Autor Thema: Der Tod in Venedig (Zu Ehren Thomas Mann)  (Gelesen 488 mal)

Erich Kykal

Der Tod in Venedig (Zu Ehren Thomas Mann)
« am: November 24, 2025, 22:10:06 »
Dem Geiste nach, zum Geiste sich erhebend
bezwang er seine Tage zum Gedicht,
und nur nach karger Strenge sich belebend,
erkannte er so vieles an sich nicht.

Des schönen Knaben Wohlgestalt ermessend
erging er sich in falscher Prüderie,
um doch zuletzt, den eignen Stolz vergessend,
entehrt verliebt zu sein wie vormals nie.

Der Gott des Schönen hielt ihn dort gefangen
an jenem faulenden, entrückten Orte,
wo freche Bänkelsänger Schicksal sangen,
entsagend allem Zauber seiner Worte.

Geflohen vor der Lüge seines Lebens,
der Ausflucht einer tief verlognen Kunst,
und in der letzten Phase des Enthebens
betrogen von bedeutungsloser Gunst.

Des Knaben sich am Reizenden Erproben
verführte seine Kargheit zum Gebet,
und wie der Last des Fastenden enthoben
beharkte er das keimverseuchte Beet.

Den Gecken, auf der Hinfahrt so verachtet,
das Alter weggeschminkt, die Jugend jagend,
bespiegelte er nunmehr wie umnachtet,
dem hohen Eigensinne widersagend.

Vergeblich, ach, das unerhörte Trachten,
und tragisch triebhaft der verführte Mann.
Ob Engel sangen oder Teufel lachten?
Ob es Bedeutung darin geben kann?

Des Schönen Wahrheit ist wie Sand am Meere,
begraben in den Wellen aller Zeit.
Der es besingt, bleibt in der eignen Leere
gefangen und am eignen Drang entzweit.

Was wert ist Leben, wenn es doch nur endet?
Was wert ist Schönheit, da sie doch zerfällt?
Was wert ist Schicksal, das wie Hohn sich wendet?
Was wert ist Sterben, wenn die Maske fällt?
« Letzte Änderung: November 24, 2025, 22:16:28 von Erich Kykal »
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