Autor Thema: Narrenstück im wehen Nichts  (Gelesen 1873 mal)

Martin Römer

  • Gast
Narrenstück im wehen Nichts
« am: Februar 21, 2020, 01:33:14 »
Ich liebe traumgemut die kleine Wiesenrunde,
ein angenehmes Grüppchen ohne Dreck und Krach,
in einem holden Gang zu mancher Schöpferstunde.
Das Prinzlein blieb schon oft mit Sammetaugen wach.

Ingleichen aber baden wir dann doch im Schmutze.
Wir schätzen kaum Musik noch schlichte Herzensglut.
Ich weiß, wie wunderherrlich ich dem Schicksal trutze
und frage: wo bleibt denn zum wilden Ritt der Mut?

Wie fad schmeckt dieses Wort von Religion und Rassen.
Das Steingrab eines Mädchens hat mich einst schockiert.
Indes, ich habe kranke Schweine aller Klassen
und bin ein Großer, der in vielen Höllen friert.

Mit blauen Wolken schleicht ein Geistlein durch das Gatter. 
„Wie dieser Eremit mit seiner Anmut protzt!
Ich sage dir, sie weilen bang vor einer Natter
und wahrlich, mehrmals hast du dich schon ausgekotzt.“

Erich Kykal

Re: Narrenstück im wehen Nichts
« Antwort #1 am: Februar 21, 2020, 20:00:51 »
Hi Martin!

Gern verstünde ich, wo dein sprunghafter Geist hin möchte mit diesen Versen, indes, ich scheitere wie üblich.

S1 - Ein Lob an dieses Lyrikforum. Mit dem "Prinzlein" meint der Autor möglicherweise sich selbst, aber das wird nicht klar ausgedrückt.

S2 - Eine Kritik an diesem Forum - offenbar gibt es doch Disharmonie, oder was ist mit dem "Schmutz" gmeint? Was ist mit der "Musik" gemeint? Was meint die "schlichte Herzensglut"? Welcher "wilde Ritt", dessen Unterbleiben das LyrIch anspricht, geht diesem so ab?
Was wird hier nun kritisiert? Das Fehlen von Mut, bestimmte Themen zu fassen, oder das Gegenteil? Die ersten und die letzten beiden Zeilen scheinen sich zu widersprechen.

S3 - Ist "dieses Wort von Religion und Rassen" ein negatives, oder veruchte jemand, zu missionieren? Das wird leider nicht näher definiert. Der Leser hat keine Ahnung, was mit dem "Steingrab eines Mädchens" gemeint sein könnte. Noch rätselhafter die nächsten Zeilen: wo "hat" das LyrIch die "Schweine aller Klassen", bevor es sich in der letzten Zeile scheinbar in selbstmitleidigem Größenwahn ergeht? Es klingt wie der neutorische Direktor einer Nervenheilanstalt für Schwerkriminelle ...

S4 - Das so oft zitierte "Geistlein": Gewissen? Rauschnatur? Der Dichter selbst? Sein alter ego? Worauf spielen die "blauen Wolken" an? Dass das Geistlein raucht? Bekifft ist?
Z2 scheint Selbstkritik zu sein. Ob das "sie" in Z3 sich auf die WEIT oben zitierten "Schweine" bezieht, bleibt kryptisch, und wofür soll jene "Natter" stehen, vor der "sie" gebannt stehen? Was die Schlusszeile aussagen soll, wage ich nicht mal ansatzweise auszulegen! Hat der Autor das Gefühl, schon zu oft über dieses Thema (welches auch immer ...) lamentiert zu haben?


Also wie immer: Wunderschöne Sprachhabung, lyrische Sprachmelodie, bombastische Bilder - leider mit so marginalem roten Faden, dass sie sich für den Leser praktisch  zusammenhanglos aneinanderzureihen scheinen. In deinem lyrischen Universum scheinst du von so vielen Dinge als gegeben anzunehmen, dass der Leser sie wissen und erkennen müsste, dass du nie auf die Idee zu kommen scheinst, er könnte von deinen kumulierenden Aneinanderreihungen symbolhafter Bilder schlicht überfordert sein, weil ihm das Detailwissen um ihre Dechiffrierung einfach fehlt!
Ich habe keine Ahnung, was diese Bilder FÜR DICH aussagen  - dir erscheint es aber offensichtlich so klar und deutlich zu sein, dass du gar nicht verstehst, wie man das NICHT verstehen kann. Als würdest du annehmen, ALLE Menschen würden wie selbstverständlich in deiner opulenten Bildersprache denken ...


Ich werde keine weiteren dieser erklärenden Kommentare mehr schreiben, denn mittlerweile habe ich mehrfach auszudrücken versucht, worauf ich hinaus will.
Soll ein Gedicht verständlich sein, muss der rote Faden deutlich sein, die Bilder verständlich und zusammenhängend eine Geschichte erzählen oder einen Gedanken erläutern oder untermalen. Bei dir hängt einfach zu viel in der Luft, wird als selbstverständlich verständlich angenommen, obwohl die Bilder oft so weit hergeholt erscheinen, dass ihr möglicher Kontext sich dem Leser gar nicht mehr erschließen KANN.
Was nützt dann eine Erklärung im Kommifaden, wenn so eine Erklärung gar nicht nötig sein sollte, wenn man es schafft, sich allgemein verständlich zu artikulieren?

So schön sich deine Gedichte also lesen - für mich bleiben sie inhaltlich betrachtet zerfahren, kaleidoskop-,  ja stroboskophaft geradezu, zu extrem bildhaft verschlüsselt, um die erwünschte Aussage herauszufiltern.
Sorry.


LG, eKy
« Letzte Änderung: Februar 21, 2020, 20:04:46 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Martin Römer

  • Gast
Re: Narrenstück im wehen Nichts
« Antwort #2 am: Februar 22, 2020, 02:16:34 »
Ach, mein werter Gefährte,

zuvörderst vielen Dank für deine Aufmerksamkeit.
Auch kann ich natürlich erschallen: hast du dich also doch noch nicht ganz in dein Gebirge verzogen, wie angekündigt.
Fortgang und dergleichen wird hiesig eigentlich tragisch, lärmend und mit Blut vollzogen - einen Glanz könnte man dir nicht absprechen!

Schön, dass du wenigstens die erste Strophe verstehst.
Wäre ich böse, könnte ich fast von einem argumentativen Schachzug sprechen.....

Auch danach kann ich nur an deine Würde appellieren.
Wo es zu wenig Musiklauniges gibt, gibt es zu wenig Musiklauniges.
Es mag sich grimmig anhören, aber an diesem Punkt wären Erklärungen wohl unnütz.

Ich bin nicht der Meinung, dass du mich hier und da gelinde auf den Arm nehmen möchtest,
weil pauschale Verdächtigungen nicht zu meinem Charakter gehören.
Über Religion und Rassen hast du philosophiert, alsda entstanden die Zeilen.
Die Steinigung eines Mädchens, die ich einmal im Video sah, liegt lange zurück und jetzt ist mir mein jammervolles Leben näher.
In diesem gibt es die ständige Bedrohung von kranken Schweinen verschiedener Art.
Ich sehe nichts Konfuses, ich sehe nichts Verschlungenes.
Wieder grimmig im Klang, aber das hier scheint ein Pfad der zwanghaften Über-Interpretation zu sein.
Gibt es die hundert Bilder, die du dechiffrieren möchtest, überhaupt oder tauchen die nur irgendwie chimärisch auf?
Zu einer öden Stunde in der großen Schwärze meines Lebens ein bisschen unser Wiesentreiben zu begrübeln, das war eine Sache von wenigen Minuten.

Wer das Geistlein (zumeist) ist, hast du doch vielleicht vor ein paar Tagen schon lesen können.
Dass du, statt die blauen Wolken einfach als blaue Wolken hinzunehmen, es kiffend nennst - entschuldigt sich mein Eremit?
Sie hat bereits zu Lebzeiten ein gebrochenes Herz (übersetzt: Mann mit Liebeskummer) in den Tod getrieben, Anmutsvoller....
Das von uns gegangene Töchterlein ist, wie soll ich das sagen, noch zu frisch, das ergäbe komische Dialoggespräche.
Ich sah in einer Zeitung einmal ein Lächeln, für mich zielt das auf die Holden und die Zerstörer von Lebensbeschattenden.....

Die Schlange als ein Bild einerseits für verrufene Elemente und andererseits für Selbstüberwindung hielte ich gern für Allgemeingut.
Tja, wir kommen wirklich offensichtlich aus unterschiedlichen Lagern.
Ich habe für moderne Kunst und überschwängliche Romantiker nichts übrig, aber gut, wir wiederholen uns....
Ich sehe einfach niedergeschriebene Aussagen, Mangel an gedanklicher Stringenz und rotem Faden ist mir unverständlich.
Nein, ich verstehe nicht, wie du um hundert Ecken denken musst und mit jedem Begriff ein Geheimnis witterst.
Aber ich rechne dir den Freimut, von deinem Blick ehrlich und unverhüllt zu künden, hoch an.

Im Laufe meiner Referierungswut wirst du vielleicht auf Einzelstellen und Sentenzen stoßen, die dir vollumfänglich zusagen.
Ich habe in meiner Seele keinen Übermut mehr, "Anerkennung erst nach dem Tode" und solche Spielchen.....
Nur ein paar transzendentale Scherzlein - "sich oft schon selbst ausgekotzt" - müssen vor der lebensgefährlichen Sache,
mit dem Schiff der Schiffe und so weiter in die ungewisse wie aber auch irgendwie erlösende Nacht zu fahren, gestattet sein.

Dieses fanatische Zergliedern ist sehr deutsch und gewisslich wollen wir beide Deutsches nicht so gerne.
Du bist mir sicher nicht gram, wenn ich weiter den Weg von der Kunst als Sprache des Unsagbaren gehe
und aus einer Stimmung - nicht unbedingt aus einem Universum - Erlebnisse transportieren möchte, die verstanden und mitgefühlt werden sollen.
Dazu müssen nicht unbedingt die Gehilfen - also Worte und Bilder - hundert mal umgedreht, verdreht, anders gedreht werden.
Ich bin einerseits mit dem Resultat zufrieden, andererseits akzeptiere ich dein Urteil - auch der zivilisierte Umgang ist ein Vorzug der Wiese.

Auf ein reiches Schaffen und eine lange Zeit des prächtigen Überschwanges von Lady Anneliese kannst du zurückeblicken.
Die Welt ist zurzeit schwarz und widerlich - lass uns nicht mit Dogmatismus und Donner auseinandergehen, wie es nur juvenilen Seelen zueigen sein kann.

Freundliche Nachtgrüße
M.


Erich Kykal

Re: Narrenstück im wehen Nichts
« Antwort #3 am: Februar 22, 2020, 10:39:25 »
Hi Martin!

Mitnichten ist mir donnerlich zumute, ich wollte nur klar machen, dass ich deine Art zu schreiben einfach nicht verstehen kann, den meisten Bildern einfach nicht zu folgen vermag, es sei denn, ich nähme mir die Zeit, minutenlang über jeden einzelnen Zeile zu brüten und mir mögliche Auslegungen zu überlegen. Dass dies keinen lyrischen Lesegenuss böte, sollte verständlich sein.

Da funktionieren unsere Gehirne wohl einfach zu unterschiedlich, ist die Schnittmenge unserer kulturellen und individuellen Wahrnehmungsfilter einfach zu gering. So kannst du nicht verstehen, warum ich nicht verstehe - für dein Auge liegen die Gleichnsse offen, sind so klar wie irgendwas, während sich bei mir nur die Fragezeichen häufen, weil mein kommunikativer Kontext ein zu anderer ist.
Auch deine Kommis enthalten für meinen Geschmack kaum deutliche Aussagen - es sind meist blumig formulierte Aneinanderreihungen von Anspielungen, ironischen Fragen oder Bemerkungen, die zuweilen ähnlich schwierig zu lesen sind wie deine Verse.

Ich weiß schon, dass du das nicht extra machst, ebenso wenig wie ich dich kränken will. Verbleiben wir also der Einfachheit halber so, dass ich sagen kann, dass deine Gedichte sicherlich sprachliche Kunstwerke sind, sich diese Art der Kunst mir aber nicht erschließt, ähnlich einem ollen Landschaftsmaler, der hilflos vor einem Picasso steht.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Martin Römer

  • Gast
Re: Narrenstück im wehen Nichts
« Antwort #4 am: Februar 22, 2020, 18:14:26 »
Das ist weise gesprochen, mein werter Gefährte.

Ein bisschen musst du aber auch das Geistlein verstehen.
Wie könnte es sich der Sprache der Irrenden und Schwirrenden bedienen?
Und wäre mein Leben ohne Verbrechen verlaufen, gäbe es diese Gesänge wohl nicht.

Picasso würde ich gewissermaßen an einer Grenze sehen.
Hinter diesen Pferdgestalten etc ist noch eine Art gedanklicher Wille erkennbar.
Was anschließend kam, ist wahrlich Unzumutbares und schöner Spiegel dieser Endzeit.

Eine kleine Überschneidung haben wir ja dann aber doch - die einstige Wiesenkönigin!
Nicht immer muss man alle Gründe und Hintergründe gewahren - typisch westlich auch....
Eine Zeit des Dionysischen, die zusammen mit der Dunkelheit des aktuellen Zustandes
zum Schicksal "Stern und Lorbeer" jetzt diesseitig wie jenseitig vollumfänglich ausfließt.

Gar nicht maße ich mir an, jedes Stückchen käme erzenglisch ohne jeden Zierrat aus.
Aber manchmal ist ein Bild auch ein Bild.

Wohldenn, auf dass irgendeine Notiz dir ohne Umschweife mundet.
Anders ist es erfolglos und betrüblich, das siehst du ganz richtig.


Grüße in den Abend
M.