Autor Thema: Alterskälte  (Gelesen 2133 mal)

Agneta

  • Gast
Alterskälte
« am: September 26, 2019, 11:24:14 »
Alterskälte

Ich rieche die Kälte, wenn ich meine Balkontüre öffne, um draußen zu rauchen. Sie wabert über die Rattanstühle, hängt sich in die Federkissen ein, die dort als Rückenstütze liegen. Regenschwaden hängen in den Bäumen. Fallend, tropfend zersetzen sie sich. Langsam, fast zögernd. Noch ist nicht Winter. Wir sind die Jüngsten hier im Haus mit Anfang Sechzig.
Der Herbst steckt noch in den Kinderschuhen. Bisher verwöhnte er mich mit seinem goldenen Licht. Vor kurzem noch wanderte ich kilometerweit mit meinen Hunden durch scheinbar unbegrenzte Felder. Es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen.
Heute kriecht diese Kälte meine nackten Beine empor. Ich mag keine Strümpfe.

Der Pflegedienst kommt zu den Nachbarn. Auf den Balkon weht eine milde Fahne von Duschgel und Urin. Ein Haus voller alter Leute, fast alle weit über achtzig. Täglich sehe ich, wohin der Lebenszug fährt, wohin es geht. Ich rieche das Alter, die Vergänglichkeit, verlorene Zeit. Immer, wenn ich durch den Hausflur gehe, springt es mich an.
Manchmal bringe ich den direkten Nachbarn ein paar Stücke selbst gebackenen Kuchen. Ich backe ja nicht mehr, murmelt die runzelige Frau mit den geschwollenen, rot geränderten Augen und lächelt. Unbeholfen, dankbar und wie mir scheint,  ein wenig beschämt. Ich weiß nicht, was überwiegt und überlege, es demnächst zu lassen.
Ich sage, es wird Winter. Ja, klagt die Frau und nestelt an ihrer zerschlissenen Strickjacke, uns bleibt ja nichts als Fernsehen. Aber wir wollen doch noch uralt werden!
Ich nicht! antworte ich bestimmt. Mich fröstelt.
Mein Blick gleitet von ihren geröteten Augen zur gläsernen Haustüre, an der der Regen in feinen Streifen herab läuft. Unaufhörlich. Unabänderlich.




Eleonore

  • Gast
Re: Alterskälte
« Antwort #1 am: September 26, 2019, 17:54:10 »
Hallo Agneta,

ein Stimmungsbild des Unabänderlichen, das Dir sehr gelungen ist.

So ist es auch, das Leben. Eine große Zumutung, immer wieder mal.

Wenn da nicht die andere Münzenseite wäre, die mit den Schmetterlingen, der Leichtigkeit und dem Geruch von Maiennächten, den anbrandenden Wellen des Meeres und der Berührung im Blick eines Menschen, der uns sieht,
frau könnte verzweifeln.

In meinem letzten Wohnblock war ich auch eine der jüngsten Bewohnerinnen und konnte die mannigfachen Arten zu altern beobachten - zum Gruseln abschreckend teilweise.
"An manchen Fensterkreuzen hängen Tote, die erst in ein, zwei Jahren sterben werden. Im Rinnstein fließt das Leben ab. Ein Heilsarmist verliest die zehn Gebote.  Man hat es satt und legt sich hin zum Sterben, doch selbst zum Sterben ist die Zeit zu knapp... . " K. Wecker.

Die Tage, die nun kommen werden, sind mit ihrem Trübsinn und ihrem Nebel nicht angetan, uns froh zu stimmen. Wie gut, dass ab dem 21. XII das Rad wieder in Richtung Lichtzuwachs geht.

Liebe Grüße

Eleonore
« Letzte Änderung: September 26, 2019, 17:56:16 von Eleonore »

Erich Kykal

Re: Alterskälte
« Antwort #2 am: September 26, 2019, 19:24:33 »
Hi Agneta!

Ja, wir fallen wie der Regen, wachsen der Erde zu, versickern ...

Uralt werden ist nicht das Ziel, und es gibt keinerlei Garantie darauf. Und für viele, die es werden, ist es eine Qual. Egal wann deine Zeit gekommen ist, vielleicht genügt es dann sagen zu können, dass du mehr richtig gemacht hast als falsch, dich nie aufgegeben hast und dich immer bemüht hast, niemanden zu verletzen. Mehr kann man im Leben nicht richtig machen!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Agneta

  • Gast
Re: Alterskälte
« Antwort #3 am: September 26, 2019, 22:41:18 »
Ja, liebe Eleonore, gut hast du nachgespürt: das Leben ist manchmal eine große Zumutung. Solch eine Atmosphäre bedrängt, macht vielleicht auch Angst.
Vielleicht sehe ich es auch so, weil ich 2 Jahre meine Mutter habe sterben sehen und 1 Jahr davon verzichtbar gewesen wäre. Für alle. keiner wollte mehr, aber man ließ sie nicht sterben.
Es geht nicht darum Alte loswerden zu wollen, aber man sollte selbst entscheiden können, wann Schluss ist .
Ich versuche dies auszugleichen, indem ich mich mit jungen Menschen umgebe. Gestern wieder waren meine Kinder und ihre Freunde hier. Es war laut, lustig und richtig schön.
Danke dir und lG von Monika

Liber Erich,

wenn ich sehe, mit welcher großen Freude und Empathie meine Kinder und mein marokkanischer Ziehsohn kommen, dann kann ich so ganz viel nicht falsch gemacht haben. GGG Und doch möchte ich keinem von Ihnen zur Last fallen, unansehnlich und unappetitlich werden und dies lange sein. Dann lieber Tschö mit ö...
LG von Monika

Eleonore

  • Gast
Re: Alterskälte
« Antwort #4 am: September 26, 2019, 23:30:24 »
Hallo liebe Agneta,

die alten Menschen nicht gehen zu lassen, ist eine fürchterliche Sache.
Kürzlich sagte mir eine alte Frau im Bus, sie wolle gehen, sie halte es nicht mehr aus. Ich wünschte ihr ein leichtes Hinüberkommen auf die andre Seite - wohlwissend, dass die meisten Menschen versuchen würden, sie zum Bleiben zu animieren und ihr "die Story vom Pferd" zu erzählen bzgl. eines Sinnes, der noch zu finden bzw. zu erleben sei.

Es tut mir leid, dass Deine Mutter einen so langen Tod sterben musste.
Auch den Ärzten und ihrem Größenwahn ist es geschuldet, dass sie den natürlichen Rhythmus des Lebens nicht hinnehmen können. Überall pfuschen sie drein.

Meine Mutter ist vor drei Monaten gestorben - sie ist von einer Operation nicht mehr wachgeworden. Ein leichter und gnädiger Tod - gnädig wohl auch deswegen, weil festgestellt worden ist, dass sie nach der OP vermutlich ein Pflegefall geworden wäre.

Ich hoffe, wenn meine Zeit hier zu Ende geht, dass es leicht werden kann. Im Wartezimmer des Todes zu sitzen und zu siechen, werde ich nicht zulassen. Ich hoffe, ich bin noch fit genug, mir dann irgendwie "die Kugel zu geben".

Ich schrieb mal folgende Zeilen

Milchmädchenrechnung

Ich werde ganz sicher einmal,
ja ganz sicher werde ich
mit einem Lächeln auf den Lippen sterben.

Es sei denn,
der Tod macht mir vorher einen Strich
durch die Rechnung.


Das "Hinwarten" auf den Tod macht sicherlich Angst, ist bedrängend. Aber jedeR kann es auch selber gestalten. Meine beste Freundin erzählt mir manchmal von einer Bekannten, die an Krebs erkrankt ist. Sie ist manchmal sehr schwach und die Krankheit ist wohl nicht zu bändigen. Dennoch nimmt sie am kulturellen Leben teil wie ehemals und tut auch sonst alle ihre Dinge. Viele Menschen, glaube ich, ergeben sich in eine Resignation und sitzen dann ihre Zeit hier nur noch ab.

Dass Dir das Sein mit den jungen Menschen soviel Freude bringt, verstehe ich.
Ich arbeite aktuell mit 3- 7-jährigen und habe mir diese Gruppe bewusst ausgesucht, weil dort noch soviel Veränderung möglich ist. Wenn ein Hagelschauer fällt, dann ist er nach der nächsten MÄrchenstunde und einem Lied längst Vergangenheit - wohingegen die älteren Menschen Dir jahrelang von ein- und demselben Hagelschauer in ihrer Biografie erzählen und Spuren längst nicht mehr zu tilgen sind. Ich genieße dieses Zusammensein mit den ganz Kleinen sehr.

liebe Grüße

Eleonore

« Letzte Änderung: September 26, 2019, 23:42:59 von Eleonore »

Agneta

  • Gast
Re: Alterskälte
« Antwort #5 am: September 27, 2019, 18:04:01 »
danke, dir, liebe Eleonore, für deine Gedanken und deinen Vers.
Die Hierhaltetaktik von alten, sehr kranken Menschen, ist unserem Gesundheitssystem geschuldet. Mit niemandem wird mehr verdient als mit Bettlägerigen, obwohl die Pfleger fehlen. Ein Graus ist das und menschenunwürdig.
Ich umgebe mich gern mit jungen Menschen, weil sie nicht immer von ihren Krankheiten erzählen, die haben wir schließlich alle selbst. Und ich möchte den jungen Blick auf diese Welt nicht verlieren. darum sind mir diese Gespräche wichtig.
Zu deinem Vers:
Ob unsere (Be)Rechnungen aufgehen im Leben, das weiß man nie. Man kann nur darauf hinarbeiten und dann gehört auch ein bisschen Glück oder Gottes Fügung dazu. Wenn man mit einem Lächeln auf den Lippen stirbt, dann ist man entweder des Lebens müde oder man hat alles im Leben gehabt, was glücklich gemacht hat. Und damit meine ich nicht unbedingt Materielles.
Ich persönlich möchte niemandem zur Last fallen, denn ich sah es bei meiner Mutter, wie es einen mitnimmt und dass es einen auch in finanzielle Not bringen kann (Sandwich-Generation). Ich habe ein schönes Leben, jedenfalls überwiegen die Glücksmomente. Doch manchmal denke ich: wars das schon? Meinen größten Wunsch, den ich noch hatte, hat mir vor drei Jahren meine Tochter erfüllt: den kleinen Enkel-
Ich werde gebraucht und habe keine Zeit, Trübsal zu blasen. Nachdem die Babyschichten in den ersten Jahren sehr anstrengend waren, weil wir weit auseinanderwohnten, ist es nun einfacher, weil wir ja u.a. deswegen her gezogen sind. So fallen keine Nächte mehr an. wo man ja nicht schläft. Außer in der Unipräsenz, da ist meine Tochter dann 3 Nächte weg.
Ich bin gerne aktiv und draußen. Darum, um auf die Kurzprosa zu kommen, frage ich mich, warum wollen Menschen leben, die nicht mehr raus können ohne Hilfe von anderen annehmen zu müssen?
LG von Agneta
PS. Trau dich doch und stell mal Werke ein. Die Kollegen sind nett hier!

wolfmozart

Re: Alterskälte
« Antwort #6 am: September 28, 2019, 10:18:10 »
Schöner Text Agneta.
Hat Tiefgang und du hast ihn gut formuliert.

Lieben Gruß wolfmozart

Agneta

  • Gast
Re: Alterskälte
« Antwort #7 am: September 29, 2019, 12:09:44 »
vielen Dank, lieber Wolf. LG vn Agneta