Hi Martin!
Würden wir alle Zeit nur damit zubringen, über die Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten zu grübeln, die von Menschen verübt werden - wir wären kaum in der Lage, überhaupt noch zu leben, geschweige denn, Lebenswertes zu schaffen.
Eine perfekte Welt wäre vielleicht gerecht, aber eben leider auch bodenlos langweilig. Wo es für den menschlichen Geist nichts mehr zu gestalten, erobern, verändern und erreichen gibt, verkümmert er, diese unfertige Larve auf dem evolutionären Weg nach Wer-weiß-wohin ...
Es ist der Fehler unserer Hybris, nebenbei auch in fast alle Religionen eingebaut (siehe: Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde), anzunehmen, wir wären schon "fertig", ein Endprodukt sozusagen. Nicht mal die wissenschaftliche Erkenntnis, dass alles sich verändert, dass evolviert, was lebt, hat zum Umkehrschluss ausgereicht, dass wir selbst nichts sind, was sich als Ganzes, Vollendetes bezeichnen dürfte - weil es so etwas in Leben selbst gar nicht gibt. Weder im einzelnen noch im gesamten!
Wenn wir sterben, sind wir also nichts weiter als abgebrochene Experimente des Daseins auf dem Weg zu etwas, das vielleicht einmal zu ausreichender geistiger und physikalischer Durchdringung fähig sein wird, um sich von den Gesetzen der Materie - und damit des Todes - zu lösen. Bis dahin aber bleiben wir abgestreifte Larvenhäute auf dem Weg zum Schmetterling. Etwas, das wir vielleicht sogar nie erreichen - und das Universum hätte dennoch nichts falsch gemacht. Viele Raupen werden eben auch gefressen ...
Wir sind per definitionem also gar nicht fähig, unsere Umwelt wie uns selbst ausreichend zu stabilisieren, um eine perfekte Welt zu schaffen oder zu ertragen! Warum also uns dies ständig vorwerfen? Wozu diese verzweifelte Sinnsuche, die niemals eine befriedigende Lösung finden KANN? Wir suchen uns eine Beschäftigung, die unsere Leben füllt, aber letztendlich sind wir nur Genbehälter, die eine Entwicklung betreiben und in Gang halten, und nach deren Weitergabe im Grunde überflüssig. Wir messen uns Bedeutung darüber hinaus bei und sprechen uns das Recht zu, Welt zu gestalten, um allein von dieser für uns traurigen Tatsache abzulenken: wir sind Dombauer, aber die fertige Kirche - wenn sie denn je fertig wird und nicht ein Erdbeben, Feuer oder Krieg dies vereiteln - werden wir niemals sehen!
Mein Schluss: Natürlich bin ich traurig und verärgert über all die sinnlosen Opfer unserer Auswüchse - aber ich kann mich auch davon abgrenzen, und das ist gut so. Ich habe mir selbst das Recht zugesprochen, Glück dafür empfinden zu dürfen, dass ich lebe und es mir gut - oder auch besser als anderen, die weniger Glück hatten - geht, ohne darob ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Ich lade mir gewiss nicht alles Leid dieser unfertigen Welt auf, nur weil ich fähig bin, es zu begreifen. Das hieße, selbst auf alles Glück zu verzichten. Soviel Alrtuismus schafft keiner - und ich denke, selbst einem Jesus wurde er hinterher angedichtet!
Dein Lamento über die schlechte Welt ist sicher nachvollziehbar - aber sich ständig NUR darauf zu versteifen und darin herumzurühren, führt zu nichts, außer dass es uns selbst schlechter geht. Jene, die es erreichen und bekehren soll, lesen derlei nicht mal, und wenn, wenden sie sich irgendwann einfach ab, die meisten nicht mal mit einem Ansatz von Beschämung, und die meisten anderen begreifen nicht einmal, dass sie selbst gemeint waren.
Genauso wie wir "gelernt" haben, dass uns die unsäglich schrecklichen täglichen TV-Nachrichten aus aller Welt im Grunde nicht (mehr) berühren: wir blenden einfach aus, was wir nicht hören wollen, was uns zwänge, den eigenen saturierten Hintern zu heben und tätig zu werden.
Nicht, weil wir so herzlos wären - nein, weil wir das volle Erfassen all unserer geistigen wie moralischen Unzulänglichkeit nicht ertrügen! Wir WOLLEN glücklich sein können ...
Ab und an kritisiere ich selbst also in Gedichten, was mir zu tadeln scheint, allerdings wohlwissend, dass ich es mir im Grunde nur selbst von der Seele schreibe, um es ertragen, bewältigen zu können. Bei Lesern nachhaltig damit etwas zu erreichen, wäre ein unverhoffter Bonus, aber ich versteige mich nicht in die Arroganz der Behauptung, dies wäre meine primäre Intention gewesen! Als Gutmensch oder Philanthrop habe ich mich wirklich nie gesehen - und leider die Erfahrung gemacht, dass viele, die diese Rolle nachhaltig nach außen tragen, damit nur manipulieren oder eigene Defizite kaschieren wollen - wie ein Priester, der sich besonders aufopfernd um seine Gemeinde kümmert, um davon abzulenken, dass er heimlich seine Ministranten vögelt.
Was bleibt uns also übrig in so einer unperfekten, ungerechten, unfertigen Welt? Verzweifeln an ihren Dünkeln und Gemeinheiten, dem sinnlosen Schlachten und Bereichern im Namen austauschbarer Ideologien und Götter, oder aus reiner Egomanie oder Soziopathie?
Nein - ich habe in dieser Welt letztlich nur das Recht, das ich selbst mir zuspreche, die Bedeutung, die ich selbst mir verleihe, so lange ich unreif genug bin, Bedeutung zu brauchen. Mich für andere aufzureiben oder an deren Leid zu verzweifeln - was brächte es? Sich die ganze Welt aufzuladen, um vor sich selbst bestehen zu können - wer sich sowas antut, will büßen.
Wofür büßt du?
LG, eKy