Autor Thema: Einer unter vielen  (Gelesen 2269 mal)

Erich Kykal

Einer unter vielen
« am: Dezember 11, 2019, 15:10:19 »
Wär ich nicht einer unter ach so vielen,
die sich mit jedem Morgen neu erfinden,
von hohen Rössern munter Schicksal spielen,
und alle Bande leugnen, die sie binden …

Wär ich nicht einer unter ungezählten
Eroberern, die hehre Fahnen schwingen
auf jedem Haufen Mist, den sie erwählten,
und glühend ihre eigne Hymne singen …

Wär ich nicht einer von den Überzeugten,
die nie sich fragten, ob sie jemals irrten,
sich niemals guten Argumenten beugten,
die ihre Überlegenheit beirrten …

Wär ich nicht einer unter all den Blinden,
die tastend schreien, dass sie alles sehen,
ich könnte eines Tags mich unterwinden,
zu lernen, zu erkennen, zu verstehen.
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Eisenvorhang

  • Gast
Re: Einer unter vielen
« Antwort #1 am: Dezember 11, 2019, 18:41:33 »
Hallo Erich,

aus der eigenen Haut kann man nur schwer treten. Schlangen sind da im Vorteil.
Und was in den Medien abgeht ist sowieso der Hammer, die Entwicklungen (Instagram, Facebook etc) sind für mich besorgniserregend.
Das Verhalten der Menschen wird irgendwie immer schlechter und es mag eine Zeit funktionieren, wo man gegen ankämpfen kann, aber auch ich habe mittlerweile aufgegeben und wende meinen Fokus mehr auf mich. (Seelenhygiene und Co)...

Und ich frage mich nach dem Lesen deiner Zeilen: Ja, was wäre dann, wenn ich nicht einer derjenigen wäre?

Die Metrik liest sich butterweich.
Hier erkennt man die feinfühlige Kykal' Seele.

Gern gelesen!

vlg

EV

Erich Kykal

Re: Einer unter vielen
« Antwort #2 am: Dezember 11, 2019, 18:58:33 »
Hi EV!

Ich glaube ja nicht an die Existenz von so etwas wie einer Seele - wir haben ein Bewusstsein, einen Charakter, Gefühle. Punkt.  ;)
Aber Genaues weiß man eben nicht, auch wenn es nahezu grenzenlos unwahrscheinlich erscheint - zumindest mir, nach möglichst objektiver Evaluierung aller mir bekannten Parameter - dass es die "Seele" gibt.

Das LyrIch ist hier nicht mit mir identisch - und doch irgendwie, und mit jedem, der das Gedicht liest und versteht. Der jahrzehntelange Wohlstand hat uns zu Eigenbrötlern gemacht, unempathischer, rücksichtsloser, raffgieriger. Und es gibt zu viele Menschen, als unser Mitgefühl erfassen und tragen kann - dafür ist unser Geist (noch?) nicht gemacht.
Seit es das Netz gibt, wo jeder anonym seinen Mist abladen und rumschimpfen kann, ohne eine Strafe oder einen Fausthieb fürchten zu müssen, erkennt man erst, wie kalt unsere Welt geworden ist! Wir ereifern uns über alles, ohne wirklich wesentliche Zusammenhänge zu kennen oder zu verstehen, brüllen einander beleidigend nieder, wollen überall mitreden, ohne uns auszukennen, halten uns für unfehlbar, gebildet und klug - und bemerken die eigene Hybris noch nicht einmal!
Oder wie empfindlich gewisse Gleichgewichte sind, und wie leicht zu kippen!
Heute stand in einer österreichischen Tageszeitung zu lesen, dass laut einer großen Meinungsforschungsumfrage mittlerweile 22% der Bevölkerung sich wieder einen "starken Führer" wünschen würde, nicht eingeschränkt von Wahlen oder Gesetzen, an die er sich halten muss! Wohl alles vergessen seit 45 - oder in der Schule nie gelernt!?

Alles kommt in Wellen. Wir hatten das Glück, in einer Phase zivilisierten Wohlstands zu leben - aber wozu hat uns das gemacht? Offenbar braucht der dumme Mensch immer wieder eine harte Lektion darüber, was geschieht, wenn er die Dinge schleifen lässt und negativen Kräften Tür und Tor öffnet. Ich sehe eine neue Zeit der Dunkelheit auf uns zurollen - sie wirft ihre Schatten bereits voraus!

Vielen Dank für deine Gedanken!  :)

LG, eKy
« Letzte Änderung: Oktober 31, 2020, 12:29:30 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Eisenvorhang

  • Gast
Re: Einer unter vielen
« Antwort #3 am: Dezember 11, 2019, 20:09:45 »
Als Individuum, das sich in dieser Welt hoch subjektiv begreift und subjektiv kommuniziert, finde ich es extrem schwierig mit all den Gefühlen zu haushalten.
Man wird mit so viel Müll zugeschüttet... Damit muss man erstmal zurechtkommen und am Ende vor allem mit sich selbst.
Sehr viele Begriffe sind für mich schwer zu erfassen: Demut, Vergebung, Seele, Dankbarkeit - das Leben ist doch viel mehr als das, was uns die Welt im Deckmantel aller Begrifflichkeit weis machen will.

Was ich bisher verstanden habe ist, dass sich alles im Wandel befindet, weswegen ich auch nicht ans ewige Leben glaube. (Damit möchte ich ausdrücken, dass der Seelenbegriff für mich schwer zu erfassen ist).
Die Bäumen im Sommer, sind nicht die Bäume im Winter - ein Mensch stirbt, ein neuer wird geboren.
Wir durchleben die erste Erinnerung in unserem Leben, als kleines Kind und erleben viele wenige Jahre später die letzte Erinnerung. Das lebendige Leben in Körper und Geist wandelt sich wie der Baum im Sommer zu dem Baum im Winter. Im Tod ist das meiner Meinung nach nicht anders.
Umso wichtiger finde ich es, an den Dingen festzuhalten, die für uns Menschen greifbar sind.
Wenn 22 Prozent sich einen "Führer" wünschen, dann zeigt das doch nur, in welche Verlorenheit wir Menschen uns in unserem Dasein befinden. Die Medien haben das erkannt und wirken somit als vierte Staatsgewalt wie ein Führer. Natürlich funktioniert das wie ein künstlicher Markt.

Ich sehe das ähnlich wie Du, nur etwas anders: Die Zeit der Finsternis wird nicht kommen, sie ist bereits da.
Wir Lyriker besitzen ein Ventil des Trostes und der Besinnung. Was wären wir wohl ohne dem Wort? Hinfort?

Schön finde ich, dass ich versorgt bin und ich bin froh über diverse Technologien.
Aber die Natur auf unserer Welt spricht eine klare Sprache: Die kommenden Generation sind wahrhaftige Zeugen des Zerfalls.
Und ich wünsche mir vom Herzen, dass ich bis dahin nicht mehr lebe.
Mir reicht der ganze Scheiße jetzt schon.

vlg

EV

Erich Kykal

Re: Einer unter vielen
« Antwort #4 am: Dezember 11, 2019, 23:16:45 »
Hi EV!

Wenn du meinst, dass es bei uns schon schlimm ist, dann zieh mal in die Türkei und kritisiere die Regierung! Oder für die ganz Harten: Urlaub in Syrien, mit einem T-Shirt, auf dem in Arabisch steht: "Allah happens!"!  ::) >:D

Aber ich verstehe, was du meinst. Hoffen wir, dass wir auch weiterhin das Maul aufreißen dürfen, ohne fürchten zu müssen, abgeholt zu werden und zu verschwinden ...

LG, eKy
« Letzte Änderung: September 05, 2020, 16:33:21 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Agneta

  • Gast
Re: Einer unter vielen
« Antwort #5 am: Dezember 15, 2019, 11:30:21 »
das ist ja schon fast biddhistisch, Erich. Ja, wenn man mal über sich selbst nachdenkt, versteht man andere besser. Vielleicht aber auch ga nicht mehr... Lächeln von Agnetar

Erich Kykal

Re: Einer unter vielen
« Antwort #6 am: Dezember 15, 2019, 19:52:02 »
Hi Agneta!

Buddhistisch wäre optimistischer - hier im Gedciht bleiben Lernen, Erkennen und Verstehen ja im Konjunktiv.

Vielen Dank für deine Gedanken!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.