriff wird zum strategischen Erfolg, eine neue Technologie zur Wunderwaffe, ein russischer Rückschlag zum Zeichen des bevorstehenden Zusammenbruchs. Und wenn der Durchbruch wieder ausbleibt, braucht es eben noch mehr Waffen.
Denn während der Westen über den möglichen ukrainischen Sieg diskutiert, wird die Ukraine weiter zerstört.
Menschen sterben. Menschen verlassen das Land. Infrastruktur verschwindet. Die wirtschaftliche Basis schrumpft. Und mit jedem weiteren Kriegsjahr verändert sich die Ukraine. Das ist keine abstrakte Statistik. Das ist das Land, das wir angeblich verteidigen wollen.
Und jetzt kommt der eigentlich provokante Gedanke: Was wäre, wenn unsere Siegesillusion selbst dazu beiträgt, dass die Ukraine am Ende schlechter dasteht?
Denn wer einen Sieg erwartet, wartet. Wer wartet, verhandelt nicht. Wer nicht verhandelt, setzt auf den nächsten militärischen Durchbruch. Und wer diesen Durchbruch nicht bekommt, fordert die nächste Waffenlieferung.
So kann man einen Krieg sehr lange verlängern.
Natürlich hat Russland diesen Krieg begonnen. Daran gibt es nichts zu beschönigen. Aber die Feststellung, wer einen Krieg begonnen hat, beantwortet noch lange nicht die Frage, wie man ihn beendet. Und sie beantwortet schon gar nicht die Frage, ob jeder weitere Kriegstag automatisch im Interesse der Ukraine liegt.
Vielleicht ist genau das die westliche Siegesillusion: Nicht der Glaube, dass die Ukraine gewinnen kann. Sondern der Glaube, dass man nur lange genug auf diesen Sieg warten muss.