Autor Thema: Im Vorübergehen  (Gelesen 103 mal)

Sufnus

Im Vorübergehen
« am: Oktober 29, 2018, 12:21:04 »
Im Vorübergehen

Wie rasch das honigfarbne Licht
durchs Sieb des späten Tags
ins Dunkle fließt,

wie eine Knospe, die verwirft,
was sie geheimnisvoll im Innern birgt:
Im Aufbrechen, im Blüte werden,

als ob, was da ist, dazu da ist,
dass wir's verlieren können
und es kostbar wird.

------------------

In freier Übertragung nach dem Gedicht In passing von Lisel Mueller
« Letzte Änderung: November 01, 2018, 17:47:23 von Sufnus »

Agneta

Re: Im Vorübergehen
« Antwort #1 am: Oktober 29, 2018, 12:26:57 »
alles, was vergänglich ist, ist kostbar, lieber Sufnus.
Das Sieb würde ich weglassen, die Bilder sind stark genug.
Die ersten beiden Verse sind sehr lyrisch geschrieben, was säter abflacht. Hier würde ich nochmal feilen und im poetischen Stil bleiben.
Sehr gerne gelesen mit lG von Agneta

Sufnus

Re: Im Vorübergehen
« Antwort #2 am: November 01, 2018, 17:44:51 »
Danke Agneta!
Das Ende möchte ich nicht zu "lyrisch" (klangschön, besänftigend) gestalten - die Tonlosigkeit des Schmerzes soll sich (mit)abbilden.
Da der erste Satz mit dem "gewagten" Siebvergleich bestimmt falsche Erwartungshaltungen weckt, habe ich aber nochmal etwas umgeändert.
Lg
S.

Eisenvorhang

Re: Im Vorübergehen
« Antwort #3 am: November 01, 2018, 22:00:33 »
Hey Sufnus,

Eine Frage: 

"Siebvergleich bestimmt falsche Erwartungshaltungen weckt"

Was meinst Du genau damit?

vlg

EV

Sufnus

Re: Im Vorübergehen
« Antwort #4 am: November 04, 2018, 15:35:09 »
Hey EV!
Der "Siebvergleich" bezieht sich auf die Vorgängerversion (die noch in Deinem Thread "cum discederet I" zu finden ist), bei der gleich in der ersten Zeile das Sieb eingeführt wird, ein Wort, das m. E. im Deutschen eher selten im Kontext "ernster" Lyrik auftaucht (wahrscheinlich aufgrund von Ausdrücken wie "Gedächtnis wie ein Sieb", bei denen etwas Humoristisches mitschwingt). Zwar steht das Sieb in der Schlüsselzeile eines der traurigsten Gedichte deutscher Sprache ("die Löcher sind die Hauptsache an einem Sieb"), aber hier verstellt der als "lustig" missverstandene Autor Ringelnatz den Zugang zum Ernst des Verses.
Jetzt ist das Sieb in die zweite Zeile verbannt worden, so dass die erste Zeile eher einen Ton vorgeben und die entsprechende Erwartungshaltung wecken kann.
Lg
S.
« Letzte Änderung: November 04, 2018, 15:38:44 von Sufnus »

Eisenvorhang

Re: Im Vorübergehen
« Antwort #5 am: November 06, 2018, 08:37:44 »
Hey Suf,

viele Dichter hatten doch ihren eigenen Wortschatz.
Rilke und Hesse bspw.

Ich finde die Metapher mit dem Sieb echt gut, weil sie sehr bildlich ist.
Geändert hätte ich das nicht.

Wenn die Sprache mit viel Liebe verpflanzt wurde, so kann doch alles ernste Lyrik sein.
Lieber etwas schaffen, dass authentisch wirkt als nen Klotz hinzuwerfen, der nur vor pseudo stinkt.

vlg

EV

Sufnus

Re: Im Vorübergehen
« Antwort #6 am: November 06, 2018, 13:57:08 »
Hey EV!
Ich bin in der Lyrik ja kein ausgesprochener Hesse-Fan, dessen Stärke ich persönlich eher in der narrativen Kleinform (also auch nicht im Roman!) sehe - aber das steht natürlich auf einem anderen Blatt und bedeutet auch nicht, dass ich ihn nicht für einen sehr bedeutenden (mir nur nicht besonders lieben) Lyriker halte. Die (mir echt zu den Ohren rauskommenden) "Stufen" muss man auch erstmal hinkriegen... Ehre, wem Ehre gebührt...
Ein eigener Wortschatz im Sinne einer gewissen Wiedererkennbarkeit ist aber sicher eine gute Sache. Aber nicht jeder Ausdruck der eigen (im Sinne von eigenwillig) ist, ist auch schon gut oder gar genial - manchmal trifft das zu und manchmal ist es eher gewollt und gekünstelt.
Das "Sieb" kam mir beim zweiten Lesen in diesem Kontext etwas "eigen" im weniger guten Wortsinne vor, weshalb es in die zweite Reihe (Zeile) verbannt, aber immerhin ohne dass es ganz gestrichen wurde.
Lg!
S.

Eisenvorhang

Re: Im Vorübergehen
« Antwort #7 am: November 06, 2018, 22:33:19 »
 :) Ich wollte Hesse ja nicht im Speziellen nennen. Nur verdeutlichen, wie divers aber auch monogam Sprache sein kann. Das betrifft nicht nur Hesse, sondern alle Dichter in der Lyrik.
Jeder hatte seins.

Mit so Kategorien wie gut, schlecht, ernste Lyrik, gute Lyrik, etc...
Man setzt sich Grenzen. Du machst Dir ausschweifende Gedanken um deine Werke, die ein hohes intellektuelles Maß innehalten.
Aber zerdenke Deine Arbeit nicht. Sonst folgen irgendwann die Ketten und dienSchaffenskrise.

Die Änderung kann ich nachvollziehen. Mir gefiel aber beides.

vlg EV