Autor Thema: Vorübergehend  (Gelesen 14 mal)

Agneta

Vorübergehend
« am: März 14, 2019, 14:01:38 »
Vorübergehend

Vorübergehend sind die Menschen, die Tage, selbst die Jahreszeiten. Menschen gehen aneinander vorüber und Anna fragte sich, weshalb das so sein musste.
Dort, wo sie bisher gelebt hatte, hatten die Menschen das nicht getan. Immer ein freundliches Wie isset, ein kleines Gespräch auf den Lippen. Hundebesitzer gingen gemeinsam, wenn sie denselben Weg hatten, auch, wenn man sich gar nicht kannte. Man redete, lachte und schaute den Hunden beim Spielen zu.
Hier liefen die Leute irgendwie voreinander fort. Hunde schnüffelten und jeder ging seiner Wege, wortlos oftmals. Dann spazierte man hintereinander her und Anna fragte sich, weshalb das so sein musste.
Heute wischt sie den Hausflur und die netten Nachbarn von oben drüber, mit denen Anna und ihr Mann sich gegenseitig zum Kaffee geladen hatten, ebenso. Es war gemütlich und nett gewesen, ein schön gedeckter Tisch, ein frischer Kuchen. Mit Lachen und Umarmung hatte man sich verabschiedet. Ab und zu war die Frau mit in Annas Wohnung gekommen und hatte die neueste Deko gelobt. Ein Umgang miteinander, den Anna mit ihren alten Nachbarn in Köln dreißig Jahre lang so gepflegt hatte. Nie hatte es Streit oder richtigen Ärger gegeben.

Kölsch spricht hier niemand, obwohl die Gegend auch zum Rheinland gehört und Anna scherzt nun, während sie den Wischkappen schwenkt, nach oben: Wie isset? Ihre Frau kütt jar ni mi Deko schauen, ist sie krank?
Da schnauzt der Mann, der letzte Woche noch den Kuchen lobte, den sie hinaufgebracht hatte, sie aufgebracht an: Wir wollen das nicht! Guten Tag, guten Weg, das wars!
Anna schaut ihn schockiert an und schweigt, während sie sich bückt, um den Wischlappen auszuspülen. Er ist braun, undefinierbar schmutzig, obwohl es im Flur gar nicht so schmutzig ausgesehen hat. Sie fühlt sich, als habe man ihr ins Gesicht geschlagen. Und sie fragt sich, weshalb tut der Mann das?
Ja, Anna hat sich vorher freundlich mit denen unterhalten, die der Nachbar von oben nicht mag. Sie haben wohl Streit. Aber in Köln war das so, man redete mit jedem und weshalb auch nicht. Anna hat hier keinen Streit. Es geht sie nichts an, was die beiden haben.
Sie hätte zurückbrüllen können, sie kann das durchaus. Aber sie bekommt kein Wort heraus.
So dreht sie sich herum und beginnt die Haustüre abzuwaschen, was vor ihrem Einzug hier niemand getan hat. Anna putzt, obwohl die Scheibe längst sauber ist und in ihrem Kopf überschlagen sich die Gedanken: Komm, Mädschen, jeder Jeck is anders, saajt mer in Kölle. Was hast du erwartet? In diesen alten Leuten deine liebenswerten Nachbarn wieder zu finden, mit denen du seit Jahren befreundet bist? Oder vielleicht klappt das ja auch einfach nicht mit Düsseldorf und Köln, scherzen die Karnevalisten ja seit jeher drüber… Wenn sie keinen engeren Kontakt wollen, ok, aber nee: Anbrüllen lassen, muss ich mich nicht!
Und plötzlich kommt der Nachbar die Treppe herunter und fragt, als wäre nichts gewesen: Ist der Müller wieder im Krankenhaus? Anna mag keinen Tratsch. Noch nie mochte sie das. Und jetzt hat der die Chuzpe, sie wieder anzuschleimen?
Anna wirft ihren Lappen in den Eimer, zu fest vielleicht und das dunkle Wischwasser spritzt hoch. Sie antwortet unfreundlich: Keine Ahnung und sieht den Mann dabei nicht an.
« Letzte Änderung: März 14, 2019, 14:24:31 von Agneta »

Erich Kykal

Re: Vorübergehend
« Antwort #1 am: März 14, 2019, 17:08:59 »
Hi Agneta!

Der klassische Dominoeffekt! Allerdings lag der erste Fehler bei dem Mann, der es offenbar nicht ertragen konnte, wenn jemand freundlich mit Leuten plaudert, die er nicht mag - das ist sehr parteiisch gedacht, und oberflächlich obendrein. Der Typ sollte mal nachdenken gehen ...

Ein Erlebnis, reflektiert aus deinem "neuen" Umfeld nach dem Umzug?

Sehr gern gelesen!  :)

LG, eKy

Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
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Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.