Autor Thema: Meine Haut (2)  (Gelesen 499 mal)

gummibaum

Meine Haut (2)
« am: April 05, 2022, 22:13:04 »
Meine Haut ist dünn geworden,
seit sich gute Zeiten wenden:
Bomben fallen, und in Bränden     
Wildernde die Frauen schänden
und Gefesselte ermorden.

Etwas steckt in meiner Kehle,
und die Haut scheint mir zu reißen:
Möchte ich auch um mich beißen,
lähmt ein Frost mich selbst an heißen
Tagen bis ins Mark der Seele …


« Letzte Änderung: April 05, 2022, 22:57:56 von gummibaum »

Erich Kykal

Re: Meine Haut (2)
« Antwort #1 am: April 06, 2022, 15:00:24 »
Hi Gum!

S1Z3 - Komma nach "Wildernde".

Ja, die Tünche der Zivilisation ist nach wie vor hauchdünn! Wir haben uns an Wohlstand, Sicherheit und Gemeinsinn gewöhnt, so sehr, das manche schon gerne eifrig und lautstark bei jeder Gelegenheit ins eigene Bettchen kacken, bloß weil sie meinen, dass ihnen immer jemand die Laken wechseln wird - metaphorisch gesprochen!

Dabei sind die Raubtiere immer unter uns - nur gezügelt von Gesetzen und dem allgemeinen sozialen Konsens, dass man nicht übereinander herzufallen hat. Hebeln Hybris, Hass und Kriegserklärung diese Regeln aus, zeigt sich der wahre Charakter vieler Menschen - oder deren befehlsbefolgungsgewohnte Feigheit.

Gerechtfertigt wird soches Schlachten dann mit "einfachen, klaren Lösungen", für die man sich eben die Finger schmutzig machen muss ... - ehrlich gesagt, ich empfinde dieses Bedürfnis ebenso - in Bezug auf genau diese Unmenschen, die Herzenskälte und egomaische Utopien pflegen und denen für deren Umsetzung jedes Mittel recht ist! Ja, ich fühle mich eklatant versucht, den belasteten Begriff des "Untermenschen" auf genau diese grausamen, mitleid- und bedenkenlosen Schlächter mit Waffen anzuwenden! Wie es schon die Nazis waren, die sich die heutigen russischen Streitkräfte offenbar zum Vorbild genommen haben ..

Weit haben wir es gebracht, wenn solche Massaker immer noch mit Sozialdarwinismus und der Unparteilichkeit der Evolution gerechtfertigt werden können! Weil brutale und empathielose Menschen eben direkter, gedankenlos handlungsfähiger oder moralisch anpassungsfähiger seien und daher in aggressiven Krisensituationen einen klaren Überlebensvorteil hätten, egal ob als stumpfsinnig Gehorchende oder Befehlende. Soziopathen eben.

Und tun wir bitte nicht so, als hätten wir schon vergessen, was im Jugoslawienkrieg damals los war, mit all den "Ethnischen Säuberungen" und Massakern - auch an Kindern und Jugendlichen! Oder fühlen wir uns diesmal betroffener, weil Putin eindeutig gefährlicher ist als Titos Erben?Weil er uns mehr Angst macht mit seinen Atomwaffen in der Hinterhand?
Damals in Jugoslawien hat der "zivilisierte Westen" aber auch ewig so getan, als ginge ihn all das Morden nichts an - und da stand keine Angst vor nuklearer Bedrohung im Hintergrund! Niemand will seine Sicherheit, seinen Wohlstand und potentell das Leben der eigenen Kinder für das Wohl von Fremden riskieren - egal wieviel Unrecht ihnen geschieht. Bei so gut wie jedem Genozid in der Geschichte hat der Rest der Welt nur zugeschaut, vielleicht hilflose Protestnoten verfasst und 50 Jahre später nachgeforscht, um das eigene Gewissen zu beruhigen, sowie die Stimmen der betroffenen Überlebenden. Sogar im 2.WK standen politische Interessen im Vordergrund - was Unsägliches in den KZs vor sich ging, erschloss sich den meisten erst hinterher!

Nein, der Mensch ist immer noch, wie er immer war - klar unterteilt in Räuber und Beute. Wir dürfen uns glücklich schätzen, in einer Phase der örtlichen Geschichte leben zu können, in der die Raubtiere nicht konsequenzenlos tun können, was sie wollen! Sie werden im Zaum gehalten und müssen sich im Zaum halten.
Wusstest du, dass unser Genom sich um etwa 7% von jenen Menschen unterscheidet, die vor 3000 Jahren gelebt haben? Aber dass uns heute immer noch nur knapp 3-5% vom Schimpansen trennen? Was sagt das über uns aus?

LG, eKy
« Letzte Änderung: April 06, 2022, 15:08:12 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Rocco

Re: Meine Haut (2)
« Antwort #2 am: April 06, 2022, 17:06:41 »
Hallo Gummibaum,

der Zeilensprung, in der letzten Strophe, ist mir gleich aufgefallen. Das markiert das Ende und den Höhepunkt.

Ja, man kann nachfühlen, was das lyr. Ich empfindet.

Dir einen schönen Tag!

Rocco
"Erst in Rage werde ich grob -
aber gelte als der Hitzkopf?!"

Yusuf Ben Goldstein, aus Rocco Mondrians Komödie: Yusuf Ben Goldstein, ein aufrechter Deutscher

gummibaum

Re: Meine Haut (2)
« Antwort #3 am: April 07, 2022, 10:00:51 »
Danke, lieber Erich und lieber Rocco.

Ich glaube, es fehlt kein Komma, Erich. Deine anthropologische Beschreibung unserer Gattung lässt wenig Hoffnung für eine günstige Wendung. Bei den Bonobos gibt es auch schon Kriege (Teil  der 96,5 % konservativer DNA). Aber sie werfen nur Kokosnüsse. Menschen vor 3000 Jahren (Hochkulturen) waren uns überlegen. 7 %  bergab ging’s seitdem.
 
Euch beste Grüße
gummibaum
« Letzte Änderung: April 07, 2022, 10:51:35 von gummibaum »

Erich Kykal

Re: Meine Haut (2)
« Antwort #4 am: April 07, 2022, 16:52:27 »
Hi Gum!

Sorry, ich bin mir sehr sicher: Komma nach "Wildernde". Alles, was danach folgt, ist ein attributiver (erklärender) Gliedsatz mit Bezug auf "Wildernde" - daher: Komma.

Schimpansen führen eindeutig Kriege und töten auch einander dabei. Sie gehen in Gruppen auch aktiv auf strategische Jagd nach kleineren Affenarten und fressen die Beute roh.

Der Mensch wird eindeutig "besser", was Gewissen und Empathie angeht, aber eben leider nur sehr langsam. Es kann immer noch allzu leicht in althergebrachte Denkmuster der Entmenschlichung und Verallgemeinerung zurückkippen, selbst bei den eigentlich schon "Zivilisierten".

Ich persönlich schätze, dass es evolutionstechnisch noch mindestens an die 5- bis 10.000 Jahre dauern wird, bis ich artübergreifend eine stabile Wertschätzung fremden Lebens durchgesetzt hat. Bis dahin wird es immer wieder noch Putins geben, Stalins, Maos, Saddams, Kims und Hitlers - sowie deren getreue Spitzel-,  Prügel-, Folter- und Mordhorden!

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.